| Ein steirischer Schwank in 4 Akten Fassung für die Luisenburg-Festspiele von Michael Lerchenberg Musik: Kompositionen und Einspielungen von den CDs ãSchubertlieder, ãFrische Ware und ãEnde vom Lied der Musikbanda "Franui" Glashüttner, der alte Dorfpfarrer: Adolf Adam Lindmoser, ein Kleinhäusler: Alfred Schedl Sonnleitner, der Ortsvorsteher: Karl Friedrich Kathi, seine Tochter: Martina Ambach Großmutter Sonnleitner, seine Mutter: Toni Netzle Fichtelhuber, schneidiger Förster und Ortsgruppenleiter: Gerhard Wittmann Barbara Kohnhauser, Witwe: Susanna Kratsch Schwarzenegger, der reiche Wirt und Fleischer: Wolfram Kunkel Simmerl, sein Sohn: Philipp Rudig Jogl, der Totengräber: Gerd Lohmeyer Die alte Umhauserin: Uschi Reifenberger Der kleine Umhauser: Justus Braune Toni Lindmoser, der Sohn des Kleinhäuslers: Stefan Pohl Fernando, der blinde Italiener: Jürgen Fischer Der Kreisleiter, ein gefürchteter "Goldfasan": Christoph Fälbl SS-Kroll, der gefährliche Hauptsturmführer: Konstantin Bühler Obersturmmann: Günter Ziegler 1. Russe: Dietmar Irmer 2. Russe: Bernd Wünsche Bewohner von St. Kilian: Gabriele Deyerl, Lisa Kövi, Miriam Krist, Waltraud Marschner-Knöller, Helena Radman, Krimhild Ragotzky, Maria Röber, Claudia Wilhelm, Paula Zeller; Dieter Höpfner, Alfred Maiwald, Walter Mandl, Richard Riedl; Antonia Sommerer, Tim Sommerer, Romina Weiß Partisanen: Dietmar Irmer, Mathias Unger, Tobias Unger, Bernd Wünsche, Günter Ziegler Das Stück spielt in einem fiktiven steirischen Bergdorf im Spätwinter und in den ersten Mai-Tagen 1945 Regie: Michael Lerchenberg Bühne: Peter Engel Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly Regieassistenz: Anja Sczilinski / Bettina Weigelt Inspizienz: Dietmar Irmer Soufflage: Christa Guck Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele Martina Krist (Fundusverwalterin) Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent), Petra Andrea Bachmayer (Praktikantin) Ton: Tobias Busch (Tonmeister)Ã Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner Technische Leitung: Werner Moritz Die Dekoration wurde vom Bauhof der Stadt Wunsiedel hergestellt. Premiere am 18. Juli 2008 keine Pause Aufführungsdauer ca. 2 Stunden Inhalt Extremer als in den Wirren der letzten Kriegstage, dem Untergang des "1000-jährigen Reiches" und dem Anbruch einer "neuen Zeit", konnte es kaum kommen - auch für die Bewohner des kleinen abgelegenen steirischen Bergdorfes St. Kilian: Dem alten Lindmoser ist die Frau verstorben, sein Sohn Toni ist aus der Wehrmacht desertiert und sucht verwundet Schutz beim alten Ortspfarrer. Der NS-Kreisleiter und eine SS-Truppe fallen ins Dorf ein. Die einzige Kirchenglocke soll abgegeben werden fürs Einschmelzen, ein Volkssturm als "letztes Aufgebot" wird zur Partisanenjagd ausgeschickt. Bauernschlau beginnt sich die Dorfgemeinschaft zu wehren, angeführt von den Frauen und dem alten Pfarrer bildet sich eine "Volksgemeinschaft", die so sicher nicht im Sinne der braunen Machthaber ist. | | |
| Beste Voraussetzungen für Volkstheater Die Luisenburg-Festspiele bieten mit dieser Bühne mit ihrem eigenen Charakter und mit einem besonders theaterbegeisterten Publikum gute Voraussetzungen für das ernstzunehmende, hochkarätige Volkstheater. Nach den erfolgreichen Aufführungen von Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern, Mitterers "Die Geierwally, Thomas "Der Wittiber und Orffs "Die Bernauerin wird nun mit "Zwölfeläuten des 1938 geborenen Österreichers Heinz R. Unger ein relativ neues, unbekanntes Stück vorgestellt, eines der wenigen beiträge zu diesem schwierigen Thema. Lebendige Charaktere in irrwitzigen Situationen Dieses Volksstück in der Form eines Schelmenstückes läßt die treffsicher abgezeichneten Charaktere - Typen, die es überall gegeben hat und noch immer gibt (Bürgermeister, Pfarrer, Wirt und Metzger, Totengräber etc.) historisch korrekt einen weltpolitischen Umbruch erleben. Sie werden mit einer extremen Lebens- bzw. Überlebenssituation konfrontiert. Vor allem aber haben sie - und das bezieht sich ausnahmslos auf alle Figuren und alle Situationen - Angst, die sie verzweifelte Dinge tun läßt. Daraus ergeben sich die irr-witzigsten Situationen, die tiefe Einblicke ins menschliche Wesen zulassen. Je mehr sich die Figuren ihrer "weltpolitischen Bedeutung bewußt werden, desto komischer werden sie; der übergroße Ernst kippt im Handumdrehen um ins Komische. Loriot definiert Komik als "mißratene Würde und meint zurecht, daß man nur so zeigen kann, wie komisch der "Ernst des Lebens doch ist. Und wir Zuschauer können mitfühlen, mitleiden und auch mitlachen - bis auch uns das Lachen im Halse steckenbleibt (oder wir uns rückwirkend darüber schämen, daß wir gelacht haben...) Der historische Hintergrund Folgen Sie uns also mit "Zwölfeläuten in ein kleines steirisches Bergdorf am Ende des Zweiten Weltkrieges. Einerseits erzwingen die Durchhalte-Nazis im unerschütterlichen Glauben an den "Endsieg Gehorsam und weitere Opfer; andererseits haben Partisanen bereits ihre Fäden bis ins Dorf gespannt und versuchen mit "wehrkraftzersetzenden Aktionen ihr möglichstes. Nach dem von einigen seit dem Ende der k.u.k. Monachie sehnsüchtig erwarteten (durch die Versailler Verträge allerdings verhinderten) "Anschluß Österreichs, der 1938 von der Mehrheit begeistert begrüßt wurde, sind viele der potentiellen NS-Gegner geflohen. Noch im selben Jahr wurden ca. 50.000 Österreicher, die als regimefeindlich und politisch andersdenkend galten, in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Damit war der Widerstand im Keim erstickt. Was blieb und im Land als Widerstand agierte, kümmerte sich vor allem um Lebensmittelnachschub, das Verstecken von Todeskandidaten, also ums Überleben und um das, was "danach sein wird. Partisanen bildeten eine kleine, wenn auch die wirkungsvollste Form des aktiven Widerstandes in Österreich. Schon 1941 entstanden in der Untersteiermark und in Kärnten kleinere Partisanengruppen. Der wirkliche Partisanenkrieg gegen die deutsche Wehrmacht griff aber erst 1944/45 von Jugoslawien auf Kärnten und die Südsteiermark über. Da der im Oktober 1944 entlang der heutigen österreichisch-ungarischen Grenze begonnene Ausbau des "Südostwalls weder fertiggestellt noch durch Verbände der Wehrmacht besetzt werden konnte, sondern nur durch den in letzter Sekunde aufgestellten Volkssturm, hatte die Partisanenarmee keinen wirklichen Widerstand zu überwinden. Partisanen Partisanen rekrutierten sich vor allem aus Deserteuren, die, mit den Organisationsstrukturen und Strategien des Militärs vertraut und meist ortskundig, besonders gut agieren konnten. Deshalb durften sie sich weder von den Feldjägern noch von der Gestapo erwischen lassen. Noch dazu galt bis zum Genfer Rotkreuz-Abkommen von 1949 der Status von Kriegsgefangenen nicht für Partisanen. Sie galten bis dahin als Zivilpersonen und wurden standrechtlich exekutiert. Sie waren also auf die Deckung und die Versorgung durch die Bauern angewiesen, konnten aber kaum mit deren Unterstützung rechnen, da diese Bauern weitgehend deutschfreundlich waren und Angst hatten, denn die SS ging besonders hart gegen Kollaborateure vor. In manchen Gebieten kam es sogar zu kleinen Bürgerkriegen zwischen den als ãDiebe, Räuber und Banditen bezeichneten Freiheitskämpfern und den Bauern. Die Glocke als einigendes Symbol Ein kleines Denkmal für die vielen Einzelkämpfer des österreichischen Widerstandes, besonders aus Kirchenkreisen, ist der alte Dorfpfarrer. Wie die realen Vorbilder der in die ãinnere Emigration gegangenen Kirche leistet er vor allem aktive Seelsorge und zivilen Widerstand. In der Pfarrchronik von Glashütten ist vom ersten Auftauchen der Partisanen im Oktober 1944 die Rede. Der Pfarrer Leopold Ettlmaier, der nach Aussagen Ungers für die Figur des Dorfpfarrers Glashüttner Pate gestanden habe, hat ãseinen Bauern verboten, die Partisanen den Behörden zu melden, da sie österreichische Patrioten seien. Die Schwanberger Pfarrchronik berichtet von der Unruhe in der Bevölkerung, da die Partisanen bewaffnet waren und weil sie von der Bevölkerung Lebensmittel zur Abgabe verlangten. Immerhin verbreitete sich auch dort die Information, daß die Partisanentruppen nicht nur aus Kommunisten bestünden, sondern sich aus Fronturlaubern zusammensetzten und sich sogar Priester darunter befänden. Auch hier griff wieder der emotionelle Antikommunismus, den Hitler für sich ausgenutzt und der sich bis heute unreflektiert erhalten hat. Durch seine Loyalität schützt unser Dorfpfarrer, wo er kann, verhindert Schlimmeres. In diesem Sinn ist auch das kleine Zeichen des Widerstandes zu sehen, die Kirchenglocke nicht abzugeben, um sie so vor dem Umschmelzen in ãkriegswichtiges Material zu retten. Schon Friedrich Schiller beschrieb in seinem ãLied von der Glocke den Glockenguß nicht nur als ãheilige Handlung, sondern zeigte die Glocke als Symbol und wie sie unseren Lebensweg begleitet und strukturiert. Durch die Glocke findet unsere Dorfgemeinschaft zu einer gemeinsamen, verbindenden Basis, wird ein sinnloses Opfer vermieden und ein Weg ins Danach geöffnet, nach dem alle schon, mehr oder weniger opportunistisch, schielen. Unterstützend wirkte in der Realität die Moskauer Deklaration der Alliierten vom November 1943, in der die Österreicher und Österreicherinnen zum Widerstand aufgefordert wurden und eine Besserstellung nach dem Krieg als ãBelohnung in Aussicht gestellt wurde. Die Alliierten waren es auch, die Österreich in seiner ãOpferrolle bestärkten, was eine Aufarbeitung der NS-Zeit und ihrer Verbrechen in Österreich über Jahrzehnte schwierig machte. Das Ende als Anfang Der letzte Akt von ãZwölfeläuten zeigt das Dorf unmittelbar nach Kriegsende. Die gerettete Kirchenglocke läutet den Frieden ein. Die Freude über die Befreiung ist gepaart mit den Nöten der Neuorientierung, dem Umschwenken der ewigen Opportunisten, aber auch mit der Angst vor der Entnazifizierung, was damals in der russisch besetzten Steiermark Sibirien bedeuten konnte. Daß nun nicht plötzlich eitel Sonnenschein war, belegt ein Bericht aus Deutschlandsberg: ãDen Bulgaren folgte eine ãSondereinheit der jugosIawischen Partisanen. Wer den Einzug dieses Haufens von Männern, Kindern und Frauen selbst miterlebt hat, wird dies wohl kaum vergessen können: Als diese ãSondereinheit ankam, wußte man nicht, was hier vorgeht. Männer in SA-Uniformen, Feuerwehruniformen, Steireranzügen, Fracks mit Hut oder Kappen und natürlich eine Großzahl barfuß, auch die Frauen. So waren sie gekommen und hatten sich als Befreier präsentiert. Sie spielten gerne Soldaten und es kam vor, daß sich ein Soldat auf einen Munitionsstapel, die ja in Hülle und Fülle vorhanden waren, setzte und stundenlang in die Luft schoß, nur aus Freude am Schießen. Nach der Besetzung der Stadt begannen die Raubzüge. Kein Haus, kein Schuppen wurde verschont. Wiesen und Wälder wurden nach Menschen durchsucht, und Männer, die eingerückt waren, trieb man zusammen. So mancher mußte noch in die jugoslawische Gefangenschaft gehen. In der kurzen Zeit, in der die Tito-Truppen hier hausten, wurden Hunderte Waggons mit alten Autos, Motorrädern, Fahrrädern, Fuhrwagen und altem Gerümpel verladen und abtransportiert... Die Schneider hatten während der Anwesenheit der Tito-Truppen vollauf zu tun, denn sie mußten neue Uniformen anfertigen - Stoffe waren noch genug vorhanden. Als sie abzogen, waren sie schon einigermaßen gekleidet... Dann rückten von Norden her - zumindest bis Graz - die regulären russischen Truppen ein, die sich kaum anders auf-führten. So erzählt es Karl Friedrich, langjähriger Luisenburg-Protagonist und Volksschauspieler, der in unserer Aufführung den Ortsvorsteher Sonnleitner spielt. Friedrich hat das Ende des 2. Weltkrieges in Graz miterlebt. Somit bringt er als Zeitzeuge auch noch ein Stück Authentizität in unsere Aufführung ein. Gemäß dem alliierten Zonenabkommen vom 9. Juli 1945 kam es am 23./24. Juli 1945 zu einem Wechsel der Besatzungstruppen in der Steiermark und die ganze Steiermark wurde zur britischen Besatzungszone. | | |