„Die ganze Vielfalt des Theaters abbilden“

Die künstlerische Leiterin Birgit Simmler über Spielplangestaltung, „neue Linien“ und die Dimension von Theater

Etwas zum Lachen, etwas zum Nachdenken, etwas zum Mitfiebern, etwas zum Entspannen, etwas Neues, etwas Bekanntes: Die Erwartungen, die jeder von uns ganz individuell an einen Theaterbesuch stellt, sind vielfältig. Dies alles dann in Form eines allgemeinen Spielplans unter einen Hut zu bringen, gepaart mit der eigenen Konzeption und dem eigenen künstlerischen Anspruch, ist die Aufgabe einer Künstlerischen Leitung. Was sich nach einer Herkulesaufgabe anhört, verantwortet Birgit Simmler bei den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel bereits im zweiten Jahr. „Mir geht es darum, die ganze Vielfalt des Theaters abzubilden“, betont Simmler.

„Ich möchte Geschichten erzählen mit nachvollziehbaren und dreidimensionalen Charakteren”

Birgit Simmler

Als sie die Künstlerische Leitung der Festspiele übernommen hat, war sie mit einer klaren Konzeption nach Oberfranken gekommen – großes Erzähltheater mit einer Gegenwartsrelevanz und vor allem mit einem Schwerpunkt auf den Text auf die Bühne zu bringen. „Ich möchte Geschichten erzählen mit nachvollziehbaren und dreidimensionalen Charakteren, mit unterschiedlichen Stoffen und in unterschiedlichen Formaten“, erklärt Simmler. Dazu gehört für sie auch, alle Formate – ganz gleich, ob dramatisches oder komödiantisches Schauspiel, ernstes oder unterhaltendes Musical, Oper oder Operette – ernst zu nehmen.

Sehr wichtig ist Birgit Simmer die Arbeit mit lebenden Autoren sowie auch die Möglichkeit, selbst zu schreiben: Stand im vergangenen Jahr das „Dschungelbuch“ aus ihrer Feder auf dem Spielplan (Musik und Liedtexte: Paul Graham Brown), ist es in der aktuellen Spielzeit das Musical „Zucker“, das Simmler erneut mit Paul Graham Brown geschrieben hat. Mindestens genauso wichtig ist es ihr aber auch, mit Autoren an der Entwicklung von Themen zu arbeiten. Das kann dann beispielsweise so aussehen, dass ein vorgegebener Stoff in einer bestimmten Form mit einem bestimmten Team erarbeitet wird. „Wichtig sind hierfür Bedingungen, damit sich die Autoren wohlfühlen und entfalten können“, stellt Simmler fest. Dies alles ist natürlich ein Prozess, der nicht von heute auf morgen funktioniert. „So etwas hat einen Vorlauf von zwei bis drei Jahren“, erläutert die Künstlerische Leiterin.

Birgit Simmler

“Es dauert mindestens drei Jahre, um beurteilen zu können, ob sich neue Formate durchsetzen.”

Birgit Simmler

Die Luisenburg-Festspiele sind eine feste Größe in der deutschsprachigen Freilicht-Theaterszene. Und sie lassen sich auch ganz klar verorten: „Ich finde, man kann auf die Region maßarbeiten!“ Mit dem Musical „Zucker“ wird in dieser Spielzeit erstmals ein regionaler Stoff aufgegriffen – und wenn es nach Birgit Simmler geht, wird dies auch nicht der letzte sein. Stoffe dafür hat sie schon einige im Kopf. Simmler ist aber realistisch: „Neue Formate können an der Kasse auch floppen. Es dauert mindestens drei Jahre, um beurteilen zu können, ob sich neue Formate durchsetzen.“

Im Gespräch verwendet Simmler immer wieder den Begriff „Stoffe“:. „Der Stoff bestimmt oft ganz unabhängig von der Machart des Stückes, wie erfolgreich ein Werk sein kann“, erklärt sie. Ihrer Absicht nach sei es möglich, Theater zu machen, in dem „Kunst“ und „Kasse“ kein Widerspruch sind. „Das kann zusammengehen und hängt davon ab, was man erzählt“, so Simmler. Für alles, was auf der Luisenburg passiert, orientiert sie sich an dem kreativen Anspruch, handwerklich auf höchstem Niveau zu arbeiten: „Ob aus der Handwerkskunst aller Beteiligten dann auch wirklich Kunst wird, kann ein Theater gar nicht bestimmen!“ Ihre Verantwortung als Künstlerische Leiterin ist es dafür zu sorgen, dass die Festspiele unter den Gesichtspunkten „Kasse“ und „Kunst“ funktionieren.  Aus diesen Gründen sei auch ein entsprechender Mix im Spielplan notwendig.

Simmler will, darf und muss im Spielplan neue Linien etablieren, allerdings behutsam, so dass sie die Leute auch mitnehmen kann. Das Neue muss und soll sich mit der Dramaturgie verbinden, die es bisher gegeben hat. Dass es hierbei allerdings neue Akzentuierungen gibt, liegt in der Natur der Sache. „Jeder hat seine eigene Handschrift, egal, ob man Doll, Fieber, Lerchenberg oder Simmler heißt“, betont die Künstlerische Leiterin. Das Volksstück auf der Luisenburg muss für sie nicht unbedingt das traditionelle Dialektstück mit alpenländischem Flair sein. Der „Andreas Hofer“ im vergangenen Jahr sei das zwar gewesen, im aktuellen Spielplan sieht sie „Die Päpstin“ als Volksstück, in dem die Probleme des „einfachen Volkes“ aufgegriffen werden. Das Komödiantische in dieser Spielzeit geht für Simmler zusammen mit dem Klassiker: „Shakespeare in love“ sei „zum Schreien komisch“, so Simmler, zugleich habe das Stück einen dramaturgisch genialen Bau und ganz viel von shakespearianischer Sprache.

„Was man in einem Jahr vielleicht im Volksstück gefunden hat, kann im nächsten Jahr vielleicht im Musical entdeckt werden“

Birgit Simmler

Wenn Simmler über die Theorie der Spielplangestaltung spricht, dann kann sie dabei auch recht konkrete Bilder zurückgreifen: Wie in einem Baukasten gehe es darum, jene Elemente zu nehmen, die die Leute mit gutem Theater verbinden, und diese zu einem Mosaik zu vermischen, in dem alle vorkommen. Sich dramatisch berühren lassen, Unterhaltung und Anreize zum Lachen, ein opulentes Bühnengeschehen – das sind nur einige wenige dieser Elemente, die die Künstlerische Leiterin im Blick hat. „Was man in einem Jahr vielleicht im Volksstück gefunden hat, kann im nächsten Jahr vielleicht im Musical entdeckt werden“, so Simmler. Der Spielplan für eine Luisenburg-Saison entsteht nicht an einem Tag. „Die Stücke werden nach und nach gesetzt“, so Simmler. Hierfür ist auch ein umfangreicher Beratungsprozess im Haus sowie mit weiteren Experten nötig. „Ich stelle die Ideen auch regelmäßig im Kulturausschuss der Stadt vor“, verrät Simmler.

Das Theater an sich hat für Birgit Simmler eine ganz wesentliche Dimension: „Theater ist der Ort der Kunst, an dem ich Menschen dazu anregen möchte, als Persönlichkeit zu wachsen – die Leute auf der Bühne und die Leute im Publikum.“ Sie bezeichnet sich als große Verfechterin des Ansatzes „Bildung durch Kultur“, indem man sich mit den Leuten in eine offene Diskussion begebe, auf die sich diese auch einlassen. Es gehe dabei aber nicht ums Vorschreiben oder Oktroyieren, sondern darum, eine Plattform zu bieten. Im Theater als „Ort der Toleranz und Demokratie“ könne man sich, ohne irgendwelchen Gefahren ausgesetzt zu sein, mit ganz anderen Menschen, ganz anderen Sichtweisen und ganz anderen Leuten auseinandersetzen. „Damit ist für mich Theater gesellschaftlich hoch relevant“, sagt Simmler.

Ein Artikel von Holger Stiegler

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