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Bei jedem "Komödienstadl" gibt es eine saubere Dirn und einen strammen Burschen, und alles Drumherum ereignet sich nur, damit sie sich unweigerlich kriegen. Beim Volksstück gibt es die beiden auch; doch es kommt mehr dazu: ein Blick auf Menschliches und Zwischenmenschliches, der unter den komischen Klischees satirisch-aufschlussreich Muster des Miteinanders erkennt. Sogar Politik kann sich ereignen - was derzeit die Wunsiedler Naturbühne erweist. Ferner pflegt Musik zu erklingen. So entfalte, lehrt ein Literaturlexikon, das Volksstück eine "gleichmäßige Anziehung auf gebildete und ungebildete Kreise".
Vor dem Luisenburg-Publikum breitet sich ein bayerisches Volksstück zeit- und raumgreifend aus, das noch dazu ein "Schelmenstück" ist: Dem Untertitel gemäß, den Alois Johannes Lippl (1903 bis 1957) seinem Lustspiel vom "Holledauer Schimmel" gab, bekamen es die mehr und die weniger "gebildeten", durchweg begeisterten "Kreise" der Premierengäste mit durchtriebenen Kerlen, Bauernfängern, Spaßvögeln zu tun. Und freilich kann ein Schelm auch einfach ein Narr sein: Wirklich ist zu sehen, wie sich die Oberhäupter zweier verfeindeter Dörfer im "Hopfenlande", für gewiefte Rosstäuscher sich haltend, gewaltig zum Narren machen. Dass sich nebenbei etliche saubere Dirnen und stramme Burschen kriegen, versteht sich von selbst.
31 Solo-Darsteller, 35 Statisten, acht Musiker: Großmächte stoßen aufeinander. In der kippeligen Balance eines Kalten Kriegs pflanzt Regisseurin Steffi Kammermeier die Abgeordneten der Dörfer Haselbach und Banzing auf. Teils stockend, doch insgesamt vital entspinnt sich Weltpolitik im Kleinen und Banalen. Blöcke bilden sich, als trennte ein Eiserner Vorhang die verfehdeten Lager. Die Koexistenz steht so schief und wacklig wie die Hopfenstangen der Holledau und die Beine der Bierbänke und Wirtshaustische, auf die Mal um Mal die Maßkrüge krachen (Bühne: Peter Engel).
Angetrieben von blankem Eigennutz, regieren hier zwei ländliche Machthaber: die Bürgermeister Blasl und Ziechnhaus, der eine Vater einer sauberen Dirn, der andere Erzeuger eines strammen Burschen. Beide Brauereibesitzer, tragen sie sich mit Fusionsabsichten: Künftig wollen sie, Sorge fürs Gemeinwohl vorschützend, ihren Profit gemeinsam maximieren. Also lassen sie ihre Dörfer einen Frieden schließen, "der wo sich auszahlt".
Zwei pralle Patriarchen: Dem Blasl verleiht der fast furchteinflößende Rudolf Waldemar Brem verbohrte Naturgewalt und dunklen Grimm; sein Konkurrent Ziechnhaus schreitet bei Christian Hoening als rücksichtsloser Hellkopf scharf und schnell und durchdringend wie ein Messer mit Riesenschritten über die Naturbühne. Um die zwei als Fix-, Dreh-, Angelpunkte herum sammelt die Regisseurin all die Besitzstandskonflikte und Gefühlsverwicklungen, die da handfest und herzhaft zu Täuschung, Tumult und Tätlichkeiten tendierenden. Der titelgebende Schimmel wiehert allenfalls am Rande und kommt schon gar nicht leibhaftig vor.
Für Ordnung sorgen zwei Boten aus der Fremde. Den Ziberl-Toni, einen ehemals Ausgestoßenen zwischen den Stühlen und zwischen den Dörfern, verklärt Alfred Schedl mit dem Pathos des vereinsamten Weisen. Und der Amtsrichter aus der Kreisstadt erscheint in Gestalt von Jürgen Fischer fast als allmächtiger, allwissender Deus ex machina. Im Volksstück wie auf der Naturbühne haben viele und vieles Platz - so auch die fünfköpfige "Wunsiedler Schimmel-Musi", aus allen Blech- und Blasrohren tutend; und die Bänkelsänger Katharina Schwägerl, Johann Anzenberger und Hubertus Krämer: In der Scheinheiligkeit ihrer Verse verwandelt sich die Handlung in eine Moritat mit wahrem Kern.
Viel Platz - sogar für die Intimität eines shakespeareschen Sommernachtstraums, ins deftig Bäuerliche übersetzt: In einer schönen, blauen Szene unterm Silbermond schmusen lauter Liebespärchen, allen voran Holger Matthias Wilhelm und Lilian Naumann, Ina Meling und Markus Baumeister, allesamt zärtlich und zielstrebig. Den gewinnsüchtigen Alten kauft solche Jugend den Schneid ab. Dabei geht es oft auch wenig zimperlich zu: In prächtigen Prügeleien bricht der Kalte Krieg mit aller Hitzigkeit aus - "Hass ist die erste Bürgerpflicht." Regelmäßig sucht dann eine Abteilung von Dorfpolizisten ihr Heil in der Flucht; keine Schelme, nicht einmal Narren, einfach nur Tölpel: So viel "Komödienstadl" darf schon sein.
Stefan Voit schreibt in DER NEUE TAG über den gelungenen Auftakt zur Luisenburg-Saison mit dem Schelmenstück "Der Holledauer Schimmel"
Den bayerischen Städten und Gemeinden geht es schlecht: Die Abgaben sind zu hoch, die Schuldenlast drückt, und die Steuereinnahmen sind zu gering. Nicht so bei den Ortschaften Haselbach und Banzing in der Hallertau. Die Infrastruktur stimmt noch: Es gibt mehrere Großbauern, den Metzger, Glasermeister, Schuster, Müller, Schmied. Und zwei Bürgermeister, die gleichzeitig Brauereibesitzer sind. Das Problem ist nur: Mit dem Wohlstand kommt auch der Neid, und so sind beide Ortschaften seit Jahren verfeindet, was von Zeit zu Zeit nicht nur in verbalen, sondern vor allem in handgreiflichen Auseinandersetzungen endet.
Um endlich Frieden - und noch mehr Profit - zu bekommen, beschließen der Haselbacher Bürgermeister Korbinian Blasl (Rudolf Waldemar Brem) und sein Banzinger Kollege Sebastian Ziechnaus (Christian Hoening), sich zu versöhnen. Und um diesen Pakt nicht nur schriftlich, sondern auch "menschlich" zu besiegeln, wollen sie ihre Kinder Anna (Ina Meling) und Anderl (Holger Matthias Wilhelm) miteinander verheiraten, worüber beide gar nicht erfreut sind - weil beide in andere Partner verliebt sind. Nur widerwillig stimmen sie zu.
Jetzt könnte man meinen, dass Ruhe herrscht in beiden Dörfern, doch die ist ja oft trügerisch. Mit dem Auftauchen des Ziberl-Toni (Alfred Schedl) ändert sich die Lage: Ihm wurde einst vom Haslbacher Braumeister Blasl der Diebstahleines Schimmels in die Schuhe geschoben, um die reiche Bräutocher Rosa (Chris Nonnast) heiraten zu können. Ziberl musste ins Gefängnis und schlug sich mehr recht als schlecht durch. Jetzt bittet er um Wiederaufnahme in die Dorfgemeinschaft. Als ihm dies abgelehnt wird, sinnt er auf Rache. Zusammen mit seinem Freund Dodl (Adolf Adam) täuscht er sein Ableben vor und führt mit hinterlassenen 30 000 Gulden die Bürgermeister an der Nase herum. Als es ums Geld geht, hört auch in Haselbach und Banzing die Freundschaft auf, und die alten Streitigkeiten brechen wieder los. Um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, wird natürlich immer wieder ein Schimmel gestohlen und in den jeweiligen Ortschaften versteckt.
Polizei und Obrigkeit müssen fast machtlos dem gewalttätigen Treiben zusehen, ja es wird sogar der Einsatz der Armee in Betracht gezogen. Letztendlich sind es die Jungen, die das Treiben der Alten nicht länger mitmachen wollen. Die Liebe ist doch die stärkste Macht. Sie schafft es, die verfeindeten Ortschaften zu befrieden und in Zukunft in Eintracht miteinander leben zu lassen.
Autor Alois Johannes Lippl nannte den "Holledauer Schimmel" ein Schelmenstück aus dem Hopfenland. Für die Luisenburg wurde es nach 30 Jahren wiederentdeckt und unter der Regie von Steffi Kammermeiser auf die Naturbühne gebracht. Bis zu 70 Akteure bevölkern in teilweise prКchtigen Trachten (Kostüme: Andrea Fisser) die Bühne (Peter Engel), die sehr einfach, aber trotzdem originell gestaltet ist. Bewegliche Hopfenstangen symbolisieren nicht nur den Ort des Geschehens, sondern sind geschickt mit in das Hin und Her, das Auf und Ab in den verfeindeten Gemeinden mit einbezogen. Wie Fahnenstangen im Wind werden sie je nach Stimmungslage ausgerichtet. Die Naturbühne bleibt, anders als bei anderen Volksstück-Inszenierungen, diesmal mehr im Hintergrund.
Trotzdem bereitet es großen Spaß, den Schauspielern zuzuschauen und zuzuhören. Voller Elan gehen sie an das Stück, ereifern, streiten, raufen und lieben sich. Die Schlitzohrigkeit der Holledauer wird in vollen Zügen ausgespielt, immer wieder sind originelle Lacher eingebaut. Für die Leistung des gesamten Ensembles, inklusive der Musik, gab es zu Recht langanhaltenden Applaus.
Wir Oberpfäzer sind natürlich ein bisschen Stolz darauf, dass Intendant Michael Lerchenberg "unsere Schauspieler" um Norbert Neugirg, Berthold Kellner und Christian Höllerer (insgesamt sind es 14 Akteure) mit in den "Schimmel" integriert hat. Es ist schön, dass die Tradition des Volkstheaters auf der Luisenburg auf hohem Niveau fortgesetzt wird. Wer also einen schönen Theaterabend voller Dickköpfigkeit, Geiz, Rauflust und Liebe erleben will, der sollte sich den "Holledauer Schimmel" nicht entgehen lassen.
von Andrea Herdegen im NORDBAYERISCHEN KURIER / NÜRNBERGER NACHRICHTEN:
Die Wege des Herrn sind bekanntlich unergründlich. Zumal, wenn er zwei knasterfahrene Brüder auf die heilige Mission schickt, binnen zehn Tagen 5.000 Dollar für ihr altes Waisenhaus aufzutreiben, das von der Schließung bedroht ist. Hauptproblem dabei: Das Geld für die Rettung muss legal beschafft werden. Darauf besteht die Mutter Oberin des Heims.
Im Kultfilm mit John Belushi und Dan Aykroyd führten die turbulenten Wege des Herrn die Gebrüder Blues durch die Hochhausschluchten von Chicago, durch schwarze Slums und die hinterwäldlerische Provinz von Illinois. Luisenburg-Intendant Michael Lerchenberg hat die Story für sein Felsentheater adaptiert und mit Hilfe von Bühnenbildner Jörg Brombacher aus Wolkenkratzern Granittürme gemacht, aus Prärieweiten Fichtenwald. Geblieben ist im einfallsreich inszenierten Hochgeschwindigkeitsmusical „Blues Brothers“ der „Auftrag des Herrn“: Jake und Elwood Blues sind unterwegs, um ihre alte Band wieder zusammenzubringen.
Lerchenbergs „Blues Brothers“ sind ein Roadmovie, das ohne Straße auskommen muss. Das legendäre Blues-Mobil bleibt am Aufgang zum Zuschauerraum geparkt, die riesige 1974er-Dodge-Monaco-Limousine passt nicht durchs Tor zur Bühne. Jake und Elwood (Andreas Birkner und Michael Kamp) legen sich also auf zwei Klappstühlen in imaginäre Kurven, während Allroundtalent Ron Williams im Hintergrund den satten Achtzylinder-Sound ins Mikrofon wummert.
Williams ist das Mädchen für alles. In sieben Rollen schlüpft er, vom schikanösen Knastwächter bis zum Show-Conférencier im weißen Gehrock und mit spitzbübischem Grinsen unter der Zylinderkrempe. Er fuchtelt als genialer Ray-Charles-Imitator blind mit einer Pistole durch die Luft, bevor er bei „Shake A Tailfeather“ in die Tasten haut. Er ist die schrullige Hauswirtin Mrs. Tarantino und der vom Holy Spirit, dem Heiligen Geist, beseelte Reverend Cleophus James, der seinen farbenprächtigen Gospelchor durch eine irrwitzige Baptistenmesse treibt. Aber Williams ist auch der hintersinnige Erzähler, der die quirlige Story zusammenhält. Und er hat dem Stück einen eigenen Song hinzugefügt, der – so spürte er – in Wunsiedel keinesfalls fehlen durfte: „Der braune Dreck muss weg!" Ja, auch ewiggestrige Nazis stellen sich Jake und Elwood in den Weg. Doch die stadteigene Bürgerinitiative, die schon echte Neonazi-Horden aus dem Fichtelgebirge vertrieben hat, unterstützt Williams vielköpfig auf der Bühne. Auch Illinois ist bunt, nicht braun. Überhaupt sind die verschlungenen und politisch so herrlich unkorrekten Wege der Gebrüder Blues ein unmißverständliches Plädoyer für Toleranz. Die beiden weißen Waisen fühlen sich ihren schwarzen Unterschichtnachbarn näher als der hellhäutigen Hautevolee. Mit Champagner können sie bestenfalls gurgeln, ein ordentlicher Soulfood-Brathahn dagegen kann sie kulinarisch verzücken.
Und natürlich die Musik: Da schlägt bei Jake und Elwood unter der weißen Haut das pechschwarze Herz des Rhythm ’n’ Blues. Was sie in ihren coolen, reduziert-anarchischen Dialogen zurückhalten, das leben sie, unterstützt von einer fabelhaft-groovenden Liveband unter Leitung von Günter Lehr, bei ihren chaotischen Gigs aus. „Bob’s Country Bunker“ möbeln sie mit „Rawhide“ auf, den „Palace Hotel Ballroom“ mit dem programmatischen „Everybody Needs Somebody To Love“.
Die riesige Bühne wimmelt jetzt von ausgelassen tanzenden Fans (Choreografie: Sebastian Eilers), darunter Gudrun Schade, die wie eine unzähmbare Naturgewalt durch vier Rollen wirbelt, und die soulig-stimmgewaltige Caroline Hetényi. Auch von der stoisch aufmarschierten State Police mit Maschinenpistolen lässt sich die Menge nicht mehr in Schach halten. Auf den Rängen tanzt das Premierenpublikum begeistert mit, die unergründlichen Wege des Herrn haben auch die Zuschauer von den Sitzen gerissen. Elwood Blues blickt durch die Sonnenbrille, die die coolen Brüder natürlich auch nachts nie ablegen, bewundernd ins Zuschauerrund: „Wow, ist das ’ne Riesenscheune!“
von Tobias Schwarzmeier in DER NEUE TAG
Ein Anzug, eine Sonnenbrille, ein Hut. Schwarz. Jake legt seine Blues-Klamotten wieder an und ist bereit durchzustarten. Mit der Entlassung des Häftlings Nr. 95632 - übrigens die Postleitzahl Wunsiedels - beginnt die Geschichte des wohl coolsten Gangster-Duos der Filmgeschichte, die als temporeiches "Blues Brothers"-Musical bei den Luisenburg-Festspielen eine umjubelte Premiere feierte.
Eigentlich lässt es sich ganz harmlos an: Die beiden Knastbrüder Elwood (Michael Kamp) und Jake Blues (Andreas Birkner) wollen das Waisenhaus, in dem sie aufgewachsen sind, vor der Schließung retten. Die nötigen 5000 Dollar soll ein Konzert der legendären "Blues Brothers"-Band einspielen. Doch die elftägige Mission "Im Namen des Herrn" ist schwierig. Moralisch flexibel, aber eher chaotisch als kriminell, hinterlassen die beiden auf der Suche nach ihren Mitmusikern, geeigneten Instrumenten und einem Auftrittsort eine unterhaltsame Spur der Verwüstung.
Der 80er-Jahre-Filmhit mit Dan Aykroyd und John Belushi und Bluesgrößen wie James Brown und Aretha Franklin, auf dem das Musical basiert, ist unbestritten Kult - mit einer überschaubaren Fangemeinde. Doch mitreißende Inszenierungen mit überzeugenden Darstellern wie auf der Luisenburgbühne könnten dies schnell ändern.
Die großartigen Protagonisten Michael Kamp (nicht so schlaksig wie das Original) und Andreas Birkner verkörpern die beiden Blues-Missionare - mit der seltsamen Gestik und dem rollenden Gang inklusive elegantem Synchron-Stolpern - so authentisch, dass auch eingefleischte Fans nichts vermissen. Musical-Puristen hingegen genießen die starken Solonummern wie "Gimme some lovin'" von Gudrun Schade, bei denen etwas das Tempo aus der Handlung genommen wird. Denn Regisseur Michael Lerchenberg begeistert mit einer bombastischen Bearbeitung der Vorlage, die wenig Atempausen zulässt. Eine wahre Explosion an genialen R-'n'-B-Songs wie "Everybody needs somebody to love", "Sweet Home Chicago" oder "Soul Man" ergänzen ausgeflippte Tanzszenen, Slapstick und Pyro-Effekte sowie ein riesiges Aufgebot an Statisten zu einem großen Theater-Erlebnis. So steht auch die Luisenburg-Variante ohne Autos den berühmten Film-Verfolgungsjagden auf Chicagos Straßen kaum nach. Am Ende jagt ein Heer aus trotteligen Polizisten, grotesk parodierten amerikanischen Nazis, eine betrogene Country-Band und eine "blinde" Attentäterin die beiden Antihelden und nutzen dabei alle Ebenen der Bühne.
von Michael Schreiner, MITTELBAYERISCHE ZEITUNG
Was hätte da schon – vom Wetter abgesehen – schiefgehen können? Ein Musical mit Kultstatus. Eine einmalige Kulisse, die seit über 120 Jahren jedes Jahr tausende Neugierige anzieht. Ein Intendant – gleichzeitig auch Regisseur und Textdichter – mit hervorragendem Gespür für die Bedürfnisse eines nach Unterhaltung lechzenden Publikums. Und eine Truppe höchst motivierter Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musiker, Choreografen und Ausstatter. Es ist nichts schief-, Lerchenbergs zielklare Rechnung vielmehr voll aufgegangen! „Blues Brothers – Im Namen des Herren“ löste bei der Premiere auf der Luisenburg einen Begeisterungssturm aus, was bei den eher verschlossenen Fichtelgebirglern vermutlich einer verkappten Ekstase gleichkam.
Dafür hat Lerchenberg aber auch in die Vollen gegriffen und mit Donnerknall und Blitzen, Rauch, Feuer und tumultuarischen Massenszenen aufgefahren, was die Trickkiste hergab. Klischees schlugen gleich reihenweise Purzelbäume durch das mit geringen Mitteln optimal und höchst effektvoll gestaltete Bühnenbild. Die zauberhafte sexy Nonne in Lackstiefeln und geschlitztem Ordensgewand als Nummern-Girl, die resolute Ehefrau, die Jake und Elwood übers Maul fährt, dass jedem Gemahl im Publikum der kalte Angstschweiß ausbricht, der amerikanische Altnazi, der mit schnarrender Stimme zur Jagd auf die sittenlosen Brothers bläst. Vor jedem Slapstick blasen sich reihum im bis auf den vorletzten Platz besetzten Zuschauerraum die Backen auf. Das Losprusten kommt genauso präzise und ohne Verzögerung, wie die glänzend auf den Punkt gespielten Gags und Pointen.
Dabei fängt alles so wunderbar gemächlich und ziemlich reduziert an. Die vorzeitige Entlassung Jakes aus dem Knast, von den Officern mit sadistischem Vergnügen ausgespielt. Das von Johlen begleitete Umkleiden auf der Bühne. Die anschließende Fahrt im heruntergekommenen Dodge Monaco, einem ausgemusterten Polizeiauto, welches Elwood (Michael Kamp) und Jake (Andreas Birkner) frontal zum Publikum auf zwei einfachen Klappstühlen imitieren. Die Szene gerät zu einer der stärksten der Inszenierung, die auf einem der obersten Plätze der Unterhaltungsskala angesiedelt werden kann. Als dann aus der Kulisse auch noch eine ferngesteuerte Mini-Polizeistreife in vollem Karacho mit Mini-Tatü-Tata hervorbrettert, die dazugehörigen Uniformträger mit obligatorischen Angebersonnenbrillen im Schlepptau, hält kein Zwerchfell mehr still. Jake und Elwood türmen, was könnten sie sonst tun, und lösen die erste einiger turbulenter Verfolgungsjagden durch Felsschluchten, Überhänge und Steilpfade aus, die den Schauspielern sportive Ertüchtigung und den begeisterten Zuschauern das Vergnügen eines comic-haften Spektakels bietet.
Die beiden „verkommenen Subjekte“, von der erbosten Schwester Oberin des Kinderheims geprügelt und verjagt, dem sie mit einer Finanzspritze wieder auf die Beine helfen wollen, machen sich auf die Socken, ihre alte Band wieder zusammenzubringen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht und kaum ein Klamauk zu wohlfeil. Mit einem amüsanten Klingeltrick erinnern sie gar an das legendäre Duo Stan Laurel und Oliver Hardy.
Aber Lerchenberg belässt es nicht einfach bei prachtvollem Entertainment und gewitzten Pointen. Er hat sich das Buch vorgenommen und den Text mit Selbstironie, Spielwitz und klugen Anspielungen genüsslich auf die eigene Gegenwart gebürstet. Mit Anspielungen auf die Region, selbstreflexiven Bezügen, spitzen Brechungen und mit dem Aufgebot einer „Nazi raus!“-Bürgerinitiative, die den Bezug zur virulenten Geschichte der Stadt Wunsiedel vielleicht eine Spur zu effekthascherisch aufgreift.
Einzelleistungen? Ganz schwierig, etwas rauszugreifen. Das gesamte Ensemble einschließlich der Band hat, bis hinein in die teils reizenden, fabelhaften Statistenrollen, eine prächtige Arbeit abgeliefert. Das Spiel hat Tempo, die Musik Schmackes, die Songs geh’n in die Glieder, Augen und Ohren werden ununterbrochen auf Trab gehalten. Eine kleine Gewichtung muss dennoch sein: Der 68-jährige Sänger und Entertainer Ron Williams ist mit einem halben Dutzend kleinerer Rollen und zusätzlich als Moderator an sich schon eine echte Schau. In der Rolle des Grandseigneurs des Swing, Mr. Hideho Cab Calloway, wächst er über sich hinaus. Hinfahren!
Der Neue Tag -
Rudolf Waldemar Brem reißt sich die braunen Klamotten, einschließlich der kurzen Krachledernen vom Leib und wirft sie Wut entbrannt auf die Bühne. Nur noch mit der weißen Feinripp-Unterhose bekleidet wendet er sich dem Publikum zu und gibt lautstark von sich: "Ich will jetzt keinen Nazi mehr spielen".
In seiner "Blues-Brothers"-Inszenierung auf der Felsenbühne hat Intendant und Regisseur Michael Lerchenberg in die sonst fetzig rockige Geschichte um Jake und Elwood Blues mehrere Szenen, die sich gegen die rechte Szene richten, eingebaut. Die Stadt wehrt sich seit langem gegen Aufmärsche von Neonazis. Auch das ist im Stück verbal, lautstark und optisch in großen Lettern auf Transparenten zu hören und sehen. Lerchenberg bedient dabei zu 100 Prozent das Klischee und überzeichnet die Figuren bis ins Groteske. Ansonsten ist die Geschichte von Jake und Elwood eine sehr bunte, musikalisch fetzige und pyrotechnisch opulente zweieinhalb Stunden Show.
Die Darsteller nutzen dabei das Theater einschließlich Zuschauertribüne als einen einzigen Bühnenraum. Da stehen die Fans der "Blues-Brothers" (Statisten) am Bühnenrand, werfen Cola-Dosen in Richtung ihrer Idole, die hinter einer vergitterten Bühne spielen. Im schwarzen Anzug, weißem Hemd und dunkler Brille rocken Elwood (Michael Kamp) und Jake Blues (Andreas Birkner) die Luisenburg. Immer wieder tauchen im Zuschauerraum Statisten und Hauptdarsteller auf. Dank des Labyrinth-Systems der Bühne erscheinen sie wie aus dem Nichts und sorgen für so manchen Aha-Effekt. Der bekannte Entertainer Ron Williams führt durch das Programm und brilliert als toller Verwandlungskünstler. Ob als Prediger, schräge Hausmeisterin oder als Ray Charles, der Mann versteht in allen Rollen zu fesseln.
Und er hat stimmlich die diversen Sounds drauf, die ein 1974er Dodge Monaco von sich gibt. Täuschend echt ahmt er die Motorengeräusche des "Bluesmobils" nach. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Wagen gemütlich durch die Straßen von Chicago rollt, bei Vollgas über den Highway "fliegt" oder ihn eine rasante Vollbremsung zum Stehen bringt. Die "Blues-Brothers" synchronisieren dazu auf zwei Gartenstühlen die perfekten Bewegungen. Ständig wuseln jede Menge Leute auf der Bühne herum. Auf allen Ebenen ist Aktion. Daneben hat Lerchenberg kleine aber feine Gags im ganzen Stück verteilt. Als Elwood und Jake von einem Streifenwagen verfolgt werden, nervt der Klang der typisch amerikanischen Polizeisirene lautstark die Ohren.
Die Soundkulisse eines Actionfilms. Am Bühnenrand simulieren rote und blaue Strahler die dazu gehörigen Lichtsignale. Dann rast der Wagen von der linken Seite mitten auf die Bühnenmitte. Im Maßstab 1:18 und fern gesteuert. Lacher garantiert. Später nutzt ein Streifenpolizist das Spielzeugauto als Funkgerät. Insgesamt eine Superinszenierung mit hochmotivierten Schauspielern. Dazu furiose Tanznummern und Songklassiker wie "Everybody needs somebody to love", "Soul Man" oder Elvis' "Jailhouse-Rock" heizen dem Publikum ein. So manchen Zuschauer hält es dabei nicht mehr auf seinem Platz. Aber kein Problem, denn mitmachen ist durchaus erwünscht. Die "Blues Brothers" sind Kult! Ihr Leben eine Verfolgungsjagd! Es ist wert, sich davon anstecken zu lassen.
Die Blues Brothers sind Kult. Ein Kult muss gelebt werden. Leben heißt: Menschen mit Hüten und schwarzer Kleidung säumen den Aufgang. Spätestens jetzt erkennt man, welches Stück die Naturbühne aufrütteln wird: Die Geschichte der Blues Brothers. Die Zuschauer nehmen Platz und landen in einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd.
Doch davor haben die beiden Hauptdarsteller Elwood Blues alias Michael Kamp und Jake Blues alias Andreas Birkner schon mal mit ihrem Blues-Gefährt, einem szenigen Acht-Zylinder, für Furore gesorgt und die Auffahrt zur Luisenburg mit riesigem Tamtam gestürmt. Drinnen sitzen mitgenommene Zuschauer, die sich freuen dürfen, die felsige Kulisse nicht zu Fuß erklimmen zu müssen. Zuschauernähe à la Blues Brothers Spektakel!
Selbst Hausherr und Intendant Michael Lerchenberg tritt vor der Aufführung auf die Bühne und gibt Anweisungen „Handy aus“ und was man sonst noch wissen muss.
Von Chicago nach Illinois
Die beiden Gauner wollen, um ein Waisenhaus zu retten, in dem sie aufwuchsen, die alte Band vereinen und so 5.000 Dollar erspielen. Nur elf Tage haben sie Zeit. Gejagt von Gerichtsvollziehern und Cops kommt es zu wilden Verfolgungsjagden. Das kultige Gefährt bleibt aufgrund seiner Größe draußen. Zwei Stühle ersetzen das Car und schaffen beim Zuschauer viel Spielraum für Fantasie.
Es kommt, wie es kommen muss. Bei einer Polizeikontrolle scheint alles aus zu sein. Dass im Hintergrund die Motorengeräusche der Verfolgungsjagd nicht vom Band kommen, ist Ron Williams zu verdanken. Er schlüpft wie auch noch ein paar andere Schauspieler in verschiedene Rollen und brilliert ebenfalls auch als Sänger im rasanten Road-Movie, das in Chigago beginnt und nach Illinois führt.
Das kurzweilige Stück bietet neben R&B auch Country Klänge. Die Szenenwechsel sind klar und der Seitenhieb zur Geschichte Wunsiedels „der braune Fleck“ muss weg, lässt einen Nazi-Aufmarsch nebst Gegendemo „Wunsiedel ist bunt“ aufleben.
Das Waisenhaus wird gerettet und die Brüder landen wieder hinter Gittern. Nach zweieinhalb Stunden ist das Konzert, das bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, mit Standing-Ovations und etlichen Zugaben vorbei.
Dass die Blues Brothers so einen Erfolg haben, ist der Glanzinszenierung von Lerchenberg zu verdanken. Wer in diesem Jahr keine Karten ergattert hat, darf hoffen: Nächstes Jahr laden die bluesigen Brüder wieder zur Road-Show ein.
CG
Der Ring ist zerbrochen. Unübersehbar ist das auf der Bühne zu erkennen, bevor noch das Spiel beginnt. Und bevor es beginnt, scheinen Splitter der Vor-Geschichte wie Fragmente eines schlimmen Traums: Ein moslemisches Kind schickt sich an, einen christlichen Ritter zu enthaupten; die schwarzen Reste eines Hauses brennen...
Dazwischen steht Nathan der Weise und findet all das nicht so schlimm. Er weiß, dass im Leben, wenn es einen schlägt, jeder trauern darf und jeder neu beginnen soll. Auch das scheinbar „Unmögliche“ hält Nathan für denkbar und hat es gar selbst schon erlebt: Christen massakrierten ihm, dem friedfertigen Juden, die Familie; doch ein Christenmädchen wurde ihm kurz darauf in die Arme gelegt, das er – im Glauben an Gott, nicht an eine Religion – wie seine eigene Tochter erzog.
Nun kehrt der Steinreiche von auswärtigen Geschäften heim wie Arthur Millers Handlungsreisender: ein unauffälliger Hagerer in Mantel und Hut und mit einem Koffer am Arm. Die Trümmer im Rauch sind die Reste seines Hauses. Doch er freut sich: Recha, das Mädchen, hat überlebt – der Christenritter, der Hinrichtung entgangen, zog sie aus den Flammen. Alles Übrige lässt sich ersetzen.
Wenn Heinz Trixner auf der Luisenburg den Nathan spielt, dann trifft er Lessings Intention und Ton sehr genau: kein Toleranz-Prophet, dessen laute Predigt Schule machen will; sondern ein lebendiges Beispiel für verträgliches Miteinander. Leid hat diesen Nathan ausgemergelt, Angst kennt er und krümmenden Schmerz, Liebe braucht, nimmt und schenkt er, Freude hat er an Besitz und Gewinn: einfach ein Mensch. Doch Trixner ist auch Nathan der Utopist: Still und stur weigert er sich, zuzugeben, dass es Streit geben müsse zwischen frommen Juden, Christen, Mohammedanern. „Lass dich umarmen, Mensch“, lächelt er dem wahrlich andersgläubigen Derwisch (Frank Wünsche) entgegen; ein Klosterbruder – Winfried Hübner, klein in Mantel und Kapuze als verschwiegener Grubenarbeiter des guten Willens – gehört zu seinen Vertrauten. Und ein Moslem, ein mächtiger, Sultan Saladin, fragt ihn um Rat.
Bei ihm tritt Nathan in eine Gegenwelt ein. Der Ring ist zerbrochen – an den Seiten der in schöner Surrealität gestalteten Bühne hat Szenenbildner Peter Engel zwei geschwungene Rampen aufgeführt, Segmente eines Kreises ohne Zusammenhalt. Von einer Sphäre wechselt der karge Jude hinüber in den Luxus der muselmanischen Residenz – in eine Operettenwelt. Dort plappern, tänzeln, tändeln Saladin und Sittah, seine Schwester: Peter Kaghanovitch in Husarenuniform, eher weichlich-unernst als wohlüberlegend und überlegen; Ina Meling, eher mondäner Vamp als emanzipierter Schlaukopf, geziert hinter rotem Schleier (Kostüme: Anja Gil Ricart).
Das Stück – das sich seiner intellektuellen Kammerspiel-Dramaturgie wegen wenig für den übergroßen Freiluftschauplatz eignet – dröhnt in Christian Nickels Inszenierung glücklicherweise nicht als feierlicher Klassiker aus den Felsenkulissen. Äußerlich modernisierend, die Szenenfolge zügig verdichtend, hebt der Regisseur den Appell zu Friedlich- und Duldsamkeit mit dem Nachdruck vernünftiger Argumente hervor...
Die Stadt Jerusalem beherrscht auch in der Gegenwart die Schlagzeilen. In ihnen ist vor allem von Krieg, Unterdrückung, Mord und Terror die Rede. Die Gräuel geschehen häufig im Namen von Religionen, die, das hat der Anschlag vom 11. September gezeigt, zum Vehikel wirtschaftlicher und politischer Machtspiele gemacht werden. Und es ist offenbar, dass die zum Teil blutigen Konflikte unserer Tage nur im Verständnis des anderen, mit der Toleranz gelöst werden können.
Die Luisenburg-Festspiele haben sich heuer in den Dienst dieser Forderung gestellt und Gotthold Ephraim Lessings "Nathan der Weise" ins Programm genommen, ein Stück, das wie kein anderes in der Literaturgeschichte den Appell an die Vernunft des Menschen, an Humanität und Güte formuliert. Am Freitag fand die Premiere vor einem fast voll besetzten Haus statt.
Lessing hat wie kein anderer vor ihm und danach einen grundsätzlichen, offenbar zutiefst menschlichen Konflikt, der unter anderem dafür verantwortlich ist, dass der Mensch aus der Geschichte nicht lernt, in eine sinnreiche Stammbaum-Geschichte gepackt. Der jüdische Kaufmann Nathan will einem jungen Tempelritter für die Rettung seiner Tochter danken. Der war zuvor von Sultan Saladin begnadigt worden, weil er seinem verschollenen Bruder ähnlich sah.
Während der Tempelritter, ein unerfreulicher Freigeist, noch seine Vorbehalte kultiviert, kommen sich der Jude Nathan und der Mohammedaner Saladin näher. Mit der berühmten Parabel von den drei Ringen vermittelt Nathan dem Sultan seine Theorie von der Toleranz als unverzichtbarem Mittel zur Lösung des Konflikts dreier großer Religionen.
Unterdessen stellt sich heraus, dass der Tempelherr, der Nathans Tochter liebt, nicht nur deren Bruder ist, sondern beide Kinder des verschollenen Bruders des Sultans. Lessings Nathan ist eigentlich ein fortgesetztes Gespräch über Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Andersglaubenden: zwischen dem Sultan und seiner klugen Schwester Sittah, als sie über die Unzulänglichkeit der Kreuzritter sprechen; zwischen Nathan und dem Tempelherrn über die Unmenschlichkeit der Behauptung, von Gott auserwählt zu sein; zwischen Nathan und dem Sultan, wenn der weise Jude mit der Ringparabel eine von Vorteilen freie Liebe fordern und nicht zuletzt zwischen Nathan und dem Klosterbruder, der die jüdischen Wurzeln des Christentums anerkennt.
Dass der Patriarch am schlechtesten wegkommt, als personifizierte Intoleranz vorgeführt wird, ist möglicherweise auch einer Auseinandersetzung zu schulden, die Lessing über lange Zeit mit einem Geistlichen in Hamburg führte.
Regisseur Christian Nickel hat ein wesentliches Element in der Auseinandersetzung, die wirtschaftlichen und politischen Interessen, nicht vergessen. Die Geldkoffer, der des Nathan und die anderen des Saladin, sind immer dabei, wenn geredet wird. Geld brachte den Juden und den Mohammedaner auch bei Lessing erst zusammen.
Das Ensemble spielt mit aller Leidenschaft, die das immer wieder aktuelle Thema erfordert: Hauptdarsteller Heinz Trixner ebenso wie Peter Kaghanovitch als Saladin, Ina Meling in der Rolle der Sittah, Elli Wissmüller als Nathan-Tochter Recha, Matthias Lehmann als Tempelherr, Chris Nonnast als Christin im Hause Nathans und Winfried Hübner als Klosterbruder.
Ohne den mit Bonmots und auch Komik gewürzten Handlungsgang bliebe das Ringen um das Menschsein in einer unmenschlichen Welt eine weitgehend theoretische Auseinandersetzung. Lessing hat zwar den Handlungsstrang, vor allem die Stammbaum-Geschichte dem theoretischen Thema konsequent bis zur verwandtschaftlichen Verbrüderung am Schluss untergeordnet, lässt aber den Herzschlag der Gestalten deutlich spüren. Güte, Liebe, Leidenschaft, Aufsässigkeit, Zorn und nicht zuletzt auch Trauer werden auf der Bühne gelebt und nicht nur erörtert.
In mehrfacher Hinsicht kann der "Nathan" der Luisenburg als neuer Glanzpunkt in der langen Geschichte der Festspiele gelten. Vor allem: Ein wichtiges Thema wurde mit hohem Wirkungsgrad an ein aufgeschlossenes Publikum gebracht.
Die Kathedrale ist auf ein Wägelchen montiert; bequem lässt sie sich dorthin ziehen, wo Gläubige der Geborgenheit ihrer Symbolkraft bedürfen. Oder: Wo Zweifelnde mit der herrischen Allmacht der Kirche zur Räson gebracht werden müssen. Der christliche Patriarch von Jerusalem (Adolf Adam, der Hass mit betenden Händen sät) hetzt Ministranten mit unterm Chorhemd versteckten Gewehren auf Abtrünnige und Andersdenkende. Glaube ist Kampf, Religion ist Krieg. Juden müssen brennen. Die Szene spielt vor über 800 Jahren, Gotthold Ephraim Lessing hat sein „Dramatisches Gedicht“ darüber 1779 veröffentlicht. Und doch: Aus jeder Zeile von „Nathan der Weise“ spricht die ungebrochene Aktualität des Werkes. Wir leben in anderen Zeiten, doch noch in der gleichen Welt, die geprägt ist von Ungerechtigkeit und Intoleranz.
Mit seiner in ihrer Kargheit beeindruckenden Inszenierung lässt Regisseur Christian Nickel den Ideen viel Raum zum Widerstreit. Nur spärlich verweisen sorgsam platzierte Symbole in Peter Engels Bühnenbild auf das religiöse Fundament der Akteure: die goldene Menora in den verkohlten Resten von Nathans Haus, die Schwerter gefallener Ritter, die wie Kreuze über ihren Gräbern stehen, und zwei hölzerne Rampen, die sich wie leuchtende Mondsicheln über die Bühnenfelsen himmelwärts wölben. Dazwischen die Menschen. Kleine Farbtupfer in den Kostümen von Anja Gil Ricart verraten ihre Glaubenszugehörigkeit: schwarzweiß die Juden, lila die Christen, rot die Muslime. Nur Nathans Tochter Recha (Elli Wissmüller als schwärmerische Unschuld im hellblauen Kleid) lässt sich nicht einordnen.
Zwei dramatische Stunden später wird man erfahren, warum. Während sich Palästina bald wieder im Heiligen Krieg zu zerfleischen droht, wirbt der weise Jude Nathan für Ausgleich, kämpft für Toleranz und Brüderlichkeit unter den Menschen und fleht: „Wir müssen, müssen Freunde sein!“ Luisenburg-Veteran Heinz Trixner gibt seinen unter die Haut gehenden Nathan als gütigen Versöhner mit unerschütterlicher Humanität; seine Botschaft breitet der nachdenkliche Vordenker, fast schüchtern an seinem Hut nestelnd, in leiser Eindringlichkeit aus. Dem Sultan Saladin (Peter Kaghanovitch als emotionsgesteuerter Herrscher) öffnet Nathan mit der berühmten Ring-Parabel die Augen, deren Gleichnis die Überlegenheit einer Religion über die anderen verneint. Dem ungestümen jungen Templer Curd von Stauffen erweitert er das Bewusstsein über die christlichen Scheuklappen hinaus. Matthias Lehmann spielt den trotzigen Krieger als ruhelosen Wanderer über die Felsen, martialisch, in einer „Rüstung“, die den Kreuzritter erscheinen lässt, als wäre er Mitglied einer wilden Motorrad-Gang in weißem Leder. Mit starken Posen setzt sich Lehmann gegen die gewaltige Granit-Kulisse zur Wehr. Schauspielkunst in XXL, die die Verzweiflung des Tempelherrn bis in den letzten Winkel der Zuschauerränge trägt.
Aus einem durch die Bank starken Ensemble ragt auch Ina Meling heraus, die als gerissene Sultansschwester Sittah die Fäden zieht. Eine emanzipierte Meisterin im Schach ebenso wie in Politik und Intrige, die die Welt mit verführerischen Blicken hinter rotem Schleier zu lenken weiß. Doch selbst sie ergibt sich am Ende Nathans schöner Vision gelebter Menschlichkeit und seufzt: „Ich bin gerührt.“
So komisch und tragisch ist selten ein Stück - auch wenn vielleicht Tragikomödie drüber steht. In "Indien" geht's derb zu, sarkastisch, bitterböse, makaber und auch schon mal todernst; aber es gibt auch unendlich viel zu lachen. Dafür sorgt der Text von Josef Hader und Alfred Dorfer, deren Stück zwei Prachtexemplare der Spezies Mann genauestens und selbstironisch unter die Lupe nimmt. Zahlreiche Preise hat es schon erhalten, wird an vielen deutschen Theatern gespielt und ist auch schon ins Englische, Französische, Ungarische und Flämische übersetzt worden. Im idyllischen Hof des Fichtelgebirgsmuseums Wunsiedel kommt es bairisch daher.
Dafür, dass es viel zu lachen gibt, sorgen auch die exzellenten Schauspieler Johann Anzenberger und Gerhard Wittmann - beide beliebte Mitglieder des Luisenburg-Ensembles - in der aufmerksamen und pointensicheren Regie von Christoph Zauner. Ergänzt wird das Ensemble auf der von Jörg Brombacher mit einfachen Mitteln gestalteten Bühne durch Berthold Kellner als Wirt, Arzt und Priester und durch Lesley Jennifer Higl als Bedienung und Krankenschwester (Kostüme: Anja Gil Ricart).
Anzenbergers und Wittmanns Zeichnung der gegensätzlichen Charaktere von Kurt Fellner (später Kurtl genannt) und Heinz Bösel (Heinzi; Ähnlichkeiten mit dem BR-Comedy-Duo "Heinzi und Kurti" sind sicher beabsichtigt) passt bis aufs i-Tüpfelchen. Fellner ist der intellektuelle, asketisch-abgehobene, fernöstlich orientierte, indische Lebensart zitierende, stets überpingelige und -kritische Müsli-Esser und Bösel der handfeste, derb-bodenständige, wortkarge Biertrinker. Darüber, wie sie etwas sagen, aber viel mehr noch darüber, wie sie etwas nicht sagen, amüsieren sich die Zuschauer köstlich.
Auf ihrer gemeinsamen Tour als staatliche Gastronomie-Tester arbeiten und reden die beiden zunächst aneinander vorbei: Der eine faselt von Völkerwanderung und Gesellschaftsspielen, der andere lässt sich Schnitzel in den verschiedensten Variationen schmecken und zockt den Kollegen genüsslich beim Kartln ab ("Hamm Sie ein Glück in der Liebe!"). Probleme mit Frauen bringen sie schließlich doch ins Gespräch, schweißen sie zusammen. So eine Unterhaltung allerdings kann, zumal wenn Brösel die Argumente ausgehen und wenn eine Flasche Sechsämter im Spiel ist, auch schon mal verstörend handgreiflich werden.
Das Stück spielt mit Klischees - dem von Männer-Freundschaften etwa oder dem der weit verbreiteten Sprachlosigkeit der Männer, wenn es Gefühle geht. Und die Zuschauer freut's narrisch, wenn sich die beiden näher kommen; die endgültige Verbrüderung geschieht fast folgerichtig des Nachts vor dem Klo und geht mit einer veritablen Liebeserklärung von Heinzi daher: "Sie sann der einzige Mensch seit meiner Mutter, neben dem i hab scheinßn kenna. I bin der Heinzi." Dazu flöten Klarinette und Akkordeon aus dem Lautsprecher "What a Wonderful World" (Musik: Hubertus Krämer). Satire pur.
Doch Heinzi meint es ernst. Als Kurtl einen massiven Schicksalsschlag hinnehmen muss, ist er der einzige, der bei ihm bleibt und ihn - sprachlos aber rührend - mit Erdbeeren ("tiefgefroren - wie frisch") versorgt. Ach ja, und warum heißt das Stück jetzt "Indien"? - Des miassns scho selber schaua.
"3, 2, 1 ... Bussi!" Schon die Art, mit der dieser Fellner seiner Freundin eine Nachricht auf dem AB hinterlässt, ist nervtötend. Und dann dieses ständige Schlaubischlumpf-Gequatsche. Der Bösel kann den Burschen nicht leiden. Er würde ihm am liebsten das Maul stopfen. Blöd nur, dass die beiden zusammenarbeiten müssen. Tag für Tag für Tag für Tag. Am Ende wird der eine sterbend in den Armen des anderen liegen.
"Indien" heißt die zum Brüllen komische und zum Heulen traurige Geschichte einer Freundschaft, geschrieben 1991 von den österreichischen Kabarettisten Josef Hader und Alfred Dorfer, zwei Jahre später mit ihnen verfilmt. Am Donnerstagabend hatte "Indien" bei "LuisenburgXtra" im Innenhof des Fichtelgebirgsmuseums Premiere, in der kleinen Zweigstelle der großen Festspiele. Die Inszenierung von Christoph Zauner geriet zum Triumph, was vornehmlich der Verdienst der beiden Hauptdarsteller ist.
Gerhard Wittmann spielt den robusten Heinz Bösel, Johann Anzenberger verkörpert den aufgekratzten Kurt Fellner. Der eine kippt Bier und Schnaps, der andere süffelt lieber O-Saft und Bananen-Frappé. Beide sind im Auftrag der Staatsregierung kreuz und quer durch Bayern unterwegs, um Hotels und Gaststätten zu testen: Zimmer, Böden, Duschen, Saunen, Schnitzel, Gulaschsuppen - alles kommt auf den Prüfstand.
Bösel ignoriert den Fellner so gut es geht, der Neunmalkluge hingegen bemüht sich übereifrig, mit dem stoffeligen Kollegen ins Gespräch zu kommen. Die Spannungen zwischen den Außendienstlern wachsen, als ein Schmalzbrot in Fellners Gesicht landet und Bösel den Fellner später im Suff über den Biergartentisch wirft, um an ihm eine ruppige Variante des ehelichen Koitus zu simulieren. "Sie sind ein deppertes, ignorantes Arschgeigerl", schimpft Fellner. Nichts aber verbrüdert Männer so schnell wie der Ärger über die Frauen: Als Fellner mitbekommt, dass seine Freundin ihn betrügt, braucht es nur ein paar Schnäpse. Dann wird der Wirt gedemütigt, und durch eine Klotür hindurch entsteht später zwischen den beiden Beamten eine Freundschaft. "Herr Fellner", klingt es von der Schüssel, "Sie sind der erste Mensch seit meiner Mutter, neben dem ich hab sch****n können." Wie romantisch.
Im zweiten Akt kippt die Stimmung des Stücks, wird aus brachialer Komik bitterer Galgenhumor. Der Kurti hat sich im Unterleib "ein Plankton oder so was" eingefangen. Der Heinzi besucht ihn im Krankenhaus, und der Kranke tröstet den Gesunden: "Der Tod, des hoaßt nix. Des is wie Umsteigen in Passau". Das Ende des Stücks geht an die Nieren, vor allem, weil es sich vom Film unterscheidet: Kein Banane essender Inder auf der Parkbank, der dem Bösel den Glauben an die Reinkarnation und damit Trost schenkt.
Ja, "Indien" wurde aus der österreichischen Provinz in unsere Gefilde verlegt, der Wiener Schmäh durch das etwas rustikalere Bayerisch ersetzt - und es funktioniert. Vor allem deshalb, weil die überaus derben Texte von Hader und Dorfer nichts verloren haben und die Figuren auch diesseits der Alpen funktionieren. Das können sie nur, weil Anzenberger und Wittmann mit jeder Faser bei der Sache sind, ihre Rollen nicht als Parodien anlegen, sondern zum Kopf auch das Herz benutzen. Vor ihrer Leistung muss man den Hut ziehen. Ganz allein sind die beiden dennoch nicht: Berthold Kellner, bekannt durch das Oberpfalztheater, ist im Stück als debiler/masochistischer Wirt, Arzt und Priester zu sehen, Regieassistentin Lesley Jennifer Higl taucht als Bedienung und Krankenschwester auf.
Bleibt noch die gelungene Musik zu erwähnen, die von Hubertus Krämer eigens für das Stück eingespielt wurde: "Road to nowhere" von den Talking Heads, "L'uomo dell'armonica" (Das "Lied vom Tod"), "Also sprach Zarathustra", "All you need is love" oder das "Hotel California" von den Eagles - kleine klingende Kommentare als Sahnehäubchen. Unbedingt anschauen!
Schranktüren klappen auf und zu. Buchstaben fallen urplötzlich vom Firmenschild. Der Hobel rutscht wie von Geisterhand geführt über die Ladentheke, und auch der Radioapparat spinnt - was geht da bloß ab in der Schreinerwerkstatt von Meister Eder? Hoppala, jetzt ist's passiert: Pumuckl, der freche Kobold mit dem feuerroten Schopf, klebt am Leimtopf fest und ist von jetzt an sichtbar. Allerdings nur für den Hausherrn, den Schreinermeister Eder.
Und natürlich fürs Publikum der Luisenburg, wo das Familienstück "Meister Eder und sein Pumuckl" nach den Kinderbüchern von Ellis Kaut am Dienstagvormittag Premiere feierte. Gediegene Anzugträger und durchgestylte Damen suchte man auf den voll besetzten Rängen vergeblich - stattdessen dominierten Baseballkappen und Zopffrisuren. Dieses aufgeweckte, lebhafte Publikum fast eineinhalb Stunden bei Laune zu halten, ist eine Kunst für sich. Regisseurin Petra Wüllenweber und dem gut aufgelegten Ensemble gelingt sie mühelos.
Ob die Buben und Mädchen im Grundschulalter die 1978 gestartete Kinderserie mit Gustl Bayrhammer und einem animierten Pumuckl überhaupt kennen? Wenn ja, dann könnten sie wohl kaum einen Unterschied ausmachen zwischen dem Meister Eder auf der Luisenburg und dem des berühmten TV-Vorbilds, das schließlich 52 Folgen umfasste.
Dieter Fischer spielt den brummigen Handwerker, unter dessen leimverschmierter Schürze ein goldenes Herz schlägt, mit aller Ruhe. Und setzt so den Kontrapunkt zum quirligen Kobold Pumuckl. Den gibt Ferdinand Schmidt-Modrow mit ganzem Körpereinsatz - er krächzt, er springt, er klettert, tanzt und singt, er schlägt sogar auf Eders Werkbank Rad. Was so manchem Kind im Publikum seine tägliche Dosis Ritalin bescheren würde, dem Pumuckl ist es erlaubt! Und die Buben und Mädchen sind begeistert. Zumal auch die anderen Figuren für reichlich Slapstick sorgen, etwa die aufgebrezelte "Krampfhena" Frau Steinhauser (Katharina Schwägerl). Ebenso aufdringlich wie erfolglos schmachtet sie den schüchternen Eder an und gerät dank Koboldhilfe dabei immer wieder heftigst in die Bredouille.
Natürlich ist dieser "Meister Eder" auf der Luisenburg kein reines Sprechtheater. Musikalische Einlagen sorgen immer wieder für Abwechslung und einen neuen Aufmerksamkeitsschub beim jungen Publikum. Am meisten rockt die Szene, in der deutscher Schulalltag persifliert wird: Pumuckl ist zu Gast in einem Klassenzimmer, wo die eh schon unerfreuliche Lage durch sein Zutun weiter eskaliert. Die Musik fetzt, die Choreographie stimmt, das Publikum tobt.
Die Buben und Mädchen lieben vor allem den grellen Klamauk und die derberen Scherze in diesem Spektakel, das kaum eine Atempause lässt. Doch wer als Erwachsener genau hinschaut und -hört, dem entgehen auch die feineren Gags nicht, die vielen kleinen Wortspielereien und Anspielungen. So haben in diesem Familienstück wirklich alle ihren Spaß.
Und ganz am Schluss des quietschbunten Reigens hat der Pumuckl natürlich seinen Meister Eder davon überzeugt, dass ein Leben ohne Kobold in der Schreinerwerkstatt eigentlich gar keins ist. Das Publikum überzeugt seinerseits mit hundertfachem Zuruf und rhythmischem Klatschen, dass ein Kinderstück ohne Zugaben auch gar keins ist.
Hunderte von Kindern bejubeln zum Wunsiedler Saisonstart den "Pumuckl".
"Und was steht hier?", fragt die Lehrerin, aufs nächste Schild deutend. Der kleine Junge, auf dem Anstieg zur Naturbühne, buchstabiert für sich und antwortet dann: "Näisen der Weise." - "Nathan", verbessert die Lehrerin nachsichtig. " 'Nathan der Weise'. Das ist ein deutsches Theaterstück." Manchmal bietet ein Besuch auf der Luisenburg die Gelegenheit für ein bisschen Literaturunterricht.
Vor allem aber ist er ein Mordsspaß für die Kinder, denen die Wunsiedler Freilicht-Festspiele alljährlich ihre allererste Premiere widmen. Der inoffizielle Saisonstart, von Hunderten kleiner Leute im fast voll besetzten Auditorium mit weithin gellendem Jubel gefeiert, brachte manch einem sogar die Begegnung mit einem großen und einem kleinen Unbekannten: Denn offenbar sind "Meister Eder und sein Pumuckl" heutzutage weder in Buch- oder Hörbuch-Form noch auf Video Standardgäste in den Kinderzimmern. Mit den prominenten Namen aus Ellis Kauts Büchern, so berichtet eine Lehrerin, hätten die ersten und zweiten Klassen ihrer Grundschule bisher nichts anfangen können. Das änderte sich nun: Nach dem ohrenbetäubenden Beifall zu schließen, haben die Kleinen ein Traumpaar für sich entdeckt.
Das ist ein deutsches Theaterstück: ein süddeutsches. Bis auf den Pumuckl, der als Klabautermann die Welt zur See befuhr, fühlen sich alle Figuren wohlig daheim in der bayerischen Mundart. Deren Behaglichkeit verkörpert der Meister Eder ganz und gar: Dieter Fischer spielt ihn als gemütlichen, mal erschrockenen, auch mal erstaunten, aber unverdrossen gut gelaunten Handwerker; selber fast wie ein Kind, zeigt er sich handfesten Lösungen nicht abgeneigt, wenn der unversehens hereingeschneite Hausgeist ihn durch seinen Schabernack vor saftige Probleme stellt. Mit Tricks und Gags erzählt Regisseurin Petra Wüllenweber, wie alles begann: Das Ensemble spielt die erste Begegnung der beiden lustig und teils herzerfrischend laut durch, und Peter Engels kindgemäß unaufgeräumte Werkstatt-Bühne kündet buchstäblich davon, dass Späne fallen, wo gehobelt wird. Gelegentlich fällt auch eine liebeshungrige Dame (Katharina Schwägerl); die wird dann - laut schnarchend, weil mit Baldrian eingeschläfert - eben mal kopfüber im zunftgemäß gezimmerten Schrank zwischengelagert.
Alfred Schedl als Toni, der muntere Mopedschrauber; oder Susanna Kratsch als Hausmeisterin, ein grimmiger Putzteufel mit Stützstrümpfen und Kontrollzwang; oder Ina Meling als schwäbelnde Kleptomanin mit "Uhr-Instinkt"; oder der Herr Lehrer (Andreas Schwaiger, ein Steißpauker) mitsamt seiner aufsässigen Schülerschar ("Kevin, Aische und Chantal ..."): Sie alle finden ihren Meister im Pumuckl. Als aufgekratzter Unruhestifter wirkt er im Verborgenen, und nur der Meister Eder und natürlich das Luisenburg-Publikum können ihn sehen.
Der wunderbar unaufhaltsame Ferdinand Schmidt-Modrow - artgerecht unter feuerroter Struwwelperücke, mit gelbem Hemd, grünen Hosen und übergroßen Füßen - verwandelt den Klabautermann in einen Kletterkünstler. Gelenkig durchtrainiert, saust und springt er Rad schlagend durch die Werkstatt und liefert sich gar mit dem Meister eine klassische Verfolgungsjagd. Das Lesen muss er erst noch lernen - aber ordentlich rocken, singen und tanzen (zu fetziger, pfiffig getexteter Musik von Markus Reyhani), das hat er schon drauf.
Über der Luisenburg lacht die Sonne, und die Kinder tun's ihr schallend nach. Nebenbei begreifen sie zusammen mit dem Pumuckl, wie wichtig es sein kann, die richtigen Fragen zu stellen. "Sind Lehrer auch Menschen? Und wozu braucht man die?", will der Wicht wissen. Hierauf bleibt die Luisenburg die Antwort schuldig. Aber wer den Meister Eder und seinen Pumuckl bis gestern nicht kannte, weiß heute: Die beiden haben ihm noch gefehlt.
Was ein gut gelauntes und hoch motiviertes Ensemble wie die "Operettenbühne Wien" unter Leitung ihres Intendanten Heinz Hellberg alles bewirken kann, erlebten die Zuhörer bei der Aufführung der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauß jr. auf der Luisenburg.
Nur wenige Plätze waren noch frei, als Dirigent und Regisseur Heinz Hellberg das Publikum mit einem wienerischen "Servus" begrüsste. Schon während der Ouvertüre tanzen drei Fledermäuse bewegungsreich auf der Bühne, verschwinden erst, wenn Hauptperson Gabriel von Eisenstein im Salon seiner Villa erscheint. Michael Kurz spielt, tanzt und singt vornehm und zugleich hintergründig, sich selbst nicht ganz ernst nehmend, was die folgenden Verwicklungen in einem doppelbödigen Sinn erscheinen lässt.
Mit Verve und Anspielungen ihm ebenbürtig Rosalinde, seine Frau. Alexandra Scholik zeigt die Facetten ihrer großen Charakterrolle mit Schalk und Wärme. Das berühmte Lied "Trinke, Liebchen, trinke schnell" gestaltet Sänger Alfred (Hristofor Yonov) mit Verve und voller passender Anspielungen, die nicht nur seine Freundin Rosalinde, sondern auch das Publikum erfreuen.
Die Anschluss-Szene mit dem seriös wirken wollenden Gefängnisdirektor Frank, den Georg Lehner plausibel gibt, enthält auch einen Walzer, den Rosalinde abwechselnd mit ihren beiden Männern tanzt, wobei Spekulationen, wie sie zu beiden steht, durchaus erlaubt scheinen. Im Palais des Prinzen Orlofsky findet ein Fest statt. Susanne Fugger, Mezzosopran - wie von Strauß vorgesehen - verkörpert glaubhaft diesen Aristokraten. Adele, eigentlich das Stubenmädchen im Hause Eisenstein, hat sich zusammen mit Schwester Ida auf den Ball geschlichen und beide spielen nun mit Bravour ihre Rollen als angehende Groupie-Sternchen im Kreise der Promis. Die Schwestern werfen sich die zum Lachen anregenden Stichwörter zu und das Publikum lacht bei ihren und den Einfällen der anderen mit wachsender Begeisterung mit. Das ist ein besonderer Vorzug dieser Inszenierung: Sie arbeitet mit hintergründigen Anspielungen, nicht mit einfachen Doppeldeutigkeiten, bei denen der Vortragende erst selbst lachen muss, damit das Publikum weiß, jetzt hat es lustig zu sein.
Die Popularität dieser Operette ist gerade wegen der rasanten Handlung und der ebenbürtigen Umsetzung in Musik ungebrochen. "Brüderlein und Schwesterlein" singen alle, und damit hat der Ball bewirkt, dass man sich näher kommt.
Im 3. Akt findet dann der überzeugende Auftritt des betrunkenen Gefängniswärters Frosch statt, dessen Motto "lieber heimlich gescheit als unheimlich blöd" im Dialog mit dem ebenfalls betrunkenen Gefängnisdirektor noch einen speziellen Sinn erlangt. Als ob das noch nicht reicht, treten die Schwestern auf. In seiner Lage gefällt dem Direktor Adeles Gesang und er verspricht, ihr eine Ausbildung zu finanzieren. Rosalinde und Gabriel von Eisenstein klären Missverständnisse auf, und der Advokat mit dem unpassenden Namen Blind kann trotzdem juristische Fragen klären. Urs Mühlethaler in kurzer aber prägender Rolle. So groß auch die Verwicklungen nach durchzechter Nacht sind, sie sind lösbar, schließlich handelt es sich nicht um eine "opera seria". So endet alles in einem grandiosen Schlusschor, den alle, begleitet vom famosen kleinen Orchester, singen.
Auch das stets funktionierende Bühnenbild, das glaubhaft in die Welt sowohl der Vornehmen wie auch der Eingesperrten versetzt, gehört zu dieser stimmigen und in sich geschlossenen Welt der "Fledermaus", wie sie auf der Luisenburg vorgeführt wird.
Seit vielen Jahren gastiert die Operettenbühne Wien regelmäßig auf der Luisenburg. Diesmal erfreut sie das Publikum mit Johann Strauß' "Fledermaus" ... schreibt Hartwig Küspert in der Frankenpost
Beschwingt und getragen vom Vorspiel des bestens eingespielten Orchesters ballettieren drei schwarze Fledermäuseriche über die Felsenbühne. Prinz Orlofsky, der (die) Dekadente (Susanne Fugger), erzählt aus der trostlosen Langeweile seines reichen Lebens: "Worüber soll ich noch lachen?" Und Stubenmädchen Adele (Verena te Best) kehrt kapriziös-kokett die gute Stube auf - alles unter den Teppich.
Das fast voll besetzte Auditorium vor der Naturbühne der Wunsiedler Luisenburg ahnt schon bald, dass es bei Johann Strauß' "Fledermaus" viel zu lachen geben wird; bei der Premiere der Produktion, die seit Donnerstag die Operettenbühne Wien als Gastspiel zeigt, tat es das im folgenden auch reichlich. Heinz Hellweg steigt des Öfteren vom höheren Blödsinn in die Untiefen der Comedy hinab - durchwegs mit Erfolg: Die grundsolide Gesamtleistung bietet zweieinhalb Stunden lang beste Unterhaltung.
Prinzipal Hellberg setzt diesmal auf das Inner-Häusliche und sperrt durch das geschickte Bühnenbild (von Adrian Boboc) die Weite und Bedrohlichkeit der Felsen aus - und die Gesellschaft ein.
Maskerade und Entlarvung
Das hat System und Hintergrund, nicht nur im finalen Gefängnis-Akt: Die Darsteller sind gefangen im Gewirr ihrer Maskeraden und entlarven sich ständig aufs Komischste. Aus den Könnern des Ensembles ragt Erzkomödiant Stephan Paryla-Raky als dauerbesoffener Wärter Frosch noch heraus und lässt auch nicht den blödesten Gag aus. Dass er am Ende den größten Teil des begeisterten Beifalls abbekommt, ist freilich ungerecht: Die Gesangs- und Schauspielkünste seiner Mitstreiter sind durch die Bank aller Ehren wert. Es wird blitzsauber artikuliert und ohne stimmliche Schwächen intoniert, nie steht die Handlung still, die Charaktere kommen, so zweideutig sie auch erscheinen, eindeutig zum Vorschein. Am Schluss verzeiht jeder jedem und schiebt die Schuld auf den Champagner: "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist."
Wenn in all dem auch Gesellschaftskritik á la Wiener Biedermeier stecken soll, so bleibt sie unter besagtem Teppich. Michael Kurz als Eisenstein, Thomas Weinhappel als Dr. Falke, Georg Lehner als Gefängnisdirektor lassen nichts anbrennen, und Hristofor Yonoff als Lehár- und Verdi-erprobter Tenor Alfred sowie Urs Mühletaler als Dr. Blind zeigen, was ein spritziger Männer-Fünfkampf im gehobenen Bürgertum ist. Brillant als Rosalinde: Alexandra Scholik.
Präzise Ensembles, ein einsatzfreudiger Chor, elegantes Ballett und stilsichere Gewänder (Lucia Kerschbaumer) lassen die Aufführung zum dahinschnurrenden Gesamtkunstwerk werden: ohne Tiefsinn, doch von Anfang bis zum Ende ein Genuss.
Wenn nichts geht. Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ geht immer. Das Stück ist ungebrochen eine sichere Stütze im Opernrepertoire, gehört zu den weltweit meistgespielten Opern. Dabei war bei der Wiener Uraufführung 1791 im Theater an der Wien der Erfolg nicht vorauszusehen. Am beliebten Vorstadttheater waren manche Klänge der vielen höchst anspruchsvollen Passagen des Werkes ungewohnt. Der Erfolg kam langsam, dann unaufhaltsam für die Geschichte vom Prinzen Tamino und der Prinzessin Pamina, dem Vogelfänger Papageno und seiner Papagena, der Rache- und funkensprühenden Königin der Nacht oder Sarastro, dem obersten Hüter heiliger Hallen, in denen es bei genauerem Hinsehen weder heilig noch rachefrei zugeht.
Mozarts „Zauberflöte", das ist ein Märchen mit Abgründen, die Hauptpersonen kommen in verzweifelte Situationen, manche wünschen sich sogar den Tod. Am Ende ist die Welt, in der sie leben, keinen Deut anders oder besser, aber zwei Menschen haben jeweils einen anderen Menschen gefunden, mit dem sie ihren Weg durch die Welt gehen, und da spielt die Liebe keine so ganz unwesentliche Rolle. Jetzt hatte „Die Zauberflöte“ in einer Inszenierung der Landesbühnen Sachsen unter der musikalischen Leitung von Michele Carulli in der Regie von Therese Schmidt Premiere auf der Felsenbuhne in Rathen.
Am Ende sind alle Zweifel dahin, die Frage. ob denn das Stück auch mit seinen so sensiblen musikalischen Passagen in diesem Naturambiente funktioniert, ist nach dieser Aufführung positiv beantwortet. Die Akustik dieses einmaligen Theaters in der Felsenschlucht bedarf keiner Verstärkung der Stimmen, alles Natur, grandios die Textverständlichkeit im Gesang und in den Dialogen.
Nicht gänzlich überzeugend ist die Übertragung der Inszenierung auf den Abenteurspielplatz unter freiem Himmel vor der bizarren Felsenkulisse, die im Theater sinnfälliger funktioniert. Therese Schmidt hat einen Traum als Kammerspiel inszenieri, dessen Räume die Fantasie weit eröffnet. Ein junger Mann namens Tamino träumt von Prinzenrolle und Zauberflöte, was in einen Angsttraum mit Riesenschlange im Bett führt und ziemlich eindeutiger Rettungsaktion durch die Zauberkraft der Arme dreier Damen mit Erfahrung in Sachen Befreiung. Mit attraktiver Präsenz, in Spiel und Gesang, gehen Stephanie Krone. Hannah Schlott und Silke Richter gekonnt zu Werke, mit Herzen, Mund und Händen. Zum Problem wird am Ende die Breitwandfassung aber doch nicht, denn auf echte Flammen und einen richtigen Wasserfall müssen wir ebenso wenig verzichten wie auf Gesänge aus schwindelnden Höhen zwischen den Felsen. Das gehört dazu.
Ein großes Kompliment gebührt dem Ensemble der Landesbühnen mit dem verstärkten Opernchor und dem unsichtbaren Orchester. Die Abdeckung der Musiker mag begründet sein, zufriedenstellend ist der indirekte Klang leider nicht. Gesungen wird durchweg auf hohem Niveau. Guido Hackhausen gibt den Prinzen Tamino, seinem Tenor mangelt es nicht an Kraft und schönem Klang. Zart und lyrisch singt Anna Erxleben die Pamina und höchst respektabel bewältigt Christine Poulitisi die Koloraturen der Königin der Nacht mit dramatischer Attacke. Tobias Pfülb singt mit geschmeidigem Bass die Partie des Sarastro. Papageno avanciert im Nu zum konkurrenzlosen Liebling des Publikums. Schöne Stimme, gekonntes Spiel, natürliche Diktion, flott in den Dialogen. Der charmante Vogelmensch mit dem Glockenspiel heißt Norman D. Patzke. Am Ende viel Begeisterung, Bravorufe und Jubel.
Boris Michael Gruhl in der PNN