| Maximilian, Graf von Moor: Wolfram Kunkel Karl Moor, der Erstgeborene: Dirk Lange Franz Moor, der Nachgeborene: Konstantin Bühler Amalia von Edelreich: Katharina Gebauer Hermann, Bastard von einem Edelmann: Philipp Rudig Daniel, Hausknecht beim Grafen von Moor: Michael Boettge Ein Pater: Jürgen Fischer Libertiner, nachher Banditen: Spiegelberg: Peter Kaghanovitch Schweizer: Matthias Lehmann Grimm: Stephen Appleton Razmann: Stefan Pohl Schufterle: Katrin Ruhnke Roller: Till Florian Beyerbach Schwarz: Martina Ambach zwei Räuber: Dominic Rasp, Klaus Wagner Regie: Petra Wüllenweber Bühne: Katharina Sichtling Kostüme: Alexandra Pitz Musik: Markus Reyhani Regieassistenz: Bettina Weigelt Inspizienz: Dietmar Irmer Soufflage: Christa Guck Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele Martina Krist (Fundusverwalterin) Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent), Petra Andrea Bachmayer (Praktikantin) Ton: Tobias Busch (Tonmeister)Ã Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner Technische Leitung: Werner Moritz Die Dekoration wurde vom Bauhof der Stadt Wunsiedel hergestellt. Premiere am 27. Juni 2008 keine Pause Aufführungsdauer ca. 2 1/4 Stunden Inhalt Der alte Moor hat zwei Söhne. Karl, der Erstgeborene und Lieblingssohn, führt in Leipzig ein lockeres Studentenleben. Franz, der Nachgeborene, eifersüchtig auf den großen Bruder und Alleinerben, sieht seine Chance gekommen, als Karl, zur Umkehr entschlossen, den Vater in einem Brief um Vergebung bittet. Franz hält Karls Brief zurück und hetzt den Vater mit einem angeblich von einem "Korrespondenten geschriebenen Text auf, der Karl als Frauenschänder, Mörder und Bandit darstellt. Damit bringt Franz den Vater so weit, daß er Karl verbannt und enterbt. Karl ist darüber so entsetzt, daß er, weil er "keinen Vater mehr, keine Liebe mehr hat, sich Blut und Tod zum Vergessen verschreibt, sich einer Räuberbande anschließt und deren Hauptmann wird. Karl verstrickt sich immer tiefer in den Teufelskreis und schwört schließlich den Räubern ewige Treue. Bevor er alle Brücken hinter sich abbricht, will er sich von seiner geliebten Amalia verabschieden. Verkleidet geht er nach Hause zurück, findet Franz, der den Vater aus dem Weg geschafft hat und nun als Erbe regiert, findet Amalia, die ihm treu geblieben ist und sich Franzens Annäherungs- und Vergewaltigungsversuchen widersetzt hat, durchschaut die Intrigen und erkennt das Ausmaß der Tragödie, in die er sich verstrickt hat... Zum "WIE" Die erste Aufführung der "Räuber" auf der Luisenburg fand 1833 statt. Es folgten weitere Inszenierungen in den Jahren 1926, 1928, 1935, 1940, 1955, 1974 und 1989. Nun also im 3. Jahrhundert "Die Räuber" - aber wie? Darüber sprach Dramaturg Manfred Bachmayer mit der Regisseurin Petra Wüllenweber, der Kostümbildnerin Andrea Pitz und der Bühnenbildnerin Katharina Sichtling sowie einigen Schauspielern am Rande der Probenarbeit. Dramaturgie: Die erste Frage, die an den Regisseur eines "Klassikers" gestellt wird, ist immer die, ob das Stück "modern" oder "wie es sich gehört" auf die Bühne gebracht werde. Wüllenweber: Modern - wie es sich gehört! Wir haben ja gar keine andere Wahl, denn auf der Bühne stehen heutige Menschen und wir spielen für ein heutiges Publikum. Dramaturgie: Gemeint ist mit dieser Frage normalerweise nicht das Inhaltliche, denn Veränderungen am Text müßten ja im Titel angegeben werden (z.B.: nach Schiller). Es geht also um das Wie, vor allem ums Optische. Sichtling: Ich denke, es geht bei dem Thema weniger ums Optische als um Ansichten, Anschauungen. Die Begriffe "klassisch" und "modern" befinden sich in einem ständigen Wandel und sind dementsprechend ungenau. Dies läßt sich besonders gut am Beispiel Schillers veranschaulichen: Zu seiner Zeit sicher ein äußerst moderner Autor, gilt er uns heute als Klassiker. Versuchen wir uns der Begriffserklärung über die sprachlichen Wurzeln zu nähern, finden wir unter lat. classicus, "erstklassig, mustergültig", und unter modern, "zeitgemäß, auf dem neuesten Stand". In diesem Sinne kann die Antwort auf die Frage "klassisch oder modern" nur lauten: sowohl als auch! Dramaturgie: Schiller stand der "Grande Revolution" durchaus wohlwollend gegenüber, sah jedoch den Umschlag in die freiheits- und menschenverachtende Schreckensherrschaft der Jakobiner voraus und wandte sich gegen "la Grande Terreur". Sind seine "Räuber" also doch, wie es die zeitgenössische Skizze von Viktor von Heideloff "Schiller liest die Räuber im Bopserwald" (und die große Zahl von Inszenierungen auf der Luisenburg) nahelegt, für unsere romantische Natur-Bühne gedacht? Wüllenweber: Das täuscht. Es geht schon bei Schiller nicht um Räuberromantik und um so freundliche Räuber wie den Hotzenplotz, der interessanterweise zeitgleich hier auf dieser Bühne im Familienstück sein Unwesen treiben darf; es geht auch nicht um naturbegeisterte Aussteiger. Sichtling: Wenn sich etwas mit Sicherheit über Schillers "Räuber" sagen läßt, dann daß sie nicht seßhaft sind. Entsprechend habe ich nach einem mobilen Bezugspunkt gesucht, der einerseits Kontrapunkt zum "Schloß" der Familiendynastie sein und sich andererseits in ein Gesamtbild (einschließlich der Natur) fügen sollte. Auf der Suche nach gegenwärtigen Zeichen von auffälliger Machtdemonstration bin ich schließlich nicht nur auf das Haus Moor gestoßen, sondern auch auf das Bindeglied Baustelle. Pitz: Unsere Kostüme sind weder historisierend (und entziehen sich dadurch einer Romantisierung) noch auf Biegen und Brechen "modern", sondern spiegeln wider, daß Schiller manchmal doch sehr schwarz-weiß zeichnet und daß beim Zusammentreffen der beiden Extreme Blut fließt. Gewollt ist, daß sich im Laufe des Spiels die Konturen verwischen, sich die Farben vermischen, daß die "weiße Weste" eben nicht weiß bleibt. Wüllenweber: Friedrich Schiller hat uns eine "moderne", heutige Interpretation leichtgemacht, denn sein Erstlingswerk "Die Räuber" war zur Entstehungszeit genauso aktuell, wie es heute noch ist. Es geht um die Wurzeln und die Eskalation von Gewalt. Und das ist ein Thema, das heute genauso brisant und ungelöst ist wie damals. Geradezu ein Schulbeispiel dafür, wohin Gewalt führt - niemals zu Lösungen, sondern immer zu neuer Gewalt, zu noch mehr Gewalt -, wird uns in Palästina vor Augen geführt. Wenn man nun Schiller genau liest bzw. wenn man genau hinhört, findet man gleich in der ersten Räuberszene die Idee von einem Judenstaat im "Gelobten Land". 1781! - das haben nicht wir hineingeschrieben. Da müssen wir nicht "modernisieren"! Dramaturgie: Ein viel näherliegendes Beispiel sind die "Schwabinger Krawalle" von 1962, die von einer Anzeige gegen drei Straßenmusiker ausgingen, von denen sich Anwohner" gestört fühlten. Einer der Musiker war Wolfram Kunkel, der bei den "Räubern 1989 auf der Luisenburg schon dabeiwar und jetzt den alten Moor spielt. Kunkel: Das hat damals wirklich ganz harmlos angefangen. Erst mit der Überreaktion der Polizei wurde der Konflikt gewalttätig und eskalierte. Als nach fünf Tagen die Polizei mit dem Schlechtwettereinbruch verschwand, war für uns Musiker dieses "Polizeisportfest" auch vorbei. Anders für Andreas Baader, der mit dabeiwar und der aus seiner Feststellung "In einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung", andere Konsequenzen gezogen hat. Sein Weg führte zur RAF, deren "Hauptmann" er schließlich wurde. Wüllenweber: Der Ursprung der Gewalt findet auch in Schillers "Räubern" tatsächlich in den kleinsten Einheiten der Gesellschaft statt, manchmal in der "Unwirtlichkeit der Städte", wie z.B. bei uns in der "Betonburg". Hier hat der alte Moor durch seine, nicht nur von Franz so empfundene Bevorzugung Karls, des Erstgeborenen, Ungleichheit und damit Neid, Minderwertigkeitsgefühle, Aggressionen gesät. Verschärft wird das Problem immer dann, wenn auch noch Geld im Spiel ist. Dramaturgie: Wollen Sie damit zeigen, daß in einer "natürlicheren" Umgebung weniger Gewaltpotential vorhanden ist? Wüllenweber: Nein, es kann höchstens sein, daß es anders ausgelebt, abreagiert werden kann. Natürlich darf auch nicht übersehen werden, daß in den Betonwüsten unserer (Groß-) Städte häufig kaputte, zerrüttete Familienstrukturen zu finden sind - prozentual vielleicht nicht häufiger als sonst, aber aufgrund der Bevölkerungsdichte auffallend -, daß ein ungeheures Gewaltpotential vorhanden ist, das aus den gleichen Motiven gespeist wird wie bei Schiller. Dramaturgie: Er litt unter dem Eingesperrtsein in der "Hohen Karlsschule", auch er versuchte, sich seinen Freiraum, den man ihm verwehrte, zu erkämpfen - und provozierte mit einem geradezu revolutionären Theatertext. Das führt uns zu der Frage, ob man Schillers Räuberbande als eine revolutionäre Truppe wie z.B. die RAF sehen kann oder muß. Wüllenweber: Nein, und da bin ich nicht die erste und einzige, die dies festgestellt hat. Seine "soziale Ader", daß seine Schurkereien den Armen und Unterdrückten helfen sollen, entdeckt Karl Moor erst, wenn er - übrigens wie sein Bruder Franz - nach einer moralischen Rechtfertigung seiner Taten sucht. Die Räuber sind keine politisch motivierten Terroristen. Karl und Franz - und da sind sie wirklich wie Zwillinge - handeln aus ganz privaten Motiven heraus, aus einer persönlichen Gekränktheit, Verletztheit heraus, und sie suchen nur ihren eigenen Vorteil. Das ist eine Kritik an der Gesellschaft, die schon in ihren kleinsten Zellen oft nicht richtig funktioniert. Dramaturgie: Das hat Goethe durchaus richtig gesehen, als er laut Eckermann gesagt haben soll: "Wäre ich Gott gewesen, im Begriff, die Welt zu erschaffen, und ich hätte in dem Augenblick vorausgesehen, daß Schillers 'Räuber' würden darin geschrieben werden, ich hätte die Welt nicht geschaffen." Spannend ist auch die Frage, ob die beiden Brüder Karl und Franz wirklich so grundverschieden sind. Unser Karl, Dirk Lange, hat vor einigen Jahren bereits den Franz Moor gespielt. Lange: Ich war total glücklich, den Franz zu spielen, weil er mir als der Klarere von beiden erschienen ist. Dieses emotionale Hin und Her von Karl hat mir nie behagt. Desto mehr freue ich mich darauf, den Karl immer mehr an mich heranzulassen. Und ich stelle fest, wie ähnlich sich die beiden wirklich sind. Die Einteilung in den "guten" Karl und Franz, die Kanaille (frz. Canaille, von lat. canus, "Hund", und ital. canaglia, "Hundepack, Gesindel"), stimmt einfach nicht. Mißt man es an den Morden, so hat Franz einen, Karl aber hunderte auf dem Gewissen. Dramaturgie: Bei Schiller gibt es außer Amalia keine Frauen. Auch keine Mutter der beiden Brüder, die vielleicht die Einseitigkeit des Vaters hätte wettmachen und beiden eine Nestwärme hätte bieten können. Nun scheint Schiller selbst in der Karlsschule unter diesem Mangel gelitten zu haben, wenn er "entschuldigend" anmerkt, daß es ihm an Vorbildern gefehlt habe: "... die Tore dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, ehe sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben, es zu sein...". Die Gesellschaft seiner Zeit war eine reine Männer-Gesellschaft. Auch in der Schubartschen "Räuber"-Vorlage gibt es keine Frauen. Sie waren zu dieser Zeit ausschließlich für Kinder, Küche, Kirche zuständig, und eine Emanzipation, die in letzter Konsequenz natürlich auch bedeutet, daß Frauen zur Waffe greifen können, um einer Gewalt Gewalt entgegenzusetzen, war damals kaum vorstellbar. Wüllenweber: Das war meine Überlegung, daß man bei einer heutigen "Räuber"-Inszenierung diesem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen muß. Frauen spielen in der Gesellschaft eine wichtige Rolle - und eben nicht immer nur eine positive. Von KZ-Wärterinnen bis hin zu Soldatinnen und Terroristinnen oder den "Schwarzen Witwen" aus Tschetschenien, die militant wurden, weil ihnen der Krieg die Männer, Brüder, Freunde nahm, weiß man, daß Frauen zu einer außergewöhnlichen Brutalität fähig sind. Deshalb wollte ich auch keine "Räuber-Bräute", denn das gibt erstens der Text nicht her, zweitens würde es gesellschaftliche Realitäten negieren. Dramaturgie: Sind Frauen deshalb so gefürchtet, weil sie um ihre Anerkennung fürchten, wenn sie nicht ein bißchen besser, mutiger, brutaler und radikaler, eben "männlicher" sind als ihre männlichen "Vorbilder"? Wüllenweber: Das glaube ich nicht. Frauen sind nicht brutaler! Die Schiller-Texte, ursprünglich für Männer gedacht, funktionieren auch mit Frauen - aber weder besser noch schlechter. Da agieren Menschen, die jegliche Hemmschwellen überschritten haben. Sie haben, wie es im Räuber-Text ja heißt, nichts mehr zu verlieren. Ich will hier aber nicht verallgemeinern. Ich vermute nur, daß Frauen - wie zum Beispiel unsere Räuberin Schwarz -, wenn sie ihre Verzweiflung einmal die Grenze überschreiten ließ, konsequenter, radikaler sind. Für sie scheint es kein Zurück mehr zu geben, keinen Raum mehr für ein Zögern und Zaudern - wie Hamlet oder auch Karl Moor, der ja immer wieder zurückschreckt, neu motiviert werden muß und oft nur affektiv, aus dem "Bauch" heraus, handelt - genau das, was man uns Frauen immer unterstellt. Dramaturgie: Wie kann man dem entgegenwirken? Wüllenweber: Indem man Schillers Botschaft beherzigt, daß man Gewalt nicht mit Gewalt begegnen darf, daß Gewalt nur neue Gewalt zeugt. Wir müssen Verhältnisse schaffen, die ein Entstehen von Gewalt gar nicht erst zulassen. | | |