Spielzeit 2008

Das Familienstück
Räuber Hotzenplotz

Familienstück nach den gleichnamigen Kinderbüchern von Ottfried Preußler

Stückbeschreibung

Otfried Preußlers Kasperl-Geschichte gehört nicht nur als Buch zu den Bestsellern der Kinder- und Jugendliteratur, sondern ist auch als Theaterstück überall wo es gespielt wird der „Renner” schlechthin. Auf der Luisenburg wurde das Stück mehrfach gezeigt und ist bereits Spitzenreiter in der Hitliste der bisherigen Kinderstücke.

Es ist für Intendant Michael Lerchenberg auch Ansporn und Verpflichtung zugleich, das Kinder- und Familienstück nur renommierten Theaterleuten anzuvertrauen. In diesem Jahr inszeniert Christian Nickel, der sich in der letzten Saison mit dem „Faust“ erfolgreich vorgestellt hat, den „Räuber Hotzenplotz“. (umgekehrt bereitet Petra Wüllenweber, der die wunderschöne „Pettersson- und Findus“-Aufführung der letzten Saison zu verdanken war, diesmal den Klassiker „Die Räuber“ von Schiller). Die Bühne hat Peter Engel für den „Räuber Hotzenplotz“ eingerichtet, der im letzten Jahr Petterssons Bauernhof auf die Bühne gezaubert hat. Die Kostüme entwarf Julia Wernhard. Für die Musik zeichnet Heinz Grobmeier verantwortlich – und er spielt sie auch gleich selbst auf einem ausgefallenen Instrumentarium. Das allein schon ist für Kinder und Erwachsene eine Reise zur Luisenburg wert.

Die Titelrolle des Räuber Hotzenplotz spielt Alfred Schedl, ohne den man sich ein Kinder- und Familienstück auf der Luisenburg nur schwer vorstellen kann. Die Hauptpersonen aber sind Kasperl (Stefan Pohl) und Seppl (Till Florian Beyerbach), die ihrer Großmutter (Adolf Adam) eine selbstgebastelte „musikalische“ Kaffeemühle zum Geburtstag schenken. Die würde Hotzenplotz auch gerne haben. Und was ein guter Räuber ist, der nimmt sich, was er braucht.
Damit nimmt das „Unheil“ seinen Lauf. Was der gewichtige Wachtmeisters Dimpfelmoser (Gerhard Wittmann) nicht einmal mit Hilfe einer schrulligen Wahrsagerin, der Witwe Schlotterbeck (Uschi Reifenberger), schafft, nämlich den Räuber zu fangen, versuchen Kasperl und Seppl. Aber so einfach ist das nicht. Sie tappen in eine Falle, machen unliebsame Bekanntschaft mit dem großen und bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann (Jürgen Fischer). Würde nicht die zur häßlichen Unke verzauberte bezaubernde Fee Amaryllis (Martina Ambach) helfen, käme es zu keinem guten Ende: bei der Großmutter mit frisch gemahlenen Kaffee und Pflaumenkuchen mit Schlagsahne.

Premiere: Mittwoch, 28. Mai 2008, 10.30 Uhr

Besetzung

Regie: Christian Nickel • Bühne: Peter Engel • Kostüme: Julia Wernhard • Musik: Heinz Grobmeier

Mit Alfred Schedl als Räuber Hotzenplotz, Martina Ambach, Uschi Reifenberger • Adolf Adam, Till Florian Beyerbach, Jürgen Fischer, Stefan Pohl, Gerhard Wittmann u.a.

Räuber Hotzenplotz: Alfred Schedl
Kasperl: Stefan Pohl
Seppl: Till Florian Beyerbach
Kasperls Großmutter: Adolf Adam
Witwe Schlotterbeck: Uschi Reifenberger
Wachtmeister Dimpfelmoser: Gerhard Wittmann
Zauberer Petrosilius Zwackelmann: Jürgen Fischer
Fee Amaryllis: Martina Ambach
Zwackelwacht: Günter Ziegler
Zwackelzwerge: Christina Böhringer, Julia Haas, Nikolaj Haas, Stefanie Hertel, Fritz Schöpf

Regie: Christian Nickel • Bühne: Peter Engel • Kostüme: Julia Wernhard • Musik: Heinz Grobmeier

Regieassistenz: Anja Sczilinski, Nicole Dietz, Petra Andrea Bachmayer (Hospitantin) • Inspizienz: Günter Ziegler • Soufflage: Christa Guck • Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) • Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) • Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele • Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister), Michael Köwer (Assistenz) • Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Georg Fuchs, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner • Technische Leitung: Werner Moritz

Pressestimmen

Anastasia Poscharsky-Ziegler titelte in „Der Neue Tag”: „Gepfeffertes Kasperltheater und Räuberstück”

Dieses Frage- und Antwortspiel kennt jeder: „Seid ihr alle da?” rief der Kasperl gestern Vormittag auf der Luisenburg – und aus 1300 schreienden Kinderkehlen kam die unvermeidliche Antwort „Jaaa!!!” Mit Otfried Preußlers unverwüstlichem „Räuber Hotzenplotz” begannen am Mittwoch bei schönstem Wetter die Luisenburg Festspiele.

Die Gangsterjagd von Kasperl und Seppl wird diesen Sommer von Profischauspielern bis zum 10. August nach den Jahren 1975, 1984 und 1995 zum vierten Mal inszeniert. Unter Intendant Michael Lerchenberg ist das Familienstück auch seiner Nebenrolle entschlüpft: die 85-minütige Neuinszenierung stammt von Christian Nickel, der letzten Sommer für die Faust-Inszenierung verantwortlich war. Dass „Der Räuber Hotzenplotz” sein ganz persönliches Lieblingsstück ist, merkt man der Aufführung jede Minute an!

Alle klassischen Klischees aus Kindertagen (die rote Kasperl-Zipfelmütze, der grüne Sepplhut) werden geboten und darüber hinaus mit Überraschungen, originellen Ideen und Effekten bereichert. Das Einmann-Plotzorchester (Heinz Grobmeier) tut mit Klarinette und einem Sammelsurium aus Percussionsinstrumenten sein übriges zur filmischen Wirkung des lebhaften und interaktiven Stücks.
Er ist wirklich ein sympathischer Held und ein Mordskerl, dieser Kasperl (schlau und topfit: Stefan Pohl) mit seinem etwas dümmlichen aber treuen Freund Seppl (Till Florian Bayerbach). Nach dem „Kapitaldelikt”, dem Diebstahl einer heutzutage fast unbekannten Kaffeemühle (die Inszenierung hilft hier den Kindern des Hightech-Automaten-Zeitalters etwas nach) beginnt die turbulente Jagd nach dem bösen Räuber Hotzenplotz.

Dieser wird herzhaft und mit Vollblut vom filzbehüteten und bis an die Zähne bewaffneten Alfred Schedl dargestellt. Kein Zuschauer wird ihm je seine Untat verzeihen, die dieser mit dem Raub des historischen Küchenutensils der niedlichsten und herzigsten Großmutter der Welt (verkörpert von Adolf Adam) in ihrem riesengroßen Schaukelstuhl angetan hat!

Das Kinderpublikum der Premiere wirkte so lebendig und passgenau beim Kampf Gut gegen Böse mit, als ob das Textbuch einstudiert wäre: half vehement nur der moralisch integren Seite und vernichtete mit einem kollektiv gebuhten „Daumen nach unten” die Sangeskünste des Verbrechers so entschlossen, dass nicht nur der Intendant Tränen lachte.

Alle sichtbaren und unsichtbaren Möglichkeiten der grandiosen grünen Felsenbühne werden von Peter Engel perfekt genutzt, und die märchenhaften Kostüme (Julia Wernhard) krönen sich selbst in dem bühnenfüllenden, wallenden blauen Zaubermantel des Petrosilius Zwackelmann (Jürgen Fischer). Schrill, rothaarig und mit allerlei Hokuspokus samt indischer Räucherstäbchen gefällt die hellseherische Witwe Schlotterbeck (Uschi Reifenberger), bei der Pickelhaubenträger Wachtmeister Dimpflmoser (Gerhard Wittmann strotzt vor Amtsstolz und Kompetenzlosigkeit) umsonst Rat sucht. Zu allen höchst amüsanten Verwechslungen, Vertauschungen und Verwandlungen gehört die Fee Amaryllis (Martina Ambach), die, soeben der ekligen Unkenrolle entschlüpft, sofort einen Schönheitswettbewerb gewonnen zu haben scheint – und beim Happy End für eine Prise Glamour sorgt.

Das Volksstück
Zwölfeläuten

Ein steirischer Schwank in 4 Akten von Heinz R. Unger — Fassung für die Luisenburg-Festspiele von Michael Lerchenberg
Stückbeschreibung

In extremen Zeiten ergeben sich die ­ im wahrsten Sinne des Wortes ­ irrwitzigsten Situationen, die tiefe Einblicke ins menschliche Wesen zulassen. Extremer als in den Wirren der letzten Kriegstage, dem Untergang des „1000jährigen Reiches“ und dem Anbruch einer „neuen Zeit“ konnte es kaum kommen ­ auch für die Bewohner eines kleinen österreichischen Bergdorfes. Mit den Mitteln des Volksstückes werden die verschiedenen Charaktere vorgestellt, die es überall gegeben hat und noch immer gibt. Für alle zusammen scheint zu gelten: je mehr sie sich ihrer „weltpolitischen“ Bedeutung bewußt werden, desto komischer werden sie.

Premiere am 18. Juli 2008

Besetzung

Ein steirischer Schwank in 4 Akten — Fassung für die Luisenburg-Festspiele von Michael Lerchenberg
Musik: Kompositionen und Einspielungen von den CDs „Schubertlieder“, „Frische Ware“ und „Ende vom Lied“ der Musikband „Franui”

Glashüttner, der alte Dorfpfarrer: Adolf Adam
Lindmoser, ein Kleinhäusler: Alfred Schedl
Sonnleitner, der Ortsvorsteher: Karl Friedrich
Kathi, seine Tochter: Martina Ambach
Großmutter Sonnleitner, seine Mutter: Toni Netzle
Fichtelhuber, schneidiger Förster und Ortsgruppenleiter: Gerhard Wittmann
Barbara Kohnhauser, Witwe: Susanna Kratsch
Schwarzenegger, der reiche Wirt und Fleischer: Wolfram Kunkel
Simmerl, sein Sohn: Philipp Rudig
Jogl, der Totengräber: Gerd Lohmeyer
Die alte Umhauserin: Uschi Reifenberger
Der kleine Umhauser: Justus Braune
Toni Lindmoser, der Sohn des Kleinhäuslers: Stefan Pohl
Fernando, der blinde Italiener: Jürgen Fischer
Der Kreisleiter, ein gefürchteter “Goldfasan”: Christoph Fälbl
SS-Kroll, der gefährliche Hauptsturmführer: Konstantin Bühler
Obersturmmann: Günter Ziegler
1. Russe: Dietmar Irmer
2. Russe: Bernd Wünsche

Bewohner von St. Kilian: Gabriele Deyerl, Lisa Kövi, Miriam Krist, Waltraud Marschner-Knöller, Helena Radman, Krimhild Ragotzky, Maria Röber, Claudia Wilhelm, Paula Zeller; Dieter Höpfner, Alfred Maiwald, Walter Mandl, Richard Riedl; Antonia Sommerer, Tim Sommerer, Romina Weiß
Partisanen: Dietmar Irmer, Mathias Unger, Tobias Unger, Bernd Wünsche, Günter Ziegler
Das Stück spielt in einem fiktiven steirischen Bergdorf im Spätwinter und in den ersten Mai-Tagen 1945

Regie: Michael Lerchenberg • Bühne: Peter Engel • Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly • Regieassistenz: Anja Sczilinski / Bettina Weigelt • Inspizienz: Dietmar Irmer • Soufflage: Christa Guck • Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) ­ Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) ­ Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele ­ Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent), Petra Andrea Bachmayer (Praktikantin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister)Õ Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner • Technische Leitung: Werner Moritz

Die Dekoration wurde vom Bauhof der Stadt Wunsiedel hergestellt.

Pressestimmen

„Von Heldentaten an der steirischen Heimatfront” hatte Anastasia Poscharsky-Ziegler in ihrer Rezension für den Neuen Tag über die umjubelte Premiere von „Zwölfeläuten” auf Luisenburg zu berichten:

Regnerisch und fröstelnd kühl war es, … noch dazu lag Schnee auf der Bühne. Doch nein, der gehörte zum wirkungsvollen Bühnenbild (von Peter Engel), zur Szenerie der letzten Kriegswochen 1945 in einem steirischen Dorf mit Hakenkreuzfahne und dem an einen Felsen gehefteten Zitat Adolf Hitlers „Ihr werdet meine Ostmärker noch kennenlernen”.

Doch der Autor des vieraktigen Schwanks „Zwölfeläuten”, Heinz Rudolf Unger, wäre kein Wiener, wenn er das „ostmärkische Schmuckkästlein” St. Kilian in seinem Kampf gegen die Nazi-Diktatur nicht nur mit starkem Überlebenswillen, sondern auch einer riesengroßen Portion Humor und Widerspenstigkeit ausgestattet hätte: Als die Glocke der Dorfkirche zum Einschmelzen abgeholt werden soll, halten alle einmütig zusammen.

Die Helden des von Intendant Michael Lerchenberg schwungvoll in Szene gesetzten Zwei-Stunden-Stücks sind drei umwerfende Schauspieler, die zusammen über mehr als einhundert Jahre Bühnenerfahrung besitzen: als taktierender Ortsvorsteher Sonnleitner Karl Friedrich, der als Zeitzeuge das Kriegsende in der Steiermark selbst miterlebte, der kleine große Nabburger Gerd Lohmeyer als Dorftrottel Jogl und Adolf Adam als hellsichtiger und listiger Dorfpfarrer. Sehr sinnlich, lebensecht und musikalisch unterstrichen durch Tiroler Klänge der Gruppe „Franui”, entwirft Regisseur Michael Lerchenberg auf der denkbar idealen Natur- und Bergkulisse ein opulentes Gemälde, dessen alpines Idyll (ein Bravo den Kostümen von Heide Schiffer-El Fouly) unter dem dunklen Schatten des Dritten Reiches steht. Alles enthält das amüsant-ernste Stück: von der Liebe der Kathi (Martina Ambach) zum Toni, dem Deserteur, der zu den Partisanen übergelaufen ist, von der Beerdigung (Leichenzug mit Blaskapelle!) der alten Lindmoserin, deren Mann (Alfred Schedl) immer wieder in Tränen ausbrechen wird, von der Großmutter Sonnleitner (eindrucksvoll: Toni Netzle), die dem Dorf die pikante Wahrheit offenbart, dass der Vater des Ortsvorstehers ein durchreisender Jude war. Nicht nur für Schrecken, sondern auch für Lachkrämpfe sorgt das militärische „Zack-Zack-Zack”-Gehabe der protzigen SS-Männer: Christoph Fälbl als Kreisleiter und Konstantin Bühler als gefährlicher Hauptsturmführer, die mit einem Oldtimer-Motorrad samt Beiwagen (aus der Garage von Bürgermeister Karl-Willi Beck) auftreten. Selbst der stramme Ortsgruppenleiter Fichtelhuber (grandios: Gerhard Wittmann mit Führerbärtchen) kann ihnen mit seinen maschinengewehrartigen Meldungen nicht genügen. Zu einem Höhepunkt der Konfrontation wird der Aufmarsch des „letzten Aufgebots” zum Volkssturm. Und der einzige, der immer sagt, was er denkt, ist der Dorfdepp Jogl.

Plötzlich sind die Russen da, „Nasdarowje!”, das Hitler-Zitat wird durch rote Lobes-Parolen auf die siegreiche Sowjetarmee ersetzt, eine unmenschliche Ideologie folgt der anderen. Die Entnazifizierung steht an – das Dorf ist heilfroh, die Sabotage mit der Glocke vorbringen zu können. Und der „Jogl” Gerd Lohmeyer? Er soll das ganze Nazi-„Grümpl” aus Fahnen und Parteiabzeichen entsorgen. Er vergräbt das belastende Material mit den unheilvollen Worten: „Vielleicht kann man’s ja noch mal brauchen!” – und da lacht das Premierenpublikum doch tatsächlich.

Michael Lerchenberg fühlt den aktuellen Puls der Zeit – nicht nur als „Bruder Barnabas” auf dem Nockherberg, sondern auch als Luisenburg-Intendant in Wunsiedel, der geplagten kleinen Stadt, in der zufällig Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß begraben liegt. Kurz vor Beginn der Premiere wurde in den Abendnachrichten verbreitet, dass Bayern für das nächste Schuljahr bei der Oberstufe der Gymnasien die Geschichts-Unterrichtsstunden über die NS-Zeit kürzt. Schlägt’s da irgendwo zwölf?

„Knapp vorbei am Heldentod” betitelte Michael Thumser seinen bericht über „Nazi-Kommandos und schelmischer Widerstand bis zum ‘Zwölfeläuten’“ in der Frankenpost

Kinder und Narren sagen die Wahrheit, und der Jogl ist dabei ein besonders komischer Vogel: ein Mann, freilich kein ausgewachsener, sondern klein wie ein Bub; und im Dorf der „Depp”, freilich insgeheim einer, der gar nicht anders kann, als die Wahrheit zu sagen und zu wissen, was die Glocke geschlagen hat. So, wunderbar, spielt ihn auf der Luisenburg der nur scheinbar dürftige, in Wahrheit deftige Gerd Lohmeyer: Tapsig und quirlig, spinnert und spaßig spielt er ihn, traurig und drastisch, hellsichtig, dunkelsinnig. Stets in Gefahr, behält Jogl doch den Kopf über Wasser: ein Korken auf dem Meer. Als Totengräber amtiert Lohmeyer seit der prallen, reichlich beklatschten Premiere … Tritt er seinen Dienst an, vertauscht er das infantile Strickwämschen mit Bratenrock und Zylinder. Gemischte Zeiten für Leute wie ihn: Kuriose Philosophen braucht keiner; aber Entsorger, die fix die Toten wegräumen. Denn Krieg herrscht, auch wenn man nicht viel hört davon im steirischen Dörfchen St. Kilian, wo sich Heinz R. Ungers Schelmenstück „Zwölfeläuten” zuträgt. Man hört, wie man so sagt, die Glocke läuten, nur weiß man nicht, wo sie hängt.

Als Symbol dient ihr abseitiger Klang. An der Kirchenglocke und um sie herum entzündet sich das mit- und unmenschliche Bei- und Gegeneinander, das, kurz vor Ende der braunen Diktatur, die Menschen im Dorf entlarvt: Mitläufer und Opportunisten begreifen, schräge, gescheiterte Typen zu sein; Duckmäuser, selbstgerechte Aufschneider, aufrechte Widerständler gegen die Tyrannei geben ihren wahren Charakter preis; die Frauen, fast alle, stehen auf mit Trauer, Mutterwitz und der Entschlossenheit, ein Ende zu machen mit dem Globalgemetzel umnachteter Männer.
Ein Ensemblestück zwischen volkstümlicher und makabrer Komik, zwischen Ergötzlichkeit und endzeitlichem Ernst hat Luisenburg-Intendant Michael Lerchenberg als Regisseur aus der Vorlage geformt und gerundet, kein flottes Folklorekabarett mit antifaschistischen Gemeinplätzen, sondern eine hier behäbige, dort aberwitzige, mal ironisch triviale, mal zwielichtig bittere Satire. Mutig nah bewegt sie sich an der Absurdität; die ist auf dem Theater, wo es was taugt, immer ein Abgrund.
Mitten im Luisenburg-Sommer breiten sich steirischer Schnee und Eis zwischen den Bühnenfelsen aus (Szenerie: Peter Engels): schlüpfriger Grund für Figuren, die alle in der Gefahr stehen zu fallen, nicht wissend, wie tief. Hauptfiguren finden sich nicht: Lerchenberg brachte seine Akteure dahin, im Kollektiv einander gelten zu lassen und sich so, wiederum jeder für sich, mit Eigenkontur zur Geltung zu bringen.

Sie alle schrammen „knapp vorbei am Heldentod” – so Karl Friedrich als Ortsvorsteher Sonnleitner, der sich von der ihm gleichgültigen NS-Ideologie gern an die Spitze seiner dörflichen „Volks-” und „Schicksalsgemeinschaft” hat spülen lassen; nun erklärt er sich bereit, mit einem lächerlichen „Volkssturm” Jagd auf „Banditen” zu machen: zerschundene, aber tapfere Partisanen (Stefan Pohl, Jürgen Fischer, ein Lahmer, von einem Blinden geschleppt). Oder Alfred Schedl: Der schützt sich hinter Weinerlichkeit und Bauernschläue, vielleicht ein Feigling; oder doch ein Dissident? Oder der reiche Schwarzenegger: Mit lachender Kaltschnauze bekundet Wolfram Kunkel die Gewissheit, jede Wende zu überstehen.

Exponierte Frauenrollen tun in Minderzahl mit. Vor allem im Chor machen die Dörflerinnen – pragmatisch geführt von Toni Netzle, einer Therese-Giehse-artigen Großmutter Courage – Front gegen die Konfiskation ihrer Glocke; die soll nämlich eingeschmolzen werden, für die „Wunderwaffe” und einen „Endsieg”, an den keiner mehr glaubt. Gleichwohl kommandieren ihn kleinherzige wie großmäulige Nazis, dröhnend, geifernd. Gerhard Wittmann als Ortsgruppenleiter Fichtelhuber mit Hitler-Schnauzer, ein Nazi als narzißtischer Tölpel; Konstantin Bühler alias Hauptsturmführer Kroll, eine blonde Bestie, zum Schreihals verstümmelt; Christoph Fälbl, der aufgeschwemmte Kreisleiter, mit Heinrich Himmlers Physiognomie und Menschenverachtung. Zum Fürchten: Hier treibt die Aufführung einem Eis und Schnee über den Rücken. Ein Spaß ist das nicht.

Zum Schluss posaunt die Glocke den Frieden hinaus, unsichtbar. Wohl als Einzigem scheint Jogl, dem idiotischen Totengräber und lebensvollen Vernunftmenschen, zu dämmern: Das Freuden-Geläut schlägt schon wieder Alarm.

Georg Kasch schrieb in der AZ Nürnberg über den „Erfolg für Michael Lerchenberg”

… Im 1985 uraurgeführten Stück, einer seltenen Mischung aus Schwank und Drama, müssen die Bewohner des sterischen Phantasieortes St. Kilian in den letzten Kriegstagen zu einer gemeinsamen Haltung finden, um die Kirchenglocke und die Partisanen zu retten, zu denen auch ein Sohn des Dorfes gehört. Gar nicht so einfach, weil die Gemeinde aus Menschen mit Einzelinteressen besteht. Aber weil die Frauen ihre Gatten und Söhne mit unbequemen Wahrheiten erpressen und sich der Ortsgruppenleiter den Strick nimmt, gibt’s am Ende ein Happy End. Eines mit Leichen nicht nur im Keller.

Auf der großen Luisenburg-Naturbühne liegt künstlicher Schnee… in der Inszenierung von Luisenburg-Intendant Michael Lerchenberg steckt der Schalk im Detail: Aus Jogl, Dorftrottel und komische Hauptfigur, der im Witz der Hellsichtigste von allen ist, macht Gerd Lohmeyer einen kugeIigen Alten mit ausgefeilter Körperkomik. Vom chaplinesker Größe, wie er armwedelnd aus dem „Volkskörper” ausschert, um seine Kommentare abzugeben, schließlich den Führer-Witz erzählen soll, der schon einen Dorfbewohner das Leben kostete, um kurz vor der Pointe in Schweigen zu verfallen.

Die Frauen führt Toni Netzles Großmutter Sonnleitner im Kampf um die Glocke mit agitatorischem Elan, der Sonnleitner selbst ist bei Karl Friedrich ein im Grunde uriger Anpasser, Gerhard Wittmann gibt als Ortsgruppenleiter den Miniaturführer mit metallischem Gebrüll. Je länger die gut zweistündige Inszenierung dauert, desto plastischer und vielschichtiger werden auch die Charaktere. Dabei ergeben sich Szenen von einer Intimität die man einer Freilichtaufführurig kaum zutrauen würde.

„Archaisch, anarchisch, aberwitzig” — Eva Maria Fischer im Straubinger Tagblatt zu „Zwölfeläuten” und den diesjährigen Luisenburg-Festspielen:

Viel Fingerspitzengefühl braucht es in der Bundesrepublik, will man Komik und die Zeit des Nationalsozialismus zusammenbringen. Vielleieht hat deshalb Heinz R. Ungers steirischer Schwank „Zwölfeläuten” bei der Uraufführung 1987 am Bayerischen Staatsschauspiel nicht funktioniert. Michael Lerchenberg, Intendant der Luisenburg-Festspiele, folgt im Wesentlichen bei der Spielplangestaltung der „Wunsiedier Dramaturgie”: „Zwei müssen’s tragen, eins kann man wagen.” Das diesjährige Repertoire steht ganz im Zeichen der Rebellen und Revoluzzer. Gegenüber dem „Rustikal” “Der Watzmann ruft” von und mit Wolfgang Ambros, Friedrich Schillers Schauspiel „Die Räuber” und dem Farnilienstück „Der Räuber Hotzenplotz” nach den Kinderbüchern von Otfried Preußler erscheint dieses kritisch-politische Volksschauspiel deshalb die riskanteste Inszenierung dieser Saison zu sein.
Es ist in der Steiermark in den Wirren der letzten Kriegstage verortet, zwischen Durchhalteparolen und dem Schielen auf den „Anbruch einer neuen Zeit”. Die übriggebliebenen Einwohner des kleinen Bergdorfs St. Kilian fühlen sich bedrängt von SS-Truppen einerseits und verwundeten Partisanen andererseits, Angst vor Kommunismus und KZ. Der Ortsvorsteher Sonnleitner, gespielt von Karl Friedrich, formuliert den traurigen, zum Teil verlogenen Überlebenswillen, der Bevolkerung: „Die Wahrheit is’, es will ein jeder durchkommen, irgendwie. In der Kohlengrub’n bleibt keiner sauber”.

Die Kirchenglocke soll abgegeben werden zum Einschmelzen für Waffen, doch plötzlich keimt Widerstand auf: Sie wird zum einigenden Symbol für die Gemeinde, deren Leben durch sie begleitet und strukturiert wird. Angeführt vom Pfarrer und den Frauen entsteht eine trotzig bauernschlaue Volksgemeinschaft, die sich dem „Volkssturm” entgegensetzt. Eine andere Wahrheit, weder offiziell noch inoffiziell, sondern zutiefst existentiell, repräsentiert zuvorderst der Totengräber Jogl, der weise, schlitzohige Narr, hinreißend interpretiert von Gerd Lohmeyer: Archaisch, anarchisch, aberwitzig. So meldet er, was der abgestürzte englische Flieger, den die Dorfbewohner ohne Verhör erschlagen haben, gesagt hätte: „I’ hab’ ganz genau verstanden, was er g’sagt hat, der Tommy! Mama, Mama!”

Lerchenberg gelingt eine fesselnde Version des Schwanks, in der Betroffenheit und Komik ausgelotet sind, gesteigert zur Groteske. Wie kein anderer Regisseur versteht er es, die weitläufige Naturbühne nicht als Staffage, sondern als Hauptdarsteller zu nutzen. Die Gänge, vielmehr das Klettern, Schleichen, Besteigen, Fallen, Durchrauschen der Figuren durch schneebedeckte Bäume und Felsen, Friedhofs- und Hakenkreuzen, bilden den kraftvoll poetischen Rhythmus des Stücks, der sich in den Klängen der Osttiroler Musicbanda „Franui” wiederfindet. Wald- und feiner Weihrauchgeruch strömt dem Publikum entgegen. Knatternd und stinkend rast ein Motorrad mit Beiwagen auf die Bühne, aus welchem der Hauptsturmführer SS-Kroll heraussteigt: ein fanatischer Vertreter der Macht, der jeden Widerstand gleich im Keim ersticken will. Persönliche Schicksale gibt es für ihn nicht. Die Teile des Systems haben zu funktionieren. So sind die Dorfleute für ihn lediglich „ein trauriger Haufen” oder „mieses Menschenmaterial”. Glaubwürdig interpretiert wurde dieser gefährliche Karrierist mit dem forschen, zackigen Auftreten von dem 29-jährigen Konstantin Bühler, der für seine kraftvolle schauspielerische Leistung den Rosenthal-Nachwuchspreis verliehen bekam. In der Klassiker-Inszenierung von Petra Wüllenweber spielte er auch den intriganten Franz Moor. Matthias Lehmann, als Räuber Schweizer mit ihm auf der Bühne, wurde mit dem Preis der Festspielstadt Wunsiedel geehrt. Beide bekommen ein Preisgeld von jeweils 1000 Euro und eine Porzellanvase, versehen mit einer persönlichen Widmung und dem Dekor der Luisenburg, die sich wieder zur Hochburg anspruchsvollen Volkstheaters im besten Sinn etabliert hat.

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Inhalt

Extremer als in den Wirren der letzten Kriegstage, dem Untergang des „1000-jährigen Reiches” und dem Anbruch einer „neuen Zeit”, konnte es kaum kommen – auch für die Bewohner des kleinen abgelegenen steirischen Bergdorfes St. Kilian: Dem alten Lindmoser ist die Frau verstorben, sein Sohn Toni ist aus der Wehrmacht desertiert und sucht verwundet Schutz beim alten Ortspfarrer. Der NS-Kreisleiter und eine SS-Truppe fallen ins Dorf ein. Die einzige Kirchenglocke soll abgegeben werden fürs Einschmelzen, ein Volkssturm als “letztes Aufgebot” wird zur Partisanenjagd ausgeschickt.
Bauernschlau beginnt sich die Dorfgemeinschaft zu wehren, angeführt von den Frauen und dem alten Pfarrer bildet sich eine „Volksgemeinschaft”, die so sicher nicht im Sinne der braunen Machthaber ist.

Beste Voraussetzungen für Volkstheater

Die Luisenburg-Festspiele bieten mit dieser Bühne mit ihrem eigenen Charakter und mit einem besonders theaterbegeisterten Publikum gute Voraussetzungen für das ernstzunehmende, hochkarätige Volkstheater. Nach den erfolgreichen Aufführungen von Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“, Mitterers „Die Geierwally“, Thomas „Der Wittiber“ und Orffs „Die Bernauerin“ wird nun mit „Zwölfeläuten“ des 1938 geborenen Österreichers Heinz R. Unger ein relativ neues, unbekanntes Stück vorgestellt, eines der wenigen beiträge zu diesem schwierigen Thema.

Lebendige Charaktere in irrwitzigen Situationen

Dieses Volksstück in der Form eines Schelmenstückes läßt die treffsicher abgezeichneten Charaktere – Typen, die es überall gegeben hat und noch immer gibt (Bürgermeister, Pfarrer, Wirt und Metzger, Totengräber etc.) ­ historisch korrekt einen weltpolitischen Umbruch erleben. Sie werden mit einer extremen Lebens- bzw. Überlebenssituation konfrontiert. Vor allem aber haben sie – und das bezieht sich ausnahmslos auf alle Figuren und alle Situationen – Angst, die sie verzweifelte Dinge tun läßt. Daraus ergeben sich die irr-witzigsten Situationen, die tiefe Einblicke ins menschliche Wesen zulassen. Je mehr sich die Figuren ihrer „weltpolitischen“ Bedeutung bewußt werden, desto komischer werden sie; der übergroße Ernst kippt im Handumdrehen um ins Komische. Loriot definiert Komik als „mißratene Würde“ und meint zurecht, daß man nur so zeigen kann, wie komisch der „Ernst des Lebens“ doch ist. Und wir Zuschauer können mitfühlen, mitleiden und auch mitlachen – bis auch uns das Lachen im Halse steckenbleibt (oder wir uns rückwirkend darüber schämen, daß wir gelacht haben…)

Der historische Hintergrund

Folgen Sie uns also mit „Zwölfeläuten“ in ein kleines steirisches Bergdorf am Ende des Zweiten Weltkrieges. Einerseits erzwingen die Durchhalte-Nazis im unerschütterlichen Glauben an den „Endsieg“ Gehorsam und weitere Opfer; andererseits haben Partisanen bereits ihre Fäden bis ins Dorf gespannt und versuchen mit „wehrkraftzersetzenden“ Aktionen ihr möglichstes.
Nach dem von einigen seit dem Ende der k.u.k. Monachie sehnsüchtig erwarteten (durch die Versailler Verträge allerdings verhinderten) „Anschluß“ Österreichs, der 1938 von der Mehrheit begeistert begrüßt wurde, sind viele der potentiellen NS-Gegner geflohen. Noch im selben Jahr wurden ca. 50.000 Österreicher, die als regimefeindlich und politisch andersdenkend galten, in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Damit war der Widerstand im Keim erstickt. Was blieb und im Land als Widerstand agierte, kümmerte sich vor allem um Lebensmittelnachschub, das Verstecken von Todeskandidaten, also ums Überleben und um das, was „danach“ sein wird. Partisanen bildeten eine kleine, wenn auch die wirkungsvollste Form des aktiven Widerstandes in Österreich. Schon 1941 entstanden in der Untersteiermark und in Kärnten kleinere Partisanengruppen. Der wirkliche Partisanenkrieg gegen die deutsche Wehrmacht griff aber erst 1944/45 von Jugoslawien auf Kärnten und die Südsteiermark über. Da der im Oktober 1944 entlang der heutigen österreichisch-ungarischen Grenze begonnene Ausbau des „Südostwalls“ weder fertiggestellt noch durch Verbände der Wehrmacht besetzt werden konnte, sondern nur durch den in letzter Sekunde aufgestellten Volkssturm, hatte die Partisanenarmee keinen wirklichen Widerstand zu überwinden.

Partisanen

Partisanen rekrutierten sich vor allem aus Deserteuren, die, mit den Organisationsstrukturen und Strategien des Militärs vertraut und meist ortskundig, besonders gut agieren konnten. Deshalb durften sie sich weder von den Feldjägern noch von der Gestapo erwischen lassen. Noch dazu galt bis zum Genfer Rotkreuz-Abkommen von 1949 der Status von Kriegsgefangenen nicht für Partisanen. Sie galten bis dahin als Zivilpersonen und wurden standrechtlich exekutiert.

Sie waren also auf die Deckung und die Versorgung durch die Bauern angewiesen, konnten aber kaum mit deren Unterstützung rechnen, da diese Bauern weitgehend deutschfreundlich waren und Angst hatten, denn die SS ging besonders hart gegen Kollaborateure vor. In manchen Gebieten kam es sogar zu kleinen Bürgerkriegen zwischen den als „Diebe, Räuber und Banditen“ bezeichneten Freiheitskämpfern und den Bauern.

Die Glocke als einigendes Symbol

Ein kleines Denkmal für die vielen Einzelkämpfer des österreichischen Widerstandes, besonders aus Kirchenkreisen, ist der alte Dorfpfarrer. Wie die realen Vorbilder der in die „innere Emigration“ gegangenen Kirche leistet er vor allem aktive Seelsorge und zivilen Widerstand.

In der Pfarrchronik von Glashütten ist vom ersten Auftauchen der Partisanen im Oktober 1944 die Rede. Der Pfarrer Leopold Ettlmaier, der nach Aussagen Ungers für die Figur des Dorfpfarrers Glashüttner Pate gestanden habe, hat „seinen Bauern verboten, die Partisanen den Behörden zu melden, da sie österreichische Patrioten seien“. Die Schwanberger Pfarrchronik berichtet von der Unruhe in der Bevölkerung, da die Partisanen bewaffnet waren und weil sie von der Bevölkerung Lebensmittel zur Abgabe verlangten. Immerhin verbreitete sich auch dort die Information, daß die Partisanentruppen nicht nur aus Kommunisten bestünden, sondern sich aus Fronturlaubern zusammensetzten und sich sogar Priester darunter befänden. Auch hier griff wieder der emotionelle Antikommunismus, den Hitler für sich ausgenutzt und der sich bis heute unreflektiert erhalten hat.

Durch seine Loyalität schützt unser Dorfpfarrer, wo er kann, verhindert Schlimmeres. In diesem Sinn ist auch das kleine Zeichen des Widerstandes zu sehen, die Kirchenglocke nicht abzugeben, um sie so vor dem Umschmelzen in „kriegswichtiges Material“ zu retten. Schon Friedrich Schiller beschrieb in seinem „Lied von der Glocke“ den Glockenguß nicht nur als ãheilige“ Handlung, sondern zeigte die Glocke als Symbol und wie sie unseren Lebensweg begleitet und strukturiert.

Durch die Glocke findet unsere Dorfgemeinschaft zu einer gemeinsamen, verbindenden Basis, wird ein sinnloses Opfer vermieden und ein Weg ins Danach geöffnet, nach dem alle schon, mehr oder weniger opportunistisch, schielen. Unterstützend wirkte in der Realität die Moskauer Deklaration der Alliierten vom November 1943, in der die Österreicher und Österreicherinnen zum Widerstand aufgefordert wurden und eine Besserstellung nach dem Krieg als „Belohnung“ in Aussicht gestellt wurde. Die Alliierten waren es auch, die Österreich in seiner „Opferrolle“ bestärkten, was eine Aufarbeitung der NS-Zeit und ihrer Verbrechen in Österreich über Jahrzehnte schwierig machte.

Das Ende als Anfang

Der letzte Akt von „Zwölfeläuten“ zeigt das Dorf unmittelbar nach Kriegsende. Die gerettete Kirchenglocke läutet den Frieden ein. Die Freude über die Befreiung ist gepaart mit den Nöten der Neuorientierung, dem Umschwenken der ewigen Opportunisten, aber auch mit der Angst vor der Entnazifizierung, was damals in der russisch besetzten Steiermark Sibirien bedeuten konnte.

Daß nun nicht plötzlich eitel Sonnenschein war, belegt ein Bericht aus Deutschlandsberg: „Den Bulgaren folgte eine „Sondereinheit“ der jugosIawischen Partisanen. Wer den Einzug dieses Haufens von Männern, Kindern und Frauen selbst miterlebt hat, wird dies wohl kaum vergessen können: Als diese „Sondereinheit“ ankam, wußte man nicht, was hier vorgeht. Männer in SA-Uniformen, Feuerwehruniformen, Steireranzügen, Fracks mit Hut oder Kappen und natürlich eine Großzahl barfuß, auch die Frauen. So waren sie gekommen und hatten sich als Befreier präsentiert. Sie spielten gerne Soldaten und es kam vor, daß sich ein Soldat auf einen Munitionsstapel, die ja in Hülle und Fülle vorhanden waren, setzte und stundenlang in die Luft schoß, nur aus Freude am Schießen.

Nach der Besetzung der Stadt begannen die Raubzüge. Kein Haus, kein Schuppen wurde verschont. Wiesen und Wälder wurden nach Menschen durchsucht, und Männer, die eingerückt waren, trieb man zusammen. So mancher mußte noch in die jugoslawische Gefangenschaft gehen. In der kurzen Zeit, in der die Tito-Truppen hier hausten, wurden Hunderte Waggons mit alten Autos, Motorrädern, Fahrrädern, Fuhrwagen und altem Gerümpel verladen und abtransportiert…

„Die Schneider hatten während der Anwesenheit der Tito-Truppen vollauf zu tun, denn sie mußten neue Uniformen anfertigen – Stoffe waren noch genug vorhanden. Als sie abzogen, waren sie schon einigermaßen gekleidet…“
Dann rückten von Norden her – zumindest bis Graz – die regulären russischen Truppen ein, die sich kaum anders auf-führten. So erzählt es Karl Friedrich, langjähriger Luisenburg-Protagonist und Volksschauspieler, der in unserer Aufführung den Ortsvorsteher Sonnleitner spielt. Friedrich hat das Ende des 2. Weltkrieges in Graz miterlebt. Somit bringt er als Zeitzeuge auch noch ein Stück Authentizität in unsere Aufführung ein.

Gemäß dem alliierten Zonenabkommen vom 9. Juli 1945 kam es am 23./24. Juli 1945 zu einem Wechsel der Besatzungstruppen in der Steiermark und die ganze Steiermark wurde zur britischen Besatzungszone.

Der Klassiker
Die Räuber

Schauspiel von Friedrich Schiller

Stückbeschreibung

Schillers Schauspiel gehört einfach auf die Luisenburg, wie Aufführungen seit 1833 beweisen. Aber es geht hier nicht um Räuberromantik, sondern um die heute nach wie vor aktuelle Frage, wie Gewalt entsteht. Dann zeugt Gewalt immer neue Gewalt. Obwohl im Vorfeld der Französischen Revolution entstanden und obwohl Schiller mit seinem Erstling gegen staatliche Willkür opponierte, sind die „Räuber” kein im eigentlichen Sinne politisches Stück. Es setzt viel weiter unten an: in der Familie als Keimzelle der Gesellschaft, oder bei der Frage, wie so ähnliche Brüder auf so verschiedene Wege kommen können.

Der alte Moor hat zwei Söhne. Karl, der Erstgeborene und Lieblingssohn, führt in Leipzig ein lockeres Studentenleben. Franz, der Nachgeborene, eifersüchtig auf den großen Bruder und Alleinerben, sieht seine Chance gekommen, als Karl, zur Umkehr entschlossen, den Vater in einem Brief um Vergebung bittet. Franz hält Karls Brief zurück und hetzt den Vater mit einem angeblich von einem „Korrespondenten“ geschriebenen Text auf, der Karl als Frauenschänder, Mörder und Bandit darstellt. Damit bringt Franz den Vater so weit, daß er Karl verbannt und enterbt.

Karl ist darüber so entsetzt, daß er, weil er „keinen Vater mehr, keine Liebe mehr“ hat, sich Blut und Tod zum Vergessen verschreibt, sich einer Räuberbande anschließt und deren Hauptmann wird. Karl verstrickt sich immer tiefer in den Teufelskreis und schwört schließlich den Räubern ewige Treue. Bevor er alle Brücken hinter sich abbricht, will er sich von seiner geliebten Amalia verabschieden. Verkleidet geht er nach Hause zurück, findet Franz, der den Vater aus dem Weg geschafft hat und nun als Erbe regiert, findet Amalia, die ihm treu geblieben ist und sich Franzens Annäherungs- und Vergewaltigungsversuchen widersetzt hat, durchschaut die Intrigen und erkennt das Ausmaß der Tragödie, in die er sich verstrickt hat…

Premiere: Freitag, 27. Juni 2008

Besetzung

Maximilian, Graf von Moor: Wolfram Kunkel
Karl Moor, der Erstgeborene: Dirk Lange
Franz Moor, der Nachgeborene: Konstantin Bühler
Amalia von Edelreich: Katharina Gebauer
Hermann, Bastard von einem Edelmann: Philipp Rudig
Daniel, Hausknecht beim Grafen von Moor: Michael Boettge
Ein Pater: Jürgen Fischer
Libertiner, nachher Banditen:
Spiegelberg: Peter Kaghanovitch
Schweizer: Matthias Lehmann
Grimm: Stephen Appleton
Razmann: Stefan Pohl
Schufterle: Katrin Ruhnke
Roller: Till Florian Beyerbach
Schwarz: Martina Ambach
zwei Räuber: Dominic Rasp, Klaus Wagner

Regie: Petra Wüllenweber • Bühne: Katharina Sichtling • Kostüme: Alexandra Pitz • Musik: Markus Reyhani • Regieassistenz: Bettina Weigelt • Inspizienz: Dietmar Irmer • Soufflage: Christa Guck • Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) ­ Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) ­ Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele ­ Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent), Petra Andrea Bachmayer (Praktikantin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister) • Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner • Technische Leitung: Werner Moritz

Die Dekoration wurde vom Bauhof der Stadt Wunsiedel hergestellt.

Pressestimmen

„Sehnsucht nach Liebe und Atem nach Freiheit” war die Rezension von Stefan Voit über die „sehenswerte Inszenierung von Schillers „Räuber” unter der Regie von Petra Wüllenweber bei den Luisenburg-Festspielen” im Neuen Tag Weiden überschrieben:

Wohin treibt unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Sind wir wirklich dabei, uns selbst auszulöschen? All unsere Werte wie Achtung und Nächstenliebe über Bord zu werfen? Regieren nur noch Hass, Macht, Geld und Korruption? Diese Fragen tauchen immer wieder auf, wenn man sich Friedrich Schillers Schauspiel „Die Räuber” vor Augen hält, jenen Klassiker der deutschen Literatur, der nichts, aber auch gar nichts an Aktualität verloren hat, obwohl dessen Uraufführung über 230 Jahre zurückliegt.

Intendant Michael Lerchenberg hat eine wichtige und richtige Wahl getroffen, dieses Stück um Glaube, Freiheit, Macht und Herrschsucht auf die Luisenburg zu holen – als eines der meistgespielten Stücke dort -, weil es immer noch vorhandene und immer stärker werdende Strömungen und Stimmungen in unserer Gesellschaft aufzeigt, über die man nicht hinwegschauen darf.

Im Schloss – als Betonburg im Bühnenbild umgesetzt von Katharina Sichtling – des alten und kraftlosen Grafen Moor (eindringlich: Wolfram Kunkel) herrscht Trauer und Gewalt. Der erstgeborene Karl (facettenreich und spielfreudig: Dirk Lange) treibt sich in der Welt herum und überlegt, in heimische Gefilde zurückzukehren. Seinem eifersüchtigen und eiskalten Bruder Franz (überzeugend: Konstantin Bühler) passt dies überhaupt nicht, sieht er sich doch, immer unter dem großem Bruder und seinem krankhaften Ego leidend, als künftigen Herrscher. Mit einem fingierten Brief bringt er den Vater dazu, Karl zu enterben und zu verbannen. Dieser schart daraufhin eine Bande von skrupellosen Gewalttätern um sich (die Kostüme von Alexandra Pitz sind an Stanley Kubricks Film „Clockwerk Orange” angelehnt), die in einem Bauwagen lebt und von dort aus in den ‘böhmischen Wäldern’ ihre blutigen und gewalttätigen Streifzüge unternimmt.

Franz indes, schafft es, seinen Vater aus dem Weg zu räumen und die Macht an sich zu reißen. Mit Hilfe des Dieners Daniel (eindringlich: Michael Boettge) versucht er auch Amalia (verführerisch: Katharina Gebauer) für sich zu gewinnen, die jedoch immer noch Karl liebt.
Räuberhauptmann Karl, der seiner Bande ewige Treue geschworen hat, möchte noch einmal – bevor er alle Brücken hinter sich abbricht – nach Hause zurückkehren und sich von seiner Liebsten verabschieden. Die Tragödie nimmt ihren Lauf…

Actionreich, lebendig und mit einem überaus spielfreudigen und homogenen Ensemble hat Regisseurin Wüllenweber ein engagiertes und modernes Stück auf die Bühne gebracht, mit einem Spielfluss und Inhalt, der nichts mit Räuberromantik zu tun hat. Es geht um den Umgang mit Macht und den Einfluss von Gewalt, die noch immer keine Lösung ist. „Wir müssen Verhältnisse schaffen, die Entstehen von Gewalt gar nicht erst zulassen”, sagt Petra Wüllenweber im Interview. Darüber sollten wir alle nachdenken!

Auf dem „Spielplatz für Desperados” beobachtete Michael Thumser für die Frankenpost einen „unentschiedenen Zweikampf der Besessenen”

… Mit Messer und Pistole hantieren sie, mit Benzinkanistern sogar und einem Sprengsatz nebst blinkendem Zeitzünder. Fliegt also alles in die Luft? Heil zwar bleiben die Granitgefüge der Szenerie. Doch die zivilisierte Welt geht gründlich aus den Fugen an diesem langen, nach den Politikerreden sogar kurzweilig-spannenden Premierenabend. Die Räuber sind eine Räuberpistole: Mit Gewalt, expressionistischer Überspitzung, entfesselter Kraftrhetorik spart Friedrich Schillers Jugenddrama nicht. Und Regisseurin Petra Wüllenweber belässt ihm seine Kolportage: all das Protzen und Giften, die konstruierten Verwicklungen und Intrigen, das fluchende Freiheit oder Tod-Pathos. Dafür trieb sie ihm, gewaltfrei modernisierend, alle altdeutsche Kostümdramatik und die idealistische Räuberromantik aus.

Welten prallen aufeinander und decken sich doch in Katharina Sichtlings Bühnenbild. Eine Baustelle: links, wo um Karl Moor die Räuber hausen, ein Bauwagen; rechts glatte Bretterflächen, silbern wie Beton das Elternhaus, darin Karls Zwillingsbruder Franz seine Ränke schmiedet; dazwischen: Schubkarre, Eimer, Leitern Wird hier gebaut? Es wird eingerissen. Die Räuber, einst wackere Dissidenten im Unterdrückerstaat, verkommen zu einer Horde Desperados. Mit Hasspredigten tut sich Peter Kaghanovitch als Spiegelberg hervor. Plündernd, schändend zieht die Bande in Clockwork Orange-Uniform durchs Land: weiß mit schwarzen Stiefeln und Suspensorium vorm Unterleib (Kostüme: Alexandra Pitz). Vom Dreck, darin sie wühlen, bleibt mehr und mehr an ihnen haften.
Und doch kommen sie einem auf der Luisenburg weniger unmenschlich als übermütig vor wie Kinder auf einem Abenteuerspielplatz mit Grill, Liegestühlen, Blumenkasten. Als singende, grölende, trommelnde Mordbrenner speien sie mit Worten reichlich Feuer, aber nicht aus ihren Flammenwerfern: Deren Düsen bleiben kalt.

Dergleichen schwächt zusammen mit bisweilen holprigen Anschlüssen im eingestrichenen Text und mit Zäsuren, die sich zu Lücken weiten das Geschehen in seiner Unerbittlichkeit.

Die kehrt indes im Spiel und Gegenspiel der feindlichen Brüder zurück ein Duell der Besessenen, das remis ausgeht. Zwei exzellente Akteure formen aus der Kolportage Charaktere, grundverschieden und ähnlich auch, fesselnd beide. Dirk Lange als Karl: Das ist der kluge Kopf, der die Gelegenheit versäumte, ein guter Kerl zu werden. Nun bleibt ihm bloß die Wut des Reuigen. Nach nicht wieder gut zu machenden Gräueln an anderen zerfleischt er jetzt sich selbst, Sühne suchend, neue Schuld aufhäufend. Zugleich steckt Liebe in ihm: zum gräflich-grämlichen Vater (Wolfram Kunkel, halb Gutsherr, halb Hiob), zur Braut Amalia (im freizügig roten Kleid: Katharina Gebauer, halb schöne Seele, halb Schlampe). Doch der Hass hat Karl erobert wie die Machtgier den Bruder.

Herr muss ich sein: So definiert Konstantin Bühler den Franz ein anmaßender Feuerkopf, schlank und ansehnlich im Schwarz von Hemd und Hose, mithin kein Hässlicher mit siecher Außenseite, wie von Schiller vorgesehen, sondern stark an Leib und Willen, also sehr gefährlich. Nicht einfach einen Maniac und Manipulator stellt Bühler hin, sondern, tiefenschärfer, den Pragmatiker des Eigennutzes als heißhungrigen Wolf, der nichts entschiedener fürchtet als zu kurz zu kommen. Bis zum Kontrollverlust, schließlich bis zur Erbärmlichkeit berauscht er sich am eigenen Zynismus und an einem Zorn, der noch die Treusten um ihn anfällt, so den Hausknecht Daniel: Der ringt bei Michael Boettge ergreifend um seine Redlichkeit.

„Frivoles aus dem Hochgebirge” sah Gero v. Billerbeck für den Nordbayerischen Kurier:

Zugegeben, das gewaltige Felsenlabyrinth der Luisenburg ist nur ein Hauch von Watzmann, aber zwergenhaft ist der Mensch da wie dort. Wo Zwerge sich abstrampeln im Gefühl, die Größten zu sein, ist die Komik nicht weit: Tagikomisch geht es zu in „Der Watzmann ruft“ von Wolfgang Ambros, Joesi Prokopetz und Manfred O. Tauchen. Am Donnerstag hatte das „Alpen-Rustikal“ Premiere auf der Naturbühne bei Wunsiedel.

Wenn der Watzmann ruft, dann ist das so, als würde anderswo der Knochenmann sein Perpendikel anhalten. Eine Schrecksekunde lang hält dann auch der Mensch den Atem an. Aber, dem Himmel sei’s geklagt, er ist ein leichtsinniger Vogel. Der Watzmann rief, zwischen Granitriesen wabern die Nebel, aber obendrauf lassen eine barbusige Schöne, eine Handvoll Musiker und ein übermütiges Schauspielervolk die Sau raus. Mit entsprechendem Stolz hatte Intendant Michael Lerchenberg zuvor einen Rekord angekündigt: Das sei das frivolste, was es bisher in der rund 120 Jahre langen Geschichte der Luisenburg-Festspiele gegeben habe.

Lerchenbergs zweite Ankündigung, die Mobiltelefone seien auszuschalten, blieb unbefolgt. Auf der Almhütte von Vater, Sohn und drei Weiberleuten klingelte es, aber eigentlich nur, um zu demonstrieren, dass „da heroben” mit dem Handy keiner telefonieren kann, nur fotografieren. … Wir merken schon: Normaler Dramatikerverstand kann dem Opus kaum beikommen. Zuweilen ist es so, als sei bei der bierlaunigen Grundsteinlegung von „Der Watzmann ruft” 1972 Karl Valentin dabeigewesen. Der Satz „Du bist so hirnlos, dass ich vergessen hab’, was ich sagen wollt'”könnte von ihm stammen. Aber „Finger weg von meiner Musch“ hätte keine Liesl Karlstadt je über die Lippen gebracht. Der Song “Ach, was muss man doch von bösen / Sündern hören oder lesen” überbringt dagegen deutliche Grüße von Wilhelm Busch. Trotzdem kann man den Autoren keinen Plagiatoren-Vorwurf machen. Wenn der liebeshungrige Vater der Gailtalerin (eigentlich mit ãe“ zu schreiben) verspricht: „Diesmal dusch’ ich mich – nachher!”, dann ist dergleichen unverfälscht selbst erdacht.

Und das kommt an. Das Publikum ist von Anfang an dabei und leistet der Luisenburg Geburtshilfe bei dem Versuch, sich als alpine Hochleistungsbühne neu zu kreieren und ein Echo zu produzieren. „Das schönste Echo der Welt”! Erzähler Wolfgang Ambros übertreibt nicht mit dieser Bestnote. Die hat natürlich ihr Ironie-Geschmäckle, weswegen denn auch gleich St. Hubertus eins draufsetzt und sein Jagdhorn tuten lässt.

Seit 1972 ist „Der Watzmann ruft“, ursprünglich ein Fünf-Minuten-Sketsch, ständig ausgebaut worden. … So gesellen sich auch bei der Neuestfassung in Wunsiedel kuriose Dinge hinzu, die das Stück kaum „wahrer”, aber an Komik und Kuriosität reichhaltiger machen. Ein bisschen Ballett stößt uns unterwegs zu, eine Walpurgisnacht bietet Gelegenheit zu allerhand harmlosen Sauereien, und ein Barometer fällt so deutlich (von der Wand), dass man’s weithin hört….

Man hat seinen Spaß gehabt und applaudiert derweil, was die Hände halten.
Mitwirkende: Ihnen allen von Wolfgang Ambros bis Günter Ziegler gebührt Respekt und Applaus, auch wenn auf der Bühne keine Personen, sondern nur Typen dargestellt wurden. Brigitte Recher brachte als Regisseurin das Kunststück fertig, annähernd zwei Stunden lang einen prall gefüllten Sack Flöhe zu hüten.

Stephan Maurer schrieb für dpa:

Regisseurin Petra Wüllenweber verlegt den Klassiker in die Gegenwart und präsentiert auf der ältesten Naturbühne Deutschlands ein Stück voller Grausamkeit und Gewalt. Die Premierenbesucher … honorierten die engagierte Leistung des spielfreudigen Ensembles mit viel Beifall.

Kein Stück ist auf der Luisenburg häufiger gespielt worden als „Die Räuber” – schon 1833 fand die erste Aufführung statt. Doch das Sturm-und-Drang-Drama um die Brüder Karl und Franz Moor sei unverändert aktuell, meint Intendant Michael Lerchenberg: „Schillers Beschreibung von Gewalt und Hass lässt uns heute noch erschrecken.” In Wüllenwebers Inszenierung sind die Räuber eine Bande von mitleidlosen Gewalttätern, die Benzin verschütten und unter ihrem Hauptmann Karl – facettenreich dargestellt von Dirk Lange – blutige Exzesse feiern. Ihr Bezugspunkt auf der Bühne ist ein hölzerner Wohnwagen, vor dem die Bande – zu der auch zwei Frauen gehören – nach getaner Mordtat den Grill anwirft und die Geranien hinausstellt.

Kontrastierend dazu erscheint das Moorsche Schloss im Bühnenbild von Katharina Sichtling als eine Baustelle mit nackten, hässlichen Betonelementen – eine Anspielung auf die Betonwüsten moderner Großstädte mit ihrem Gewaltpotential. Hier regiert der eiskalte Zyniker Franz (Konstantin Bühler), nachdem er den älteren Bruder mit Intrigen und den alt und kraftlos gewordenen Vater (Wolfram Kunkel) mit Gewalt aus dem Weg geschafft hat. Sein schwaches und gekränktes Ego sucht Franz dem Diener Daniel (Michael Boettge) gegenüber mit herrischem Gestus zu überspielen, doch seine Macht reicht nicht bis zu Amalia (überzeugend: Katharina Gebauer), die sich zwar verführerisch auf Beton räkelt, sein Werben jedoch brüsk abweist, da sie noch immer Karl liebt.

Im kurzen roten Kleid ist Amalia auch farblich die Mittlerin zwischen den ganz in Weiß gekleideten Räubern und dem schwarz gewandeten Franz – eine Anspielung der Kostümbildnerin Alexandra Pitz darauf, „dass Schiller doch manchmal sehr schwarz-weiß zeichnet”, wie sie im Programmheft sagt. Am Ende ist der alte Moor tot, Amalia vom Geliebten erschossen, Franz hat sich erhängt, und Karl liefert sich der Polizei aus. Gewalt ist keine Lösung, so lautet die Botschaft der actionreichen Inszenierung.

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Die erste Aufführung der „Räuber” auf der Luisenburg fand 1833 statt. Es folgten weitere Inszenierungen in den Jahren 1926, 1928, 1935, 1940, 1955, 1974 und 1989. Nun also im 3. Jahrhundert “Die Räuber” – aber wie? Darüber sprach Dramaturg Manfred Bachmayer mit der Regisseurin Petra Wüllenweber, der Kostümbildnerin Andrea Pitz und der Bühnenbildnerin Katharina Sichtling sowie einigen Schauspielern am Rande der Probenarbeit.

Dramaturgie: Die erste Frage, die an den Regisseur eines „Klassikers” gestellt wird, ist immer die, ob das Stück „modern” oder „wie es sich gehört” auf die Bühne gebracht werde.

Wüllenweber: Modern – wie es sich gehört! Wir haben ja gar keine andere Wahl, denn auf der Bühne stehen heutige Menschen und wir spielen für ein heutiges Publikum.

Dramaturgie: Gemeint ist mit dieser Frage normalerweise nicht das Inhaltliche, denn Veränderungen am Text müßten ja im Titel angegeben werden (z.B.: nach Schiller). Es geht also um das Wie, vor allem ums Optische.

Sichtling: Ich denke, es geht bei dem Thema weniger ums Optische als um Ansichten, Anschauungen. Die Begriffe „klassisch” und „modern” befinden sich in einem ständigen Wandel und sind dementsprechend ungenau. Dies läßt sich besonders gut am Beispiel Schillers veranschaulichen: Zu seiner Zeit sicher ein äußerst moderner Autor, gilt er uns heute als Klassiker.

Versuchen wir uns der Begriffserklärung über die sprachlichen Wurzeln zu nähern, finden wir unter lat. classicus, „erstklassig, mustergültig”, und unter modern, „zeitgemäß, auf dem neuesten Stand”. In diesem Sinne kann die Antwort auf die Frage „klassisch oder modern” nur lauten: sowohl als auch!

Dramaturgie: Schiller stand der „Grande Revolution” durchaus wohlwollend gegenüber, sah jedoch den Umschlag in die freiheits- und menschenverachtende Schreckensherrschaft der Jakobiner voraus und wandte sich gegen „la Grande Terreur”. Sind seine „Räuber” also doch, wie es die zeitgenössische Skizze von Viktor von Heideloff „Schiller liest die Räuber im Bopserwald” (und die große Zahl von Inszenierungen auf der Luisenburg) nahelegt, für unsere romantische Natur-Bühne gedacht?

Wüllenweber: Das täuscht. Es geht schon bei Schiller nicht um Räuberromantik und um so freundliche Räuber wie den Hotzenplotz, der interessanterweise zeitgleich hier auf dieser Bühne im Familienstück sein Unwesen treiben darf; es geht auch nicht um naturbegeisterte Aussteiger.

Sichtling: Wenn sich etwas mit Sicherheit über Schillers „Räuber” sagen läßt, dann daß sie nicht seßhaft sind. Entsprechend habe ich nach einem mobilen Bezugspunkt gesucht, der einerseits Kontrapunkt zum „Schloß” der Familiendynastie sein und sich andererseits in ein Gesamtbild (einschließlich der Natur) fügen sollte. Auf der Suche nach gegenwärtigen Zeichen von auffälliger Machtdemonstration bin ich schließlich nicht nur auf das Haus Moor gestoßen, sondern auch auf das Bindeglied Baustelle.

Pitz: Unsere Kostüme sind weder historisierend (und entziehen sich dadurch einer Romantisierung) noch auf Biegen und Brechen „modern”, sondern spiegeln wider, daß Schiller manchmal doch sehr schwarz-weiß zeichnet und daß beim Zusammentreffen der beiden Extreme Blut fließt. Gewollt ist, daß sich im Laufe des Spiels die Konturen verwischen, sich die Farben vermischen, daß die „weiße Weste” eben nicht weiß bleibt.

Wüllenweber: Friedrich Schiller hat uns eine „moderne”, heutige Interpretation leichtgemacht, denn sein Erstlingswerk „Die Räuber” war zur Entstehungszeit genauso aktuell, wie es heute noch ist. Es geht um die Wurzeln und die Eskalation von Gewalt. Und das ist ein Thema, das heute genauso brisant und ungelöst ist wie damals. Geradezu ein Schulbeispiel dafür, wohin Gewalt führt – niemals zu Lösungen, sondern immer zu neuer Gewalt, zu noch mehr Gewalt –, wird uns in Palästina vor Augen geführt. Wenn man nun Schiller genau liest bzw. wenn man genau hinhört, findet man gleich in der ersten Räuberszene die Idee von einem Judenstaat im „Gelobten Land”. 1781! – das haben nicht wir hineingeschrieben. Da müssen wir nicht „modernisieren”!

Dramaturgie: Ein viel näherliegendes Beispiel sind die „Schwabinger Krawalle” von 1962, die von einer Anzeige gegen drei Straßenmusiker ausgingen, von denen sich Anwohner” gestört fühlten. Einer der Musiker war Wolfram Kunkel, der bei den „Räubern“ 1989 auf der Luisenburg schon dabeiwar und jetzt den alten Moor spielt.

Kunkel: Das hat damals wirklich ganz harmlos angefangen. Erst mit der Überreaktion der Polizei wurde der Konflikt gewalttätig und eskalierte. Als nach fünf Tagen die Polizei mit dem Schlechtwettereinbruch verschwand, war für uns Musiker dieses „Polizeisportfest” auch vorbei. Anders für Andreas Baader, der mit dabeiwar und der aus seiner Feststellung „In einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung”, andere Konsequenzen gezogen hat. Sein Weg führte zur RAF, deren „Hauptmann” er schließlich wurde.

Wüllenweber: Der Ursprung der Gewalt findet auch in Schillers „Räubern” tatsächlich in den kleinsten Einheiten der Gesellschaft statt, manchmal in der „Unwirtlichkeit der Städte”, wie z.B. bei uns in der „Betonburg”. Hier hat der alte Moor durch seine, nicht nur von Franz so empfundene Bevorzugung Karls, des Erstgeborenen, Ungleichheit und damit Neid, Minderwertigkeitsgefühle, Aggressionen gesät. Verschärft wird das Problem immer dann, wenn auch noch Geld im Spiel ist.

Dramaturgie: Wollen Sie damit zeigen, daß in einer „natürlicheren” Umgebung weniger Gewaltpotential vorhanden ist?

Wüllenweber: Nein, es kann höchstens sein, daß es anders ausgelebt, abreagiert werden kann.
Natürlich darf auch nicht übersehen werden, daß in den Betonwüsten unserer (Groß-) Städte häufig kaputte, zerrüttete Familienstrukturen zu finden sind – prozentual vielleicht nicht häufiger als sonst, aber aufgrund der Bevölkerungsdichte auffallend -, daß ein ungeheures Gewaltpotential vorhanden ist, das aus den gleichen Motiven gespeist wird wie bei Schiller.

Dramaturgie: Er litt unter dem Eingesperrtsein in der „Hohen Karlsschule”, auch er versuchte, sich seinen Freiraum, den man ihm verwehrte, zu erkämpfen – und provozierte mit einem geradezu revolutionären Theatertext.
Das führt uns zu der Frage, ob man Schillers Räuberbande als eine revolutionäre Truppe wie z.B. die RAF sehen kann oder muß.

Wüllenweber: Nein, und da bin ich nicht die erste und einzige, die dies festgestellt hat. Seine „soziale Ader”, daß seine Schurkereien den Armen und Unterdrückten helfen sollen, entdeckt Karl Moor erst, wenn er – übrigens wie sein Bruder Franz – nach einer moralischen Rechtfertigung seiner Taten sucht. Die Räuber sind keine politisch motivierten Terroristen. Karl und Franz – und da sind sie wirklich wie Zwillinge – handeln aus ganz privaten Motiven heraus, aus einer persönlichen Gekränktheit, Verletztheit heraus, und sie suchen nur ihren eigenen Vorteil. Das ist eine Kritik an der Gesellschaft, die schon in ihren kleinsten Zellen oft nicht richtig funktioniert.

Dramaturgie: Das hat Goethe durchaus richtig gesehen, als er laut Eckermann gesagt haben soll: „Wäre ich Gott gewesen, im Begriff, die Welt zu erschaffen, und ich hätte in dem Augenblick vorausgesehen, daß Schillers ‘Räuber’ würden darin geschrieben werden, ich hätte die Welt nicht geschaffen.”
Spannend ist auch die Frage, ob die beiden Brüder Karl und Franz wirklich so grundverschieden sind. Unser Karl, Dirk Lange, hat vor einigen Jahren bereits den Franz Moor gespielt.

Lange: Ich war total glücklich, den Franz zu spielen, weil er mir als der Klarere von beiden erschienen ist. Dieses emotionale Hin und Her von Karl hat mir nie behagt. Desto mehr freue ich mich darauf, den Karl immer mehr an mich heranzulassen. Und ich stelle fest, wie ähnlich sich die beiden wirklich sind. Die Einteilung in den „guten” Karl und Franz, die Kanaille (frz. Canaille, von lat. canus, „Hund”, und ital. canaglia, „Hundepack, Gesindel”), stimmt einfach nicht. Mißt man es an den Morden, so hat Franz einen, Karl aber hunderte auf dem Gewissen.

Dramaturgie: Bei Schiller gibt es außer Amalia keine Frauen. Auch keine Mutter der beiden Brüder, die vielleicht die Einseitigkeit des Vaters hätte wettmachen und beiden eine Nestwärme hätte bieten können. Nun scheint Schiller selbst in der Karlsschule unter diesem Mangel gelitten zu haben, wenn er „entschuldigend” anmerkt, daß es ihm an Vorbildern gefehlt habe: „… die Tore dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, ehe sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben, es zu sein…”. Die Gesellschaft seiner Zeit war eine reine Männer-Gesellschaft. Auch in der Schubartschen „Räuber”-Vorlage gibt es keine Frauen. Sie waren zu dieser Zeit ausschließlich für Kinder, Küche, Kirche zuständig, und eine Emanzipation, die in letzter Konsequenz natürlich auch bedeutet, daß Frauen zur Waffe greifen können, um einer Gewalt Gewalt entgegenzusetzen, war damals kaum vorstellbar.

Wüllenweber: Das war meine Überlegung, daß man bei einer heutigen „Räuber”-Inszenierung diesem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen muß. Frauen spielen in der Gesellschaft eine wichtige Rolle – und eben nicht immer nur eine positive. Von KZ-Wärterinnen bis hin zu Soldatinnen und Terroristinnen oder den „Schwarzen Witwen” aus Tschetschenien, die militant wurden, weil ihnen der Krieg die Männer, Brüder, Freunde nahm, weiß man, daß Frauen zu einer außergewöhnlichen Brutalität fähig sind.
Deshalb wollte ich auch keine „Räuber-Bräute”, denn das gibt erstens der Text nicht her, zweitens würde es gesellschaftliche Realitäten negieren.

Dramaturgie: Sind Frauen deshalb so gefürchtet, weil sie um ihre Anerkennung fürchten, wenn sie nicht ein bißchen besser, mutiger, brutaler und radikaler, eben „männlicher” sind als ihre männlichen „Vorbilder”?

Wüllenweber: Das glaube ich nicht. Frauen sind nicht brutaler! Die Schiller-Texte, ursprünglich für Männer gedacht, funktionieren auch mit Frauen – aber weder besser noch schlechter. Da agieren Menschen, die jegliche Hemmschwellen überschritten haben. Sie haben, wie es im Räuber-Text ja heißt, nichts mehr zu verlieren.
Ich will hier aber nicht verallgemeinern. Ich vermute nur, daß Frauen – wie zum Beispiel unsere Räuberin Schwarz -, wenn sie ihre Verzweiflung einmal die Grenze überschreiten ließ, konsequenter, radikaler sind. Für sie scheint es kein Zurück mehr zu geben, keinen Raum mehr für ein Zögern und Zaudern – wie Hamlet oder auch Karl Moor, der ja immer wieder zurückschreckt, neu motiviert werden muß und oft nur affektiv, aus dem „Bauch” heraus, handelt – genau das, was man uns Frauen immer unterstellt.

Dramaturgie: Wie kann man dem entgegenwirken?

Wüllenweber: Indem man Schillers Botschaft beherzigt, daß man Gewalt nicht mit Gewalt begegnen darf, daß Gewalt nur neue Gewalt zeugt. Wir müssen Verhältnisse schaffen, die ein Entstehen von Gewalt gar nicht erst zulassen.

Der Watzmann ruft – live

Alpen-Rustikal von Wolfgang Ambros, Manfred O. Tauchen, Joesi Prokopetz, mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags

Stückbeschreibung

Der ewige Kampf des Menschen mit dem Berg: Alpen-Rustikal von Wolfgang Ambros, Manfred O. Tauchen, Joesi Prokopetz, mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags

Mit Wolfgang Ambros und der Nr.1 vom Wienerwald, Joesi Prokopetz, Christoph Fälbl, Stephan Lehmann (Antenne Bayern) als Gailtalerin, sowie Susanne Kratsch, Brigitte Recher, Katrin Ruhnke, Gudrun Zimmermann • Stephen Appleton, Karl-Maria Drexler, Christian Rovny, Günter Ziegler

Der Berg ruft noch immer ­ oder genauso unerbittlich das Publikum. Das hatte sich keiner der Autoren und Darsteller 1972 träumen lassen, als sie aus einer „Schnapsidee” heraus ein „Rustikal” über den Kampf zwischen dem Berg und dem Menschen entwickelten, das über Nacht zum Kultstück wurde und es bis heute geblieben ist.
„Das verrückteste, lauteste, frechste und frivolste Stück, das es auf der Felsenbühne je gab…“

Die G’schicht

„Hollaröhdulliöh“, ruft der Berg, schrecklicher und Unheil verkündender als je zuvor. „Hollaröhdulliöh“, dröhnt es durch die Schluchten, und sogar die beiden Knechte, die mit Intelligenz nicht gerade gesegnet sind, wissen sofort, daß der verfluchte Geist nun wieder nach einem Opfer verlangt. Und wer den alten Bauern und seinen vorlauten Sohn beim Mittagessen um den Suppenlöffel streiten sieht, der ahnt schon, wen er sich diesmal holen wird, der Watzmann.

Tatsächlich brauen sich finstere Gewitterwolken zusammen. Doch es ist kein normaler Sturm, der um den kleinen Bergbauernhof pfeift. Der Geist hat sich sein Opfer gewählt. Dem Bauern sein’ Bua ist’s, dem der Donner gilt. Aber noch hat er ihn nicht in seinen eisigen Klauen. Noch einmal hat des Vaters Flehen genützt – oder waren es doch die Gebete der verängstigten Weiberleut?

Aber der Watzmann ist der Schicksalsberg, erhaben und so groß, daß wir gegen ihn nur Zwerge sind! Zwei solcher Zwerge, Vater und Sohn, wagen sich immer weiter den Hang hinauf. Nur kurz erfreuen sie sich an der herrlichen Landschaft, denn der Berg hat kein Einsehen und schickt dunkle Wolken. Er will sein Opfer haben, ruft erneut nach dem Buam und diesmal gibt’s kein Halten mehr!

Premiere am 3. Juli 2008

Besetzung

Alpen-Rustikal von Wolfgang Ambros, Manfred O. Tauchen, Joesi Prokopetz, mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags

Erzähler: Wolfgang Ambros
Vater / 1. Knecht: Joesi Prokopetz
Bua / 2. Knecht: Christoph Fälbl
Gailtalerin: Stephan Lehmann
3. Knecht: Karl Maria Drexler
4. Knecht: Christian Rovny
5. Knecht: Stephen Appleton
1. Magd: Susanna Kratsch
2. Magd: Gudrun Zimmermann
3. Magd: Brigitte Recher
Die Königin der Walpurgisnacht: Katrin Ruhnke
Kapuzenmann: Günter Ziegler
Watzmannschaft: Anja Franke, Julia Haas, Miriam Krist, Reinhild Pfahler, Eva Schödel; Nikolaj Haas, Johannes Hoffmann, Patrick Kern, Jonas Mielke, Dominic Rasp

Die Nr. 1 vom Wienerwald: Peter Koller (Gitarre), Erich Buchebner (Baß), Günter Dzikowski (Keyboard), Harry Stampfer (Schlagzeug)

Regie: Brigitte Recher • Choreographie: Ferdinando Chefalo • Kostüme: Martina Gaa • Lichtdesign Andreas Brandl • Lichtoperator / Programmierung: Georg Fuchs • Ton FOH: Andreas Ratz • Ton Monitor: Michael ãZwara“ Liebing • Backliner: Roland Vogl • Künstlerische Produktionsleitung: Christoph Zauner • Produktionsleitung: Ulrike Bruckner • Produzent: Peter Fröstl • Inspizienz: Günter Ziegler • Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Martina Gaa, Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) ­ Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) ­ Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele ­ Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent) Petra Andrea Bachmayer (Praktikantin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister) • Beleuchtung: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner • Technische Leitung: Werner Moritz

Pressestimmen

„Hollaröhdulliöh” schallt’s aus dem Felsenlabyrinth – meint Stefan Voit im Neuen Tag Weiden über die „gefeierte Premiere”:

Wenn der Berg ruft, dann kommen sie alle! Diesmal lockten allerdings nicht die Alpen, sondern das Felsenlabyrinth auf der Luisenburg. Dort hatte „Der Watzmann ruft”, das “frechste, verrückteste und frivolste Stück, das es je hier gegeben hat” (Intendant Michael Lerchenberg) am Donnerstag umjubelte Premiere.

Lerchenberg ist mit dem „Rustikal” von Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz wieder einmal ein genialer Schachzug geglückt: Das Alpendrama bedient die Genres Musical, Volkstheater sowie Komödie und hat sich in Jahrzehnten zurecht Kultstatus erworben. Aussagen wie „Hollaröhdulliöh” oder „Auffi muaß i” haben längst Eingang in den bayrischen und österreichischen Wortschatz gefunden.

Die Luisenburg ist für dieses Stück geradezu prädestiniert, bieten die Felsen doch eine einmalige und geradezu geschaffene Kulisse für den „Watzmann”. Regisseurin Brigitte Recher hat sich an das legendäre Stück herangewagt und eine skurrile, freche, erotische und – im positiven Sinn – zugleich kitschige Fassung präsentiert.

Als Ambros und Co. 1972 diese „Rockoper” aus „einer Bierlaune” heraus schrieben, dachten sie bestimmt nicht daran, dass der “Watzmann” nach fast 40 Jahren noch so erfolgreich sein würde. Die nicht ganz ernst gemeinte Geschichte beschreibt das Schicksal eines Bergbauern (legendär: Joesi Prokopetz) und dessen Bua (genial: Christoph Fälbl), den der Berg magisch anzieht. Trotz allen Warnungen des Vaters („Der Berg, der kennt koa Einsehn nit”) erliegt er schließlich dessen Verlockungen und bezahlt mit seinem Leben.

Dazwischen spielt das Leben der verschrobenen Dorfbewohner wie etwa die Knechte (nochmals unübertroffen: Joesi Prokopetz und Christoph Fälbl) und der lasterhafte Auftritt der Gailtalerin (süffisant: Radiomoderator Stephan Lehmann), die allen mit ihren Reizen den Kopf verdreht. Des Weiteren tummeln sich noch tanzende und singende Knechte, Mägde, die Königin der Walpurgisnacht, der Kapuzenmann und die Wunsiedeler Watzmannschaft (Extralob).

Frech und frei (blanker Busen!) ist die Aufführung, lüstern und eindeutig die Texte, rockig und spielfreudig zeigt sich die Band „Die Nr. 1 vom Wienerwald”. Die gibt mit Erzähler Wolfgang Ambros (in bester Premierenlaune) Klassiker wie „Der Berg”, „Oh St. Hubertus” oder „Die Gailtalerin” zum Besten.
Da wird gefeixt und getanzt, dem Dauerregen getrotzt; da wird die Gams geschossen und die Kuh gemolken, mit dem Suppenlöffel geschlagen und ein ferngesteuerter Gartenzwerg über die Bühne gefahren – ein alpines Spektakulum der besonderen Art. Das Premierenpublikum (ausverkauftes Haus!) ist begeistert, schmettert das Echo zurück, schunkelt begeistert mit und gibt immer wieder Szenenapplaus.

Ein ausgefallener Premierenabend auf der Luisenburg, eine mitreißende Aufführung, ein glückliches Publikum und Standing Ovations zum Schluss. Hollaröhdulliöh!

Eine „Alpine Rocky-Horror-Show” entdeckte Rainer Maier für die Frankenpost Hof in der „schrillen Berg-Revue ‘Der Watzmann ruft'”, die auf der Luisenburg einen “triumphalen Erfolg” feierte.

Dieser Berg wächst seit 36 Jahren. Vom zwanzigminütigen Klamauk ein paar Wiener Burschen hat er sich zum gewaltigen Massiv aufgefaltet, zu einer zweistündigen Bergwelt-Revue mit immer neuen komödiantischen Panorama-Blicken. Bei den Luisenburg-Festspielen erreicht der „Watzmann” abermals neue Höhen: So fetzig wie von Brigitte Recher für die Premiere am Donnerstag ist das „Alpen-Rustikal” von Wolfgang Ambros, Manfred O. Tauchen und Joesi Prokopetz wohl noch nie inszeniert worden.
„Das verrückteste, lauteste, frechste und frivolste Stück, das es auf der Felsenbühne je gab“, hat Intendant Michael Lerchenberg angekündigt. Zu viel versprochen hat er nicht.

Zum ersten Mal seit Anbeginn des Alpen-Rustikals ist der Watzmann nicht nur ein Pappkamerad im Bühnenhintergrund, sondern echter Fels. Groß und mächtig. Schicksalsträchtig. So singt’s der Wolfgang Ambros vor der imposanten Granit-Kulisse. Zwar wurde die Mensch-gegen-Berg-Dramatik der Urfassung im Lauf der Jahrzehnte von immer neuen Gags und Gimmicks ziemlich zugestellt, doch bleibt auch in Wunsiedel eine Frage geradezu shakespeareschen Ausmaßes die zentrale Triebfeder des Stücks: „Aufi ­ oder nit aufi?“

Nun gut, Hamlet würde die Entscheidung vielleicht nicht an den Knöpfen seines Trachten-Jankers abzählen, aber auch den Sohn des Bergbauern treibt es mächtig um, seit ihn der Berg im Gewittersturm gerufen hat. Christoph Fälbl spielt den Buam umwerfend quirlig, dann wieder herrlich unbeholfen und linkisch.

Joesi Prokopetz, Mit-Autor des Stücks und über die Jahre aus der Rolle des Buam heraus- und in die des Vaters hineingewachsen, mimt den knorrigen Berghof-Patriarchen mit Hingabe und Hintersinn.
Blitzschnell verwandeln sich die beiden immer wieder in die Knechte, die Gag um Gag ins ohnehin vor Lachen prustende Publikum feuern. Da klingelt plötzlich auf der Alm das Foto-Handy. Inhalt der Message: Sie ist wieder da, die Gailtalerin.

Jetzt ist die Sünd’ ausgebrochen unterm Watzmann-Massiv. Denn die Gailtalerin ist angetreten, allen „Mannern“ den Kopf zu verdrehen. Die meisten kennt sie eh schon, selbst im Publikum … Stephan Lehmann gibt das Vollweib im roten Dirndl, die „leibhaftige Sünd“ mit dem beständigen „Ziehen im Schritt“. Verführerisch kokettiert er mit seinen strohblonden Zöpfen und drückt sich den mächtigen Busen in Form. … Aus den Siebzigern übriggebliebene „Watzmann“-Puristen sind von der zur alpinen Rocky-Horror-Show mutierten Aufführung ohnehin längst überrollt worden. So verwandelt sich der Granitblock im Bühnenzentrum urplötzlich zum Blocksberg, auf dem der Teufel los ist. „Nackt und bloß“, singt Ambros dazu, unterstützt von seiner glänzend aufgelegten Band „Die Nr. 1 vom Wienerwald“, die aufkeimende volkstümelnde Gefühle gnadenlos mit schrägen Gitarren-Riffs zersägt. So wurde auf der Felsenbühne noch nie gerockt. Nach dem wilden Dirndl-Strip folgt noch ein umwerfender alpenländischer Verführungs-Rap zwischen Bauer und Gailtalerin: „I wüll.”­ “I net.” …

Das Publikum feiert die Ambros-Mannschaft minutenlang im Stehen. „Hollaröhdulliöh!“

„Frivoles aus dem Hochgebirge” sah Gero v. Billerbeck für den Nordbayerischen Kurier:

Zugegeben, das gewaltige Felsenlabyrinth der Luisenburg ist nur ein Hauch von Watzmann, aber zwergenhaft ist der Mensch da wie dort. Wo Zwerge sich abstrampeln im Gefühl, die Größten zu sein, ist die Komik nicht weit: Tagikomisch geht es zu in „Der Watzmann ruft“ von Wolfgang Ambros, Joesi Prokopetz und Manfred O. Tauchen. Am Donnerstag hatte das „Alpen-Rustikal“ Premiere auf der Naturbühne bei Wunsiedel.

Wenn der Watzmann ruft, dann ist das so, als würde anderswo der Knochenmann sein Perpendikel anhalten. Eine Schrecksekunde lang hält dann auch der Mensch den Atem an. Aber, dem Himmel sei’s geklagt, er ist ein leichtsinniger Vogel. Der Watzmann rief, zwischen Granitriesen wabern die Nebel, aber obendrauf lassen eine barbusige Schöne, eine Handvoll Musiker und ein übermütiges Schauspielervolk die Sau raus. Mit entsprechendem Stolz hatte Intendant Michael Lerchenberg zuvor einen Rekord angekündigt: Das sei das frivolste, was es bisher in der rund 120 Jahre langen Geschichte der Luisenburg-Festspiele gegeben habe.

Lerchenbergs zweite Ankündigung, die Mobiltelefone seien auszuschalten, blieb unbefolgt. Auf der Almhütte von Vater, Sohn und drei Weiberleuten klingelte es, aber eigentlich nur, um zu demonstrieren, dass „da heroben” mit dem Handy keiner telefonieren kann, nur fotografieren. … Wir merken schon: Normaler Dramatikerverstand kann dem Opus kaum beikommen. Zuweilen ist es so, als sei bei der bierlaunigen Grundsteinlegung von „Der Watzmann ruft” 1972 Karl Valentin dabeigewesen. Der Satz „Du bist so hirnlos, dass ich vergessen hab’, was ich sagen wollt'”könnte von ihm stammen. Aber „Finger weg von meiner Musch“ hätte keine Liesl Karlstadt je über die Lippen gebracht. Der Song “Ach, was muss man doch von bösen / Sündern hören oder lesen” überbringt dagegen deutliche Grüße von Wilhelm Busch. Trotzdem kann man den Autoren keinen Plagiatoren-Vorwurf machen. Wenn der liebeshungrige Vater der Gailtalerin (eigentlich mit ãe“ zu schreiben) verspricht: „Diesmal dusch’ ich mich – nachher!”, dann ist dergleichen unverfälscht selbst erdacht.

Und das kommt an. Das Publikum ist von Anfang an dabei und leistet der Luisenburg Geburtshilfe bei dem Versuch, sich als alpine Hochleistungsbühne neu zu kreieren und ein Echo zu produzieren. „Das schönste Echo der Welt”! Erzähler Wolfgang Ambros übertreibt nicht mit dieser Bestnote. Die hat natürlich ihr Ironie-Geschmäckle, weswegen denn auch gleich St. Hubertus eins draufsetzt und sein Jagdhorn tuten lässt.

Seit 1972 ist „Der Watzmann ruft“, ursprünglich ein Fünf-Minuten-Sketsch, ständig ausgebaut worden. … So gesellen sich auch bei der Neuestfassung in Wunsiedel kuriose Dinge hinzu, die das Stück kaum „wahrer”, aber an Komik und Kuriosität reichhaltiger machen. Ein bisschen Ballett stößt uns unterwegs zu, eine Walpurgisnacht bietet Gelegenheit zu allerhand harmlosen Sauereien, und ein Barometer fällt so deutlich (von der Wand), dass man’s weithin hört….

Man hat seinen Spaß gehabt und applaudiert derweil, was die Hände halten.
Mitwirkende: Ihnen allen von Wolfgang Ambros bis Günter Ziegler gebührt Respekt und Applaus, auch wenn auf der Bühne keine Personen, sondern nur Typen dargestellt wurden. Brigitte Recher brachte als Regisseurin das Kunststück fertig, annähernd zwei Stunden lang einen prall gefüllten Sack Flöhe zu hüten.

„Vom steinigen Steilweg zu sich selbst” schrieb Anastasia Poscharsky-Ziegler im Fränkischen Tag Bamberg über das Alpenrustikal „Der Watzmann ruft “, das in diesem Sommer seine ideale Bühne gefunden hat.

Bisher immer nur zwischen Pappmachéehügeln auf Klettertour, durften Wolfgang Ambros und seine Freunde nun erstmals zwischen echten Bergfelsen mit dem Eispickel alpin kraxeln. 1800 restlos begeisterte Besucher schunkelten, sangen, lachten und jodelten sich durch 105 höchst amüsante Minuten.

Überhaupt nicht ernst nehmen darf man diese geniale Mischung aus Bergbauerndrama, Musical, Travestieshow und Rockkonzert … „Auffi oder net auffi ? – Das ist hier die Frage” lautet frei nach Hamlet der Inhalt des turbulenten Stücks, dessen ernster Kern schnell erzählt ist: Der Berg Watzmann ruft, der alte Bauer (Joesi Prokopetz – urkomisch) warnt vor der Gefahr, sein „Bua“ (Christoph Fälbl – genial tolpatschig) kann nicht widerstehen, und kommt am Ende um. Da macht sich dann auch der Bauer auf den steilen Weg hinauf.

Moderiert von Erzähler, Sänger und Gitarrist Wolfgang Ambros, die Kostüme konzentriert auf Lederhosen und Dirndl, ein sparsames Bühnenbild, das der dreißig Meter hohen und grandios ausgeleuchteten Felsenbühne die Hauptrolle als alpinem Watzmann überlässt – so wusste die Luisenburg-Inszenierung von Gitti Recher (als dritte Magd zu sehen) voll zu überzeugen. Ein putzmunteres 25-köpfiges Ensemble ließ sich am Premierenabend nicht durch den Dauerregen stören, und die Bühnengewitter und Windgeräusche wurden von der Natur unterstützt. Als Rockband bot die „Nr. 1 vom Wienerwald“ im satten Sound die Hits wie „Der Berg”, „St. Hubertus”, „Die Gailtalerin – sie ist wieder da”, die sich im fließenden Wechsel zwischen Szene und Musik kurzweilig aneinanderreihen. Bei der Jodeleinlage „Hollaröhdulliöh“ mit Publikum sind die Besitzer des “Jodel-Diploms” von Loriot („Da hat man was fürs Leben!”) allerdings klar im Vorteil.

Nach Bergbauerntristesse, frömmelnden Mägden und Knechten beim Mistgabelballett, kommt (nomen est omen) durch die „Gailtalerin”, verkörpert durch den Radiomoderator und Stadionsprecher des FC Bayern Stephan Lehmann, Glamour, Erotik und Show auf die Bühne. Deftig geht es hier zur Sache, wenn die blond bezopfte lebensfrohe Maid die Bauernschar auf andere Gedanken bringt. Und das wilde Treiben von Männlein und Weiblein zur Walpurgisnacht beschert der Felsenbühne im Fichtelgebirge sogar eine Blondine „oben ohne” (Katrin Ruhnke).

Der Schlussapplaus wurde zum Rockfest und eroberte sich noch als Zugabe den unsterblichen Ambros-Winterhit „Schifoan” – mit einer bunten Gruppe „Skihaserl” auf der Felsenbühne, die noch niemals so imposant beleuchtet war wie zu diesem Watzmann.

Die Operette
Das Schwarzwaldmädel

Operette von Léon Jessel
(Gastspiel der Operettenbühne Wien)

Stückbeschreibung
Im Schwarzwalddorf St. Christof bereitet sich Domkapellmeister Blasius Römer auf das diesjährigen Cäcilienfest vor, als zwei Wandermusikanten bei ihm um Quartier bitten. In Wahrheit handelt es sich bei den beiden um Hans und Richard, die auf der Flucht vor Hans’ nervender Verehrerin Fräulein Malwine von Hainau sind. Doch Malwine ist ihnen nachgereist …

Um auf dem Fest mittanzen zu können, leiht sie sich beim Domkapellmeister eine Tracht aus und besteht darauf, dass auch das Bärbele, seine junge Magd, eine Tracht geliehen bekommt. Aus lauter Dankbarkeit gibt Bärbele dem alten Kapellmeister einen Kuss, der diesen als versteckten Liebesbeweis wertet und beschließt, nach dem Fest um ihre Hand anzuhalten. Malwine versucht nun Hans eifersüchtig zu machen, in dem sie mit Richard flirtet, Hans hat aber nur Augen für das Bärbele. Auf dem Volksfest münden alle Liebeswirren, zusammen mit der bevorstehenden Bürgermeisterwahl und dem gar nicht schwarzwaldgerechten Verhalten des zugereisten Berliner Kaufmanns Schmußheim, in einer fulminanten Rauferei.

Am nächsten Morgen klären sich die Verhältnisse: Richard und Malwine bleiben zusammen, Bärbele hat eine reiche Erbschaft gemacht und Hans nimmt sie mit nach Berlin. Der alte Domkapellmeister verzichtet mit der Weisheit des Alters auf die junge Magd.

Besetzung

Operette in 3 Akten

Text: August Neidhart Musik: Leon Jessel

Blasius Römer, Domkapellmeister: Alois Walchshofer

Hannele, seine Tochter: Verena te Best
Bärbele, bei Römer bedienstet: Susanne Fugger
Jürgen, der Wirt vom Blauen Ochsen.: Rudolf Kostas
Lorle, seine Tochter: Raphaela Raubal
Malwine von Hainau: Heidi Brandstetter
Hans: David Busch
Richard: Alexander M. Helmer
Die alte Traudel.: Linde Rupp
Schmußheim, ein Berliner: Gerhard Karzel

Bühnenfassung, Regie und Musikalische Leitung: Prof. Heinz Hellberg
Kostüme: Lucya Kerschbaumer
Technische Gesamtleitung: Axel Gantke

Die Oper
Tosca

Oper von Giaccomo Puccini

Gastspiel der Landesbühnen Sachsen / Felsenbühne Rathen

Stückbeschreibung

Gastspiel der Landesbühnen Sachsen

23. bis 25. August 2008

Besetzung

Es singen und spielen u.a.:

Sarastro: Tobias Pfülb

Königin der Nacht:  Christina Poulitsi / Cornelia Götz

Tamino:  Michael Axelsson / Guido Hackhausen

Pamina:  Anna Erxleben / Judith Hoffmann

Papageno: Fred Bonitz / Norman D. Patzke

Papagena:  Theresa Suschke / Karolin Trübenbach

Musikalische Leitung: GMD Michele Carulli, Inszenierung: Therese Schmidt, Ausstattung: Stefan Wiel

Sonderveranstaltungen
Hofer Symphoniker
Wolfgang Ambros
Ottfried Fischer
Ludwig Thoma
Karl Valentin

Konzerte & Kabarett

Hofer Symphoniker

Ein SOMMERKONZERT mit den Hofer Symphonikern

Mo. 21. Juli 2008, 20.30 Uhr • 21,­ € auf allen Plätzen

Wolfgang Ambros

Wolfgang Ambros + Die Nr.1 vom Wienerwald in Concert

 Mo. 28. Juli 2008, 20.30 Uhr • 34,­ / 31,­ / 27,­ / 22,­ €

Ottfried Fischer

WO MEINE SONNE SCHEINT!

exclusiv Ottfried Fischer mit seinem “Heimatprogramm”:

Das neue Kabarett-Solo von und mit Ottfried Fischer
einmalig am Fr. 25. Juli 2008, 20.00 Uhr • 25,­ € auf allen Plätzen

Ludwig Thoma

Ludwig Thoma: JOZEF FILSERS BRIEFWEXEL

Michael Lerchenberg liest, begleitet vom Freien Fränkischen Bierorchester
Fr, 1. 8. und Di. 5. 8., jeweils 20.00 Uhr 19,­ € auf allen Plätzen

Karl Valentin

Karl Valentin: DER TIEFSEETAUCHER IM FELSENLABYRINTH

Karl_Valentin_Tiefseetaucher_2008Komische, merk- und denkwürdige Szenen mit Gerd Lohmeyer als Valentin, Monika Manz • Adolf Adam, Johannes Herrschmann, Thomas Kollhoff, Christofer Varner, Gerhard Wittmann • Regie: Gerd Lohmeyer

Sa. 7., So. 8., Fr. 13., Sa. 14. und So. 15. Juni 2008, jeweils 19.00 Uhr • 19,99 € auf allen Plätzen

Das diesjährigen Labyrinth-Extras der Luisenburg-Festspiele wurde wieder von Gerd Lohmeyer vorbereitet, der vor zwei Jahren schon zum mitternächtlichen Märchenspaziergang im Labyrinth „Bis hierher und nicht weiter“ eingeladen hat. Jetzt stellt er Karl Valentins „Der TiefseeTaucher“ im Felsenlabyrinth vor, zusammen mit Monika Manz, Adolf Adam, Johannes Herrschmann, Thomas Kollhoff, Christofer Varner und Gerhard Wittmann. Die Besucher erwartet ein außergewöhnliches Stationentheater aus komischen, merk- und denkwürdigen Szenen. Auf der geführten Wanderung durch den unteren Teil des Felsenlabyrinths begegnen sich versprengte Valentin-Gestalten: eine verirrte Loreley trifft auf einen Regenwasserforscher, ein zwischen Wahn und Wirklichkeit hadernder Ententräumer auf eine Chinesisch-Expertin. Und überhaupt, was hat ein Tiefseetaucher im Labyrinth zu suchen? Vielleicht gibt eine kurze Schulstunde Auskunft und lehrt uns, das Fremde in uns verstehen zu lernen.

Keine Konstellation ist bizarr genug bei der Suche nach einem Ausweg für die Gestalten, die sich in sich selbst und in ihren Zwangsvorstellungen wie in einem Labyrinth verirrt haben.

Vertieft wird diese abendliche Irrfahrt durch den Klangzauber von Christofer Varner, der die Felsen, die sich vor Lachen biegen, zum Weinen bringt, wie es ein Abend mit Texten von Karl Valentin erfordert.
Die Wanderung (bitte entsprechendes Schuhwerk anziehen!) dauert gut eine Stunde. Die Bergwacht begleitet den Gang und sorgt für die evtl. körperliche Versehrtheit – für „”geistige Folgeschäden” wird nicht gehaftet.

  Der Tiefseetaucher im Felsenlabyrinth

„Der TiefseeTaucher im Felsenlabyrinth”
Denk- und merkwürdige Szenen von Karl Valentin

Begrüßung: Thomas Kollhoff
Herr Gabler: Monika Manz; Thomas Kollhoff
Intermezzo: Christofer Varner
Der Regenwasserforscher: Gerd Lohmeyer
Die bayerischen Seen: Gerd Lohmeyer, Christofer Varner
Der olympische Fackelläufer: Gerhard Wittmann
Intermezzo: Christofer Varner
Loreley: Johannes Herrschmann, Christofer Varner
Schwierige Auskunft: Johannes Herrschmann, Gerhard Wittmann
Chinesisches Couplet: Monika Manz; Christofer Varner, Gerhard Wittmann
Der Ententraum: Adolf Adam
Der Tiefseetaucher: Sabrina Schricker; Thomas Kollhoff
Das Aquarium: Johannes Herrschmann
Bei Schaja: Monika Manz; Gerhard Wittmann
Vergeßlich: Johannes Herrschmann, Gerd Lohmeyer
Die alten Rittersleut: Christofer Varner
Die Fremden: Monika Manz, Romina Weiss; Johannes Herrschmann, Thomas Kollhoff, Gerd Lohmeyer, Gerhard Wittmann
Der halberzählte Witz: Adolf Adam
Muschelfinale: Christofer Varner

Regie: Gerd Lohmeyer • Musik: Christofer Varner • Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly, Anja Müller • Regieassistenz: Petra Andrea Bachmayer • Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin), Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister) • Elektrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister) • Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter)

Wir danken der Bergwachtbereitschaft Wunsiedel für die Begleitung!

Über die Aufführung schrieb Gero v. Billerbeck unter dem Titel „Wenn die Steingeister Ausgang haben” im Nordbayerischen Kurier

Ein Tiefseetaucher im Mittelgebirge? Schlimm genug und nur noch zu toppen durch eine zweite Mesalliance: Karl Valentin in Oberfranken! Da staunt der Münchner, und der Berliner wundert sich. Ersterer fragt „Wie geht das?”, letzterer „Wer ist das?” Beiden wurde am Samstagabend auf der Luisenburg geholfen. Denk- und merkwürdige Szenen des oberbayerischen Linksdenkers hatten dort unter dem Titel „Der Tiefseetaucher im Felsenlabyrint” Premiere.

Ein Abend der Extraklasse … Regisseur Gerd Lohmeyer hatte im Gesamtwerk des Münchner Komikers höchst erfolgreich nach Luisenburg-Verwertbarem gestöbert, dabei den verschrobenen Valentinismus aus allen Schräglagen befreit und endgültig auf den Kopf gestellt. Ein Ohrenzeuge berichtet von einem Münchner Friedhof, er habe aus dem Grab des tiefernsten Autors der Texte und Szenen ein beifälliges Kichern gehört.

Das hätte Karl Valentin sich kaum träumen lassen, dass sein „Tiefseetaucher” (Thomas Kollhoff) dereinst mit Kind (höchst selbstbewusst: Sabrina Schricker) in voller Ausrüstung unter einer frischgrünen Buche auftauchen und die Inflationierung eines sauerstoffbeatmeten Berufsstandes beklagen würde… Nicht jeder Taucher saß an diesem denkwürdigen Abend auf dem Trockenen. Der Regisseur höchstpersönlich bestieg in wasserdichter Montur einen Tümpel, um Valentins „Regenwasserforscher” über sein Element referieren zu lassen. … Monika Manz befreite uns mit V.s „Chinesischem Couplet” von der Mühsal des Verstehenmüssens…

Alle … fast zwanzig Valentin-Nummern zündeten herzerfrischend gut und gipfelten schließlich im (leider!) nicht mehr ausschließlich komischen Exkurs über „Die Fremde” („fremd ist der Fremde nur in der Fremde”). „Lehrerin” Monika Manz hatte dazu den Felsgipfel-Pavillon im Labyrinth erklettert, um mit der ihr zu Füßen sitzenden Pennälergruppe aller übrigen Mitwirkenden eine hinreißende Schulstunde zu absolvieren – einer von vielen tollen Regie-Einfällen.

Das Publikum wandert von Szenenort zu Szenenort und kann sich allenfalls eine gut positionierte Baumwurzel als Sitzplatz erobern. So gab es automatisch stehenden Applaus, den es freilich vielleicht auch mit einem gesessen habenden Publikum gegeben hätte.

In der Frankenpost war zu lesen:

„Die Natur spielt die Hauptrolle. Wuchtige Felsblöcke, dunkle Fichten, knorrige Wurzeln, die aus dem Boden ragen, dunkelgrün bemooste Steine und moorige Tümpel sind mehr als nur Kulisse. Wer sich zum Theaterspielen in das Felsenlabyrinth der Luisenburg begibt, weiß, dass hier Urkräfte bestimmen, wie die Aufführung letztlich ausgehen wird.

Ganz ohne künstliches Licht und mit minimalen Requisiten lässt daher auch Regisseur Gerd Lohmeyer seine Schauspielkollegen vor die Besucher treten. „Der Tiefseetaucher im Felsenlabyrinth“: Szenen von Karl Valentin werden zu einem außergewöhnlichen Stationen-Theater verwoben. Die Besucher wandern im Labyrinth von einem komisch-merkwürdigen Auftritt zum nächsten, doch nie ist bloßer Klamauk zu sehen. Jede Szene verdient das Prädikat „denkwürdig“.

„Wenn Sie in diesem Felsengarten nach einem Tiefseetaucher suchen, dann sind tiefere Entdeckungen zu machen“, versichert Thomas Kollhoff den Besuchern. Abrupt wird er von einer ãDame“ in Rot, der genial spielenden Monika Manz, unterbrochen. Die Matrone bedroht ihn mit Nordic-Walking-Stöcken, bellt Beleidigungen und betitelt ihn als Denunzianten. Doch die Schimpfkanonade endet so schnell, wie sie begonnen hat, denn irgendjemand irrt gewaltig.
Viel wird beim „Festspiel-Extra“ im Labyrinth gesungen: laut, schräg und wunderlich im Text. Herzlich lachen die Zuhörer beim „Lied über die bayerischen Seen“, das Gerd Lohmeyer, bis zur Brust in einem Tümpel stehend, vorträgt…

Auf einem riesigen Felsen wartet die liebliche Loreley (Johannes Herschmann), angetan mit Tüll, Spitze und Gummistiefeln, auf die Kultur-Wanderer. Mit einem schrägen Chanson klärt sie auf, welche Vorteile das linksrheinische Ufer gegenüber dem rechtsrheinischen hat. Und noch ein Lied, das einem chinesisch vorkommt: Im China-Kostüm steht Monika Manz in einem großen Fass auf einem Felsvorsprung hoch über den belustigten Besuchern.

Natürlich trifft man auf Tiefseetaucher inmitten des Fichtelgebirges selten. Wie Sand am Meer gibt’s die eher an der See. Da tut sich im Felsenmeer der Luisenburg doch eine echte Marktlücke auf. Oder?
Die Urgewalten spielen bei den knapp 70 unterhaltsamen Minuten der Aufführung prima mit. Nur in Miniatur zeigt sich die Natur angriffslustig: Mückenschwärme piesacken sowohl die Mitwirkenden als auch das Publikum.

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