Michael Lerchenberg

“Sind’s doch neugierig!” – offener Brief an das Publikum

Wunsiedel, im April 2017

Liebe Freunde unserer Volkstheaterinszenierungen,

Luisenburg-Festspiele 1977:  Alois Johannes Lippls „Die Pfingstorgel“ wird gespielt, es kamen damals über 53.000 Zuschauer! Warum?

Ein Volkstheater-Klassiker und, so wie auch schon Lippls „Der Holledauer Schimmel“, ein perfektes Stück für die Naturbühne der Luisenburg mit vielen Außenszenen, stimmungsvollen Nachtbildern, wunderbaren Rollen für gestandene Volksschauspieler und schmissigen Dialogen. So wurde „Die Pfingstorgel“ auch zu einem Luisenburg-Klassiker. Schon 1935(!) ein Publikumserfolg und auch 1992 das damals beliebteste Stück der Spielzeit.

Jetzt, in meiner letzten Spielzeit als Ihr Intendant, wieder dieses köstliche Lippl-Stück. Eine Komödie mit viel Musik, geht es doch um eine arme Wandermusikantentruppe, die zu Unrecht von den geizigen Bauern aus Maut des Diebstahls bezichtigt werden. Der Kampf Arm gegen Reich prägt dieses Stück und Gewinner sind letztlich die Musikanten, die zusammen mit Straßenhausieren, Scherenschleifern und Pfannenflickern den geizigen Mauter Bauern eine Orgel spendieren.

Zum ersten Mal werden nun diese Musikanten von musizierenden Schauspielern gespielt. Gustl Bayrhammer, der Star der Inszenierung von 1977, ist noch mit einem Kontrabass über die Bühne gewandert, auf dem er selbst nicht einen Ton spielen konnte. Jetzt aber haben wir auf der Luisenburg nicht nur herrliche Schauspieler, sondern auch zugleich eine zünftige Blechmusik. Thomas Unger, bekannt aus div. Filmen mit Markus H. Rosenmüller und Matthias Kiefersauer sowie Hauptdarsteller der „Garmisch Cops“, spielt die Steirische Harmonika, Florian Burgmayr, der schon für „Die Fahnenweihe“ komponiert hat, bläst die Tuba, dazu Posaune und Klarinette  und der Trompeter ist Norbert Neugirg, eigentlich Kommandant der Altneihauser Feuerwehrkapell’n, aber spätestens seit dem „Sommernachtstraum“ auch ein  großer Luisenburg Komödiant, der Lippls Verse gekonnt frech aktualisiert.

Wer noch fehlt, mein liebes Publikum, sind Sie!

Ich will zum Abschluss meiner Intendanz mal ganz ehrlich sein: Es will mir nicht in den Kopf, dass unser so begeistertes Volkstheaterpublikum jetzt im Vorverkauf so zurückhaltend ist. Sicher, der eine oder andere kennt vielleicht das Stück nicht oder nicht mehr, aber ist das nicht eher ein Grund, neugierig zu sein, nach all den großen Theatermomenten, die Sie bei uns erlebt haben? Haben Einwegwindel und  Clownskostüme im „verkauften Großvater“ Sie so verschreckt?

Gutes Volkstheater ist immer auch aktuelles Theater gewesen, da wird mit Witz und Humor der Finger in die Wunden der Zeit gelegt! Und so, wie Sie sich in den Vorstellungen amüsiert haben, hat es Ihnen anscheinend gefallen! Aber, und auch da will ich ganz ehrlich sein: Ein krachledernes Bauerntheater mit Kachelofen und Herrgottswinkel „wie früher bei Beppo Brem“, war die Luisenburg unter meiner Leitung  nie. Wir sind kein Theatermuseum!  So bin ich 2004 angetreten und das haben wir mit vielen Inszenierungen unter Ihrem heftigen Beifall bewiesen, wie „Geierwally“, „Wittiber“, „Tannöd“, „Wast – Wohin?“ und nicht zuletzt unser legendärer „Brandner Kaspar“. Und wenn wir also heuer wieder geschichtlich-regional „korrekte“, mit viel Liebe zu Detail und Tradition gearbeitete Kostüme verwenden, machen wir das aus künstlerischer Überzeugung und nicht aus falsch verstandener Traditionstreue.

Es wäre schade, wenn Sie dieses wunderbare Stück Luisenburg-Tradition verpassen würden. Zur Einstimmung werden wir unter
http://www.luisenburg-aktuell.de/programm/volksstueck-2017/die-pfingstorgel/
eine kleine Serie starten mit Geschichten rund um und über „Die Pfingstorgel“. Wir werden Ihnen die Macher vorstellen, wie Regie, Kostüm- und Bühnenbild, und Sie ein bisschen teilhaben lassen am Entstehen dieser herrlichen Komödie, mit der wir am 23. Juni unsere Abendspielzeit eröffnen.

 

Also: Sind‘s doch neugierig!

 

Herzlichst

Ihr Michael Lerchenberg

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