Erstmals gibt es mit dem LUISENBURGXTRA IM MUSEUMSHOF eine Eigenproduktion im Hof des Fichtelgebirgsmuseums, das im ehemaligen Spital untergebracht ist, „unten“ im historischen Kern der Festspielstadt Wunsiedel. Die Reihe wird mit „Indien“, der Tragikomödie von Josef Hader und Alfred Dorfer, eröffnet
Josef Hader und Alfred Dorfer, die Autoren und Schauspieler der Uraufführung, zählen seit mittlerweile mehr als zwanzig Jahren zu den Inbegriffen der Wiener Kabarett-Szene. 1991 taten sich Dorfer und Hader zusammen und schrieben und spielten das satirische Stück "Indien". Das mit mehreren Kleinkunstpreisen ausgezeichnete und an vielen deutschsprachigen Theatern gespielte Drei-Personen-Stück „Indien“ zählt zum Feinsten, was das Theater in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Unter anderem wird „Indien“ am Staatstheater Stuttgart als Dauerbrenner seit mehr als 5 Jahren gespielt.
DER SPIEGEL etwa urteilte, es sei ein „Wunderwerk des komischen Schreckens“, wie es sich „sonst nur noch Helmut Qualtinger und Thomas Bernhard in einer gemeinsam durchsoffenen Nacht“ hätten ausdenken können! Die Neue Zürcher Zeitung beschrieb Indien als „Witzig, derb, rührend, aber auch erschreckend ehrlich“.
1993 wurde unter der Regie von Paul Harather diese „zum Brüllen komische Arie vom lausigen Leben und kläglichen Sterben des armen Mannes“, dieses „Volksstück in der Nachfolge von Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz“ (Filder-Zeitung Stuttgart), wie bei der Uraufführung mit den Autoren in den Hauptrollen, verfilmt. Auch dieser Film wurde mehrfach ausgezeichnet. Inzwischen gibt es mehrere „nicht-österreichische“ Fassungen und Übersetzungen ins Englische, Französische, Ungarische und Flämische.
Das Schicksal führt in diesem Stücks zwei Protagonisten zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht seien können. Von Amts wegen müssen der Bier trinkende, derb-bodenständige, aber eigentlich schweigsame Schnitzelesser Heinz Bösel und der sehr auf seine Ernährung achtende, asketisch-abgehobene und von fernöstlicher Philosophie bewegte Schnösel Kurt Fellner gemeinsam unterwegs sein um touristische Gastwirtschaften auszutesten.
So konträr sie sind, so wenig können sie sich ausstehen. Sie wissen nicht miteinander umzugehen, sie ignorieren sich, versuchen dann doch das Gespräch zu finden und geraten in Streit. In diesen Nicht-Dialogen schwadronieren sie ungeniert übers Fressen, Saufen, über Frauen und über das Leben. So entsteht eine sehr eigenwillige Beziehung zwischen den beiden.
Durch einen Schicksalsschlag verändert sich die Situation radikal. In dieser plötzlichen Todesnähe bemerken sie, dass sie nichts auf der Welt haben, außer einander. Aus einer grenzenlosen Abneigung ist für beide ein emotionaler Rettungsanker entstanden. „Indien“ ist eine Tragikömödie, wie sie dieser Bezeichnung wohl nur selten gerecht wird, über die zwei wohl „sympathischten Unsympathler“ (Wiener Kurier) die jemals auf einer Bühne gestanden haben. „Echt tragisch. Auch wenn wir die ganze Zeit g´lacht ham wie blöd.“ (Stuttgarter Zeitung).
So komisch und tragisch ist selten ein Stück - auch wenn vielleicht Tragikomödie drüber steht. In "Indien" geht's derb zu, sarkastisch, bitterböse, makaber und auch schon mal todernst; aber es gibt auch unendlich viel zu lachen. Dafür sorgt der Text von Josef Hader und Alfred Dorfer, deren Stück zwei Prachtexemplare der Spezies Mann genauestens und selbstironisch unter die Lupe nimmt. Zahlreiche Preise hat es schon erhalten, wird an vielen deutschen Theatern gespielt und ist auch schon ins Englische, Französische, Ungarische und Flämische übersetzt worden. Im idyllischen Hof des Fichtelgebirgsmuseums Wunsiedel kommt es bairisch daher.
Dafür, dass es viel zu lachen gibt, sorgen auch die exzellenten Schauspieler Johann Anzenberger und Gerhard Wittmann - beide beliebte Mitglieder des Luisenburg-Ensembles - in der aufmerksamen und pointensicheren Regie von Christoph Zauner. Ergänzt wird das Ensemble auf der von Jörg Brombacher mit einfachen Mitteln gestalteten Bühne durch Berthold Kellner als Wirt, Arzt und Priester und durch Lesley Jennifer Higl als Bedienung und Krankenschwester (Kostüme: Anja Gil Ricart).
Anzenbergers und Wittmanns Zeichnung der gegensätzlichen Charaktere von Kurt Fellner (später Kurtl genannt) und Heinz Bösel (Heinzi; Ähnlichkeiten mit dem BR-Comedy-Duo "Heinzi und Kurti" sind sicher beabsichtigt) passt bis aufs i-Tüpfelchen. Fellner ist der intellektuelle, asketisch-abgehobene, fernöstlich orientierte, indische Lebensart zitierende, stets überpingelige und -kritische Müsli-Esser und Bösel der handfeste, derb-bodenständige, wortkarge Biertrinker. Darüber, wie sie etwas sagen, aber viel mehr noch darüber, wie sie etwas nicht sagen, amüsieren sich die Zuschauer köstlich.
Auf ihrer gemeinsamen Tour als staatliche Gastronomie-Tester arbeiten und reden die beiden zunächst aneinander vorbei: Der eine faselt von Völkerwanderung und Gesellschaftsspielen, der andere lässt sich Schnitzel in den verschiedensten Variationen schmecken und zockt den Kollegen genüsslich beim Kartln ab ("Hamm Sie ein Glück in der Liebe!"). Probleme mit Frauen bringen sie schließlich doch ins Gespräch, schweißen sie zusammen. So eine Unterhaltung allerdings kann, zumal wenn Brösel die Argumente ausgehen und wenn eine Flasche Sechsämter im Spiel ist, auch schon mal verstörend handgreiflich werden.
Das Stück spielt mit Klischees - dem von Männer-Freundschaften etwa oder dem der weit verbreiteten Sprachlosigkeit der Männer, wenn es Gefühle geht. Und die Zuschauer freut's narrisch, wenn sich die beiden näher kommen; die endgültige Verbrüderung geschieht fast folgerichtig des Nachts vor dem Klo und geht mit einer veritablen Liebeserklärung von Heinzi daher: "Sie sann der einzige Mensch seit meiner Mutter, neben dem i hab scheinßn kenna. I bin der Heinzi." Dazu flöten Klarinette und Akkordeon aus dem Lautsprecher "What a Wonderful World" (Musik: Hubertus Krämer). Satire pur.
Doch Heinzi meint es ernst. Als Kurtl einen massiven Schicksalsschlag hinnehmen muss, ist er der einzige, der bei ihm bleibt und ihn - sprachlos aber rührend - mit Erdbeeren ("tiefgefroren - wie frisch") versorgt. Ach ja, und warum heißt das Stück jetzt "Indien"? - Des miassns scho selber schaua.
"3, 2, 1 ... Bussi!" Schon die Art, mit der dieser Fellner seiner Freundin eine Nachricht auf dem AB hinterlässt, ist nervtötend. Und dann dieses ständige Schlaubischlumpf-Gequatsche. Der Bösel kann den Burschen nicht leiden. Er würde ihm am liebsten das Maul stopfen. Blöd nur, dass die beiden zusammenarbeiten müssen. Tag für Tag für Tag für Tag. Am Ende wird der eine sterbend in den Armen des anderen liegen.
"Indien" heißt die zum Brüllen komische und zum Heulen traurige Geschichte einer Freundschaft, geschrieben 1991 von den österreichischen Kabarettisten Josef Hader und Alfred Dorfer, zwei Jahre später mit ihnen verfilmt. Am Donnerstagabend hatte "Indien" bei "LuisenburgXtra" im Innenhof des Fichtelgebirgsmuseums Premiere, in der kleinen Zweigstelle der großen Festspiele. Die Inszenierung von Christoph Zauner geriet zum Triumph, was vornehmlich der Verdienst der beiden Hauptdarsteller ist.
Gerhard Wittmann spielt den robusten Heinz Bösel, Johann Anzenberger verkörpert den aufgekratzten Kurt Fellner. Der eine kippt Bier und Schnaps, der andere süffelt lieber O-Saft und Bananen-Frappé. Beide sind im Auftrag der Staatsregierung kreuz und quer durch Bayern unterwegs, um Hotels und Gaststätten zu testen: Zimmer, Böden, Duschen, Saunen, Schnitzel, Gulaschsuppen - alles kommt auf den Prüfstand.
Bösel ignoriert den Fellner so gut es geht, der Neunmalkluge hingegen bemüht sich übereifrig, mit dem stoffeligen Kollegen ins Gespräch zu kommen. Die Spannungen zwischen den Außendienstlern wachsen, als ein Schmalzbrot in Fellners Gesicht landet und Bösel den Fellner später im Suff über den Biergartentisch wirft, um an ihm eine ruppige Variante des ehelichen Koitus zu simulieren. "Sie sind ein deppertes, ignorantes Arschgeigerl", schimpft Fellner. Nichts aber verbrüdert Männer so schnell wie der Ärger über die Frauen: Als Fellner mitbekommt, dass seine Freundin ihn betrügt, braucht es nur ein paar Schnäpse. Dann wird der Wirt gedemütigt, und durch eine Klotür hindurch entsteht später zwischen den beiden Beamten eine Freundschaft. "Herr Fellner", klingt es von der Schüssel, "Sie sind der erste Mensch seit meiner Mutter, neben dem ich hab sch****n können." Wie romantisch.
Im zweiten Akt kippt die Stimmung des Stücks, wird aus brachialer Komik bitterer Galgenhumor. Der Kurti hat sich im Unterleib "ein Plankton oder so was" eingefangen. Der Heinzi besucht ihn im Krankenhaus, und der Kranke tröstet den Gesunden: "Der Tod, des hoaßt nix. Des is wie Umsteigen in Passau". Das Ende des Stücks geht an die Nieren, vor allem, weil es sich vom Film unterscheidet: Kein Banane essender Inder auf der Parkbank, der dem Bösel den Glauben an die Reinkarnation und damit Trost schenkt.
Ja, "Indien" wurde aus der österreichischen Provinz in unsere Gefilde verlegt, der Wiener Schmäh durch das etwas rustikalere Bayerisch ersetzt - und es funktioniert. Vor allem deshalb, weil die überaus derben Texte von Hader und Dorfer nichts verloren haben und die Figuren auch diesseits der Alpen funktionieren. Das können sie nur, weil Anzenberger und Wittmann mit jeder Faser bei der Sache sind, ihre Rollen nicht als Parodien anlegen, sondern zum Kopf auch das Herz benutzen. Vor ihrer Leistung muss man den Hut ziehen. Ganz allein sind die beiden dennoch nicht: Berthold Kellner, bekannt durch das Oberpfalztheater, ist im Stück als debiler/masochistischer Wirt, Arzt und Priester zu sehen, Regieassistentin Lesley Jennifer Higl taucht als Bedienung und Krankenschwester auf.
Bleibt noch die gelungene Musik zu erwähnen, die von Hubertus Krämer eigens für das Stück eingespielt wurde: "Road to nowhere" von den Talking Heads, "L'uomo dell'armonica" (Das "Lied vom Tod"), "Also sprach Zarathustra", "All you need is love" oder das "Hotel California" von den Eagles - kleine klingende Kommentare als Sahnehäubchen. Unbedingt anschauen!
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