Wild und anarchisch wie alle „richtigen“ Märchen ist „Peer Gynt“, das Sie mitnimmt auf eine spannende Reise in die innere und äußere Welt eines jungen, unbändigen Menschen. Spielerisch werden in „Peer Gynt“ immer wieder die Grenzen zwischen Realität und Phantasiewelt überschritten, ganz so wie die Hauptfigur es tut, denn Peer ist ein hin- und mitreißender Geschichtenerzähler. Man wehrt sich gegen die Faszination, die von ihm ausgeht, indem man ihn als „Lügner“ abgestempelt. Damit hat Peer Gynt aber in der Enge und Engstirnigkeit seiner Heimat keine Chance mehr und tut es seinem Autor (und uns) gleich und flieht. Peer Gynts (Lebens-) Reise beginnt in Ibsens Heimat im hohen Norden, führt ihn bis ins phantastische Reich der Trolle und ins exotische Afrika und endet nicht einmal im Irrenhaus, sondern wirft ihn wieder auf sich selbst zurück. Wie sich bei der "Inventur“ herausstellt, endet die rastlose Flucht Peers vor sich selbst im Bankrott. Vor lauter Rollenspiel hat er nicht zu sich selbst gefunden, gilt damit als „mißlungener Guß“, den umzuschmelzen zu einem neuen Versuch der Knopfgießer – die nordische Version des Boandlkramers – den Auftrag hat.
Peer Gynt ist wie Faust ein Glückssucher, durchstreift die „kleine und die große Welt“, aber er ist weniger der grübelnde Wissenschaftler als das „verhaltensauffällige“ Kind, das, wie Michel aus Lönneberga, „stets das Gute will und stets das Böse schafft“. Peer zieht daraus aber nicht die richtigen Schlüsse, er lernt nichts – er kann und will nicht „erwachsen“ werden.
"Peer Gynt" · Ein dramatisches Gedicht von Henrik Ibsen
Übertragung von Christian Morgenstern Musik von Edvard Grieg
Peer Gynt : Bastian Semm
Åse, seine Mutter: Christine Nonnast
Solvejg: Caroline Hetényi
Trollkönig: Peter Kaghanovitch
Trollprinzessin: Barbara Macheiner
Anitra: Ina Meling
Knopfgießer: Adolf Adam
Schmied Aslak: Jan-Hinnerk Arnke
Bräutigam Mads Moen: Matthias Lehmann
1. Akt
Der Haegstadbauer: Peter Kaghanovitch
Die Eltern des Bräutigams: Adolf Adam, Gerd Lohmeyer
ein Bursche: Holger Matthias Wilhelm
zwei Mädchen: Barbara Macheiner, Michael Boettge
Solvejgs Eltern: Uschi Reifenberger, Günter Ziegler
2. Akt
Ingrid: Ina Meling
Saeterinnen: Michael Boettge, Gerd Lohmeyer, Holger Matthias Wilhelm
Hoftroll: Matthias Lehmann
Trollschergen: Jan-Hinnerk Arnke, Holger Matthias Wilhelm
der Krumme: Günter Ziegler
Vogel: Matthias Lehmann
3. Akt
Kåri: Uschi Reifenberger
4. Akt
Peer Gynt : Bastian Semm, Michael Boettge, Peter Kaghanovitch, Matthias Lehmann, Gerd Lohmeyer
Monsieur Ballon: Peter Kaghanovitch
Herr von Eberkopf: Matthias Lehmann
Herr Trumpeterstraale: Michael Boettge
Master Cotton: Gerd Lohmeyer
Chor der Mädchen: Uschi Reifenberger, Barbara Macheiner
Affe: Barbara Macheiner
Schalmei-Spielerin: Anna Rettinger
Sphinx / Prof. Dr. Begriffenfeldt: Gerd Lohmeyer
Fellah: Holger Matthias Wilhelm, Jan-Hinnerk Arnke
Hussein: Peter Kaghanovitch
5. Akt
Kapitän: Jan-Hinnerk Arnke
Koch: Holger Matthias Wilhelm
Pfarrer: Gerd Lohmeyer
Der Magere: Michael Boettge
Regie: Christian Nickel • Bühne: Peter Engel • Kostüme: Anja Müller
Regieassistenz: Anna Katharina Rettinger • Inspizienz: Günter Ziegler • Souffleuse: Elisabeth Hausser • Maske: Andrea Pavlas (Chefmaskenbildnerin), Denise Opheim, Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin), Günther Biank (Herrengewandmeister), Brigitte Jerger (Gewandmeisterin), Kristin Hoyer, Berit Langer, Kerstin Schusser, Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Werkstatt), Petra Andrea Bachmayer (Assistentin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister), Julia Hahn (Micorports) • Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Johann Geiger, Sergej Reider, Reinhard Werner, Ralf Winklmüller, Yehia Yehia • Technische Leitung: Jörg Brombacher
Die Dekoration wurde in den Werkstätten des Pfalztheaters Kaiserslautern gebaut • Wir bedanken uns bei Frau Anita Aichinger für die dramaturgische Mitarbeit.
Premiere am 17. Juli 2009 • keine Pause • Aufführungsdauer ca. 2 ½ Stunden
„Peers Reise in die nacht macht Wunsiedel eine Reise wert" meint Christian Bubenheim im NORDBAYERISCHEN KURIER.
Die gewaltige Naturbühne ist ein idealer Schauplatz für das von Christian Morgenstern übertragene Versdrama „Peer Gynt" von Henrik Ibsen. Die Wunsiedler Premiere des Regisseurs Christian Nickel nimmt ihren Lauf, als das Licht der untergehenden Sonne die waldige Felsenkulisse in goldenes Grün taucht.
„Peer Gynt“ lebt vor allem von Abwechslung, was dem Regisseur mit farbenprächtigen Szenen, den Schauspielern mit energetisch-emotionalem Spiel gelingt, die trotz der trockenen Freiluftakustik laut und verständlich artikulieren, verlorene Zwischentöne mit lebendiger Mimik und Gestik kompensieren. Peer erfährt als Außenseiter Mobbing in typischer Dorfatmosphäre, wobei die Aggression und Empörung der Dörfler unterhaltsam selbstironisch gestaltet ist. Den Schmied Aslak spielt Jan-Hinnerk Arnke in herrlicher Stumpfheit, wenn er mit seinem Hammer aufschlägt und martialisch „Schmied" ruft, um Peer Angst einzujagen. Ebenso unterhaltsam ist der Bräutigam Mads Moen alias Matthias Lehmann in seiner Naivität. Wenn Peer auf seiner Reise in den Norden drei dümmliche Säterdirnen (Michael Boettge, Gerd Lohmeyer, Holger Matthias WilheIm) in Travestie trifft, die ihn in rosa Kleidchen samt Puschen mit verzerrten Teletubby-Stimmen verlocken wollen, fühlt man sich unvermittelt an die drei Nixen im „Rheingold" erinnert.
Während die Trollprinzessin Barbara Macheiner ihr keckes Spiel frech mit Peer treibt und der großklötige Trollkönig Peter Kaghanovitch den Blondschopf ordentlich einschüchtert, wuseln die Trollschergen Jan-Hinnerk Arnke und Holger Matthias Wilhelm irrwitzig und niemals innehaltend umher und laden zum wurstigen Troll-Buffet. Die Prinzessin trötet Griegs Bergkönig-Melodie, die Orchestermusik ertönt kurz aus der Konserve, eine Diskokugel schwebt herab und die Schergen beginnen einen Rap, dessen Beats aus Rülpsen, Grunzen und Furzen bestehen. Es ist vulgär und komisch, bis die Stimme in der Finsternis, genannt „der Krumme“ (Günter Ziegler), irritiert stimmungsvoll mit verzerrten Gitarrentönen in Texas-Look auftaucht, wie als Personifikation des Kontrast-Prinzips des Stücks: Peers Mutter Åse liegt im Sterben. Christine Nonnast verkörpert sie zu Beginn noch als kämpferische, lustige und lebensfrohe junge Mutter, die jetzt von Peers Geschichten in den Tod getröstet wird. Es geht bergab.
Als sich Peer als erfolgreicher Handelsherr versucht, mit Kollegen in Smoking und weißem Schal vor einer aufgespannten Europakarte tanzt, bei Schampus und einem „Yes we can!“ auf seine Erfolge anstößt, wirkt er deplaziert, und das wird er. Geldgier und Imperialismus finden ihr Ende im Verlust seines Schiffs. Er erlebt seine persönliche Wirtschaftskrise. Mit dem Auftritt eines Schimpansen und eines Zwei-Mann-Elefanten, dem die Kopfmaske abgerissen wird, wird das Affentheater der Wirtschaftsgrößen durch gekonnte Verfremdung entlarvt. Peers Absturz ist vorprogrammiert. Da hilft auch kein Staat.
Peer wird Prophet und landet im Irrenhaus. Ein perfekt abgestimmtes Sprechduo (erneut Wilhelm und Arnke) mimt den Fellah und erzählt die Geschichte um König Apis. Zugleich Prof. Dr. Begriffenfeldt und Sphinx geigt Gerd Lohmeyer Smetanas „Moldau“, erscheint wie Einstein aus Dürrenmatts „Physikern“. Peers Trollkönig und -prinzessin kehren in Wüstengewändern wieder. Dada perfekt.
Die Landkarte wird zum Segel, es geht endlich heim, doch Peer hat längst weißes Haar. Er begegnet surrealen Gestalten wie dem Mageren (Michael Boettge) oder dem Knopfgießer (Adolf Adam), der ihm eindrucksvoll die Fehlerhaftigkeit seiner Existenz demonstriert, ihn mit einem Knopf ohne Ösen gleichsetzt, ihn neu gießen will. Peer erkennt sich selbst nicht wieder und auch der Schmied und der Bräutigam, selbst gebrochen, erkennen ihn nicht. Die Retardierung ist ernst und zäh, aber das muß sie auch. Sie zwingt den Zuschauer zum Mitleiden. Zum Stillsitzen. Zum Nachdenken.
Nach einer viel zu kurzen Stille applaudieren einige und reißen alle mit aus ihrer Lethargie. Die Leistung der Schauspieler war beeindruckend. Bastian Semm wurde während der gesamten Spieldauer nicht müde, die Rolle dem Publikum glaubwürdig zu vermitteln. Es gelang ihm, die tragische Entwicklung eines romantischen Helden zu vermitteln, der nur reist, weil er immer auf der Flucht vor sich und seiner Lebenslüge ist. Es war ein Spiel ohne Pausen, musikalische Einlagen und Schauspiel originell kombiniert. Wunsiedel ist spätestens jetzt eine Reise wert.
Im RHEINISCHEN MERKUR war am 30.7.09 zu lesen:
Zwar hat Christian Nickel, bekannt als Schauspieler an der Wiener Burg, das überbordende Stück geschickt gekürzt und der Naturbühne integriert, dennoch zeigen sich gegen Ende Längen. Seine Inszenierung gibt das Werk als buntes Volkstheater, dessen epischer Charakter deutlich wird. Immer wieder verweist er auf die geduldig ihren Peer erwartende Solvejg. Erstaunlich die immense Spielfreude des Ensembles, in dem der dafür mit dem Rosenthal-Nachwuchspreis ausgezeichnete Bastian Semm in der Titelrolle hervorragt. *****.
Daß die Luisenburg-Umsetzung von „Peer Gynt" durch „gute Darsteller, außergewöhnliche Kostüme und absurden Humor" überzeugt beschreibt Stefan Fössel in der BAYERISCHEN RUNDSCHAU (Bayreuth) unter dem Motto: „Verrückte werden plötzlich normal":
In Traumwelten erscheint vieles leichter. Peer Gynt denkt sich eine schönere Welt, weil ihm die wirkliche wenig zu bieten hat. Vom Familienbesitz ist kaum was geblieben, die Dorfbewohner grenzen ihn aus, und obwohl er eigentlich einen Schlag bei den Frauen hat, weiß er nichts draus zu machen und ruft stattdessen: „Hol' die Pest euch Weiber alle." Also träumt er sich's anders, überzeugt vom Unmöglichen „Trau mir nur und wart nur zu, bis das ganze Dorf ich ehr': König, Kaiser will ich werden." Und so begibt sich der Norweger auf eine Odyssee, die ihn weg von der geliebten Solvejg (Caroline Hetényi) führt zu Trollen, nach Afrika und ins Irrenhaus! Solvejg muß die meiste Zeit des Stücks Schatten tanzend auf ihren Geliebten warten. Und doch war sie es, die Peer mit ihren absoluten Ansprüchen davongetrieben hat, um ihn am Ende in einer Gretchen-gleichen Szene zu erlösen.
Bastian Semm gibt einen guten Peer, mal kindlich-verträumt, mal pubertär-anarchischer Naturbursch, am besten aber alt und ganz unten, grau, bucklig und melancholisch, der in der Zwiebelszene feststellen muß, daß sein Leben „nur Schalen, keinen Kern" hat. Großartig auch ein Gerd Lohmeyer, der fünf Rollen auszufüllen vermag, vom schrulligen Brautvater über den denglischenden Master Cotton bis zum irren Irrenarzt BegriffenfeIdt, der Peers Paß verspeist und verkündet: „Die bisher verrückten Persönlichkeiten sind seit gestern normal geworden. Dem steht Peter Kaghanovitch nicht nach, der vor allem als bizarr-philosophischer Trollkönig überzeugt. Indes scheinen die Felsen der Luisenburg wie geschaffen für die Darstellung einer nordischen Landschaft, da braucht es wenig Veränderungen am Bühnenbild, da ein rostiges Blech, dort bespannte Latten als Gynt'sche Behausung. Um die Dekoration (gebaut in den Werkstätten des Pfalztheaters Kaiserslautern) muß einem auch nicht bange sein, wenn der herrlich fiese Schmied (Jan-Hinnerk Arnke) immer wieder wild mit dem Hammet um sich schlägt. Spannend allerdings die Frage, wie aus dieser Felsenlandschaft im vierten Akt ohne Umbaupause marokkanische Wüste werden soll. Die Lösung ist genial einfach. Aus einer Luke wird eine zehn Meter breite Leinwand hochgereicht, die sich zur Afrika-Karte entfaltet, vor und auf der die Szene spielt. Später kippt man die Karte und sie wird zum stürmischen Meer, das Peers Schiff zum Kentern bringt. Die Kostüme kommen zunächst eher klassisch daher, Tracht dominiert das Bild – vor dem Auftritt der Trolle, die wirken wie „Körperwelten"-Exponate mit durcheinandergeratenen Riesengenitalien. „Die Menschheit ist ein merkwürdig Ding", sinniert da der Trollkönig, während ihm sein Gemächt bis zu den Waden baumelt. Seine Tochter (Barbara Macheiner) macht sich derweil lüstern züngelnd und gierig grunzend an Peer heran, der ihr ein Trollkind zeugt. Das ist dem König gerade recht, denn „mit uns geht es die letzten Jahre ohnehin bergab". Als eine Art Country-Punk kommt dann der „große Krumme" daher und läßt zu seinen sonoren Worten die E-Gitarre singen.
Am Ende erntet das Ibsen-Stück in der Übertragung von Christian Morgenstern zu Recht viel Applaus: Das ist den guten Darstellern und der Inszenierung von Christian Nickel zu danken. Die teilweise doch recht schwere Kost ist mit viel absurder Komik und überraschenden Ideen gewürzt, ohne das dramatische Gedicht unnötig zu verflachen. So ließe sich mit dem Irrenchor schließen: „Hervor aus eurem Labyrinth, die Vernunft ist tot, es lebe Peer Gynt."
„Zum Teufel mit den Träumen" überschrieb Michael Thumser seinen Bericht über „Peer Gynt" in der FRANKENPOST:
Lügen die Dichter? Täuschen sie ihre Nächsten, indem sie Geschichten ersinnen? Wenn sich Peer Gynt wunderbare Abenteuer ausdenkt, ist er kein Schwindler, höchstens ein Gaukler, ein begnadeter Erzähler, der seine Mutter fabulierend in atemlose Spannung versetzt. Und in Rage bringt: Denn mit seinem Jägerlatein versteigt er sich in allzu verrückte Unglaublichkeiten. „Du lügst, Peer" schreit sie, und die andern im Dorf schreien es auch, gleich zu Anfang des Dramas. So erleidet er das Geschick so manches Poeten: Man nimmt ihn nicht ernst. Nur Peer, so scheint es, glaubt noch an Peer.
Weltflüchtiger Traumtänzer oder krimineller Lügenbaron? Henrik Ibsen, ein Dichter, der nichts von Lügen hielt, schickt seinen Peer Gynt durch eine fünfzigjährige Abenteuerreise durch ein sinnloses Leben. Auf der Luisenburg, wo das Schauspiel - als ungewöhnliche Mixtur aus Volksstück, Märchenkomödie, Ideendrama, Mysterienspiel – zu sehen ist, dauert dies Leben zweieinhalb Stunden: Lang applaudierte das Publikum nach der bunten und vielfach burlesken, auch strapaziösen Premiere. Am Ende bleiben viele Fragen offen: Ibsen selbst verstellt dem Zuschauer den Durchblick oft genug und hat das episodenreiche, von Figuren überbordende, von Schauplatz zu Schauplatz springende Stück vielleicht nicht so sehr der Bühne wie dem Leser zugedacht – ein „dramatisches Gedicht" für das Theater im Kopf.
Von Träumen handelt die Geschichte; wie in Bildern des Rauschs ereignet sie sich auf der Luisenburg, oft schwer verständlich (auch akustisch), verwirrend, heterogen. Erzählt wird „aus dem Leben eines Taugenichts". Den entwirft Ibsen, anders als sein deutscher Kollege Eichendorff, nicht als reinen Tor, sondern als Draufgänger mit Neigung zur Gewissenlosigkeit. Zwar zum Dichter geboren, erfindet der Titelheld sein Leben doch nicht wie ein Poet, sondern fälscht es wie ein Betrüger: Er geht sich selbst auf dem Leim.
Seine Weltformel: „Kaiser will ich werden." Die Mitmenschen stoßen den Selbstsüchtigen von sich; bei den Berggeistern könnte er König werden; zum Fürsten der Sklavenhändler bringt er's in der Sahara; in Kairo machen ihn Irre zum Kaiser (eine zentrale Szene, die in Wunsiedel ungenutzt verstreicht). Peer, der sich selbst sucht, verirrt und verliert sich zwischen Verlockung und Lüge der Welt.
Auf der Naturbühne ist er glänzend getroffen. Bastian Semm erfindet mit soviel Natürlich- wie Kunstfertigkeit den amoralischen Helden nicht als blonde Bestie, sondern als vitalen Kraftkerl. Die Herausforderung seiner Rolle – durch fünf Lebensalter immer derselbe zu sein – besteht er mit Ökonomie und Kondition. Noch in grellsten, in schwärzesten Momenten bleibt er das unbeschriebene Blatt des allerersten Beginns. Dort, im Eingangs-Wortgefecht mit Ase, seiner patenten Mutter (Christine Nonnast, leidgeprüft, doch resolut), bekundet sich in ihm der Sucher, nicht der Versucher; selbst in Augenblicken zynischen Triumphs oder fataler Selbstvergessenheit wird er ein verzweifelter Experimentierer bleiben, der Lebensmöglichkeiten ausprobiert.
Jene Chancen und Optionen erschließen sich auf Peter Engels Bühne und in Christian Nickels Inszenierung indes nur zum Teil. Schon in den beiden ersten Akten leuchtet nicht immer ein, welche der - oft amüsant schrillen - Figuren für welchen Aspekt der Biografie steht. Folkloristisch „harthändig" nimmt sich das erste Drittel noch aus, das den Helden aus waldiger Oberwelt ins unterirdische Reich diabolischer Trolle mit gigantischen Genitalien führt (Kostüme: Anja Müller, Maske: Andrea Pavlas). Dort regiert der famose Peter Kaghanovitch lachend grausam über ein Kleinimperium, darin Männer (die Herren Arnke, Wilhelm und Boettge) die Frauenrollen übernehmen, was die Groteske deftig steigert. Auch der Mittelteil des Spiels, das sich vor einer ausgespannten Afrika-Landkarte im Surrealen auflöst, kann man sich gefallen lassen. Was an Verständnis in den Wortwasserfällen untergeht, findet sich aufgewogen durch den irren, auch schon mal überspannten Spaß an Anarchie und Rummel: Theater des Absurden.
Doch ziehen schon jene Szenen allzu unvermittelt vorbei; Zusammenhänge erschließen sich nur dem, der sich zuvor mit dem Stoff anderweitig vertraut gemacht hat. Im Schlussabschnitt dann, wo Ibsen den humanistischen Kern herausschält – „Zum Teufel die Träume" und „Mensch, sei du selbst" –, geht der Faden verloren. Immerhin erkennt, wer auf der Luisenburg zuvor den „Brandner Kaspar" sah, im herrlich herben Adolf Adam als Knopfgießer einen nordischen Ahnherrn des Boandlkramers. Auf- und Erlösung spendet Caroline Hetényi mit anrührender Melancholie: Als Solvejg singt sie ergreifend und tritt insgesamt als makelloses Mädchen auf, „um das herum es wie Sonntag ist" – ein unbeschriebenes Blatt, sie erst recht. Den Kopf in ihrem Schoß, findet Peer, der flunkernde Taugenichts, sterbend die Wahrheit: Sein Leben erfüllt sich, weil sich Solvejgs Glaube an ihn, ihre Liebe zu ihm, ihre Hoffnung auf ihn bestätigt. Der Dichter Eichendorff fand dafür die Formel: „Und es war alles, alles gut." Gilt sie auch hier?
In DER NEUE TAG (Weiden) gibt es weitere Bilder und schreibt unter dem Titel „Prophet, Verbrecher, Trinker, Bergtroll" über Ibsens Drama „Peer Gynt" auf der Luisenburg:
Einem Traum mit märchenhaften Szenen und alptraumhaften Phasen, einer abstrusen Mischung aus Realität und Wahnsinn gleicht die „Peer Gynt"-Inszenierung von Christian Nickel auf der Luisenburg. In seiner dritten Arbeit für die Fichtelgebirgsbühne in drei Jahren beweist der Regisseur beste Kenntnisse der Möglichkeiten, die er hinreißend nutzt, um mit sparsamen Mitteln seine Zuschauer in norwegische Berge, in die bemooste Felsenwelt der Trolle, des orientalischen Nordafrikas oder in eine Nervenheilanstalt von Kairo mitzunehmen.
Die nicht ausverkaufte Premiere am Freitag zeigte, dass dieser dramatische Henrik-Ibsen-Abend hoher Schauspielkunst in Versen auch vom Publikum Ausdauer erfordert: Zweieinhalb Stunden dauert der wüste Lebensweg des Peer Gynt, der 1876 in Oslo uraufgeführt wurde und in Wunsiedel kraftvoll ungestüm von Bastian Semm verkörpert wird.
Sehenswert sind die Bezüge des Regisseurs auf seinen "Faust" 2007 und seinen "Räuber Hotzenplotz" 2008 auf der Luisenburg sowie auch auf andere Meisterwerke unserer Zeit: In der ergreifenden Sterbeszene von Mutter Åse, in welcher ihr Gitterbett auch Schlitten und Kutsche für die allerletzte Reise wird, sind die Parallelen zu Stefan Herheims Bayreuther „Parsifal" unübersehbar. Als Ase hinterlässt Christine Nonnast zwar sprachlich tiefe Eindrücke, doch wirkt sie in Gestalt und Bewegungsabläufen eher wie die Schwester des Protagonisten, nicht wie die alte Mutter.
Der allerorten strapazierte Vergleich Peer Gynts mit Goethes Faust scheint unglücklich gewählt: Bei seiner egozentrischen Suche nach sich selbst hinterlässt der ungebildete Bauernsohn eine breite Spur an Zerstörung. Ungezähmt wie ein Tier agiert dieser Rüpel beim brutalen Brautraub der Ingrid (Ina Meling), seinen Alkoholexzessen und Sexorgien. Mit hoher Schauspielkultur meistert der siegfriedblonde Lausbub Bastian Semm textklar die riesigen Anforderungen, doch die leisen Töne – der Ernst des Lebens – kommen zu kurz. Da hilft auch nicht das (bis in den Zuschauerraum hinein) duftintensive Zerpflücken einer Zwiebel, um des „Pudels Kern" zu erforschen.
Aus der dazugehörigen Suite des Komponisten Edvard Grieg sind nur einzelne Musikfetzen vom Band zu hören. Das Deklamieren der dramatischen Verse, das Bewältigen einer nicht enden wollenden Wortflut steht im Vordergrund. Den krassen Ortswechsel von Norwegen nach Nordafrika versucht Nickel durch die Festspielfanfare und eine angedeutete Theaterpause erträglich zu gestalten, und eine große Stofflandkarte nach dem guten alten Diercke-Schulatlas zeigt, wo es langgeht, dient dem „Helden" später als Kaisermantel.
Neben aller Schicksalsschwere kommt die Würze von den hervorragend besetzten Nebenrollen: Gerd Lohmeyer überzeugt sowohl als verführerische Saeterin wie auch als Gentleman Master Cotton. Uschi Reifenberger schmettert christliche Lieder zu unsittlichen Situationen, und Peter Kaghanovitch (vor zwei Jahren Nickels „Mephisto") sorgt für Gänsehauteffekte als unheimlicher Trollkönig, der mit seinen Schergen von Anja Müller in skurrile Nacktkörper-Kostüme gesteckt wurde.
Mit dem Knopfgießer (Adolf Adam) schlägt das Stück am Ende die Brücke zum Luisenburg-Boandlkramer. Auch der norwegische Todesbote lässt seinem Opfer noch Zeit, sich zu besinnen, bevor er den Fehlguss Gynt wieder in der Masse einschmelzen wird. Doch zuvor kehrt der Ergraute in die Arme seiner gretchenhaften Solvejg (Caroline Hetényi) zurück.
In „www.nachkritik.de" schreibt Georg Kasch und der Titel „Trolle, Schweinemenschen und ein silberner Elefant" über „Peer Gynt":
Was hat dieser Peer eigentlich falsch gemacht? Wie er so über die felsige, waldige Naturkulisse der Luisenburgfestspiele Wunsiedel jagt, engergiegeladen, kraftvoll, blond, mit wildem Übermut, er dann in sich hineinlauscht und dort eine fantastische Geschichte findet, wie er sich damit trotzig zu behaupten versucht, scheitert und trotzdem die Frauen immer wieder fesselt, fasziniert er als ein wankelmütiger, aber allemal interessanter Sympat, dem hin und wieder die bürgerlichen Sicherungen durchbrennen.
Zweieinhalb Stunden lang füllt Sebastian Semms kraftvoller Träumer und sensibler angry young man die riesige Naturbühne, und lange wünscht man dem Flausenkopp mit Hang zum Hochmut aus ganz uneigennützigen Gründen ein schnelles Glück in Solveigs Schoß und nicht nur, weil man nicht mehr sitzen kann. Damit hat Christian Nickels Inszenierung von Henrik Ibsens „Peer Gynt"... schon mal eine Grundvoraussetzung des Volkstheaters erfüllt: die Identifikationsmöglichkeit.
Und auch sonst lässt er wirkungsvolle Geschütze auffahren, um die nicht eben unkomplizierte Geschichte um den Brauträuber, Liebenden, Sklavenhändler, Egoisten und Scheiternden, mit dem Ibsen 1867 seinen Landsleuten den Spiegel vorhielt, bildreich und handfest in Szene zu setzen. Der Schmied Aslak schwingt seinen Vorschlaghammer und drischt auf alles ein, um seine Kraft zu demonstrieren, die Trolle, Schweinemenschen mit überdimensionalen Geschlechtsteilen, rülpsen und schmatzen auf der lilanen Szene vor sich hin, dass es eine Freude ist, die Wüste (ausgerechnet da regnet es, aber Freilichttheater hat eben seine eigenen Gesetze) markiert Bühnenbilner Peter Engel mit einer riesigen Stoffkarte von Afrika, als Brecht-Gardine eine Reverenz an den anti-naturalistischen Geist des Stücks.
Auch nutzt Nickel die Landschaftskulisse als Simultanbühne, um die wartende (und ergreifend das von Edvard Grieg maßgeschneiderte Lied singende) Solveig wiederholt ins Spiel zu bringen. Auch Kabarett und Karneval gehören zum Volkstheater, aber hier läuft Nickel die Geschichte etwas aus dem Ruder. Witzig ist er ja, der silberne Elefant, der zunächst den den Propheten Gynt hereinträgt und später, bereits zweigeteilt in die Jungs unter der Hülle, maulend abzieht.
Aber braucht's den Affen, der über die Bühne turnt? Wozu die Diskokugel in der Halle des Bergkönigs? Und die Nationalkarrikaturen der vier falschen Freunde in der Wüste schillern schlecht verständlich nur um ihrer selbst willen als ein mit Szenenapplaus bedachtes Aperçu, das für die Handlung nicht weiter wichtig ist ihr Raub und ihre missglückte Flucht sind gestrichen.
So ist Nickels wild-bunter Bilderbogen immer in Gefahr, Textkenntnislose links liegen zu lassen. Das rächt sich gegen Ende, wenn der so oft unterhaltsamen Inszenierung die Puste ausgeht. Da hilft es wenig, wenn bei Peers Zwiebelmonolog der scharfe Geruch des zerpellten Gemüses als weiteres sinnliches Moment ins Parkett vordringt die moralischen Apelle von Pastor und Knopfgießer, vom mephistopehlischen Mageren und dem heruntergekommenen Trollkönig überfrachten die letzten zwanzig Minuten mit grauem Gedankenmassiv ohne Wanderkarte.
Kein Wunder, wenn die Zuschauer hier aussteigen, die vorher dem Semm'schen Gynt so gebannt folgten. Dass Peers (moralische) Mittelmäßigkeit ein Problem war, lässt sich auch schneller erzählen. In Anbetracht des Stuhls, der sich dann doch erstaunlich hart in den Rücken frisst, wird schnell egal, ob Peers Problem irgendetwas mit einem selbst zu tun hat: Man wünscht sich, er möge endlich im Schoß der blinden Solvejg zusammenbrechen, die hier als unvergängliches Wunschbild nicht gealtert ist.
Dass der Abend zuvor gute zwei Stunden lang fesselte, ist neben dem beeindruckenden Semm Caroline Hetényis zurückhaltend-präsenter Solvejg zu verdanken, die Innigkeit nie mit Sentimentalsirup verwechselt. Auch die Nebenrollen sind teils bemerkenswert besetzt, Master Cotton, Dr. Begriffenfeldt und der Pastor etwa, in die sich Gerd Lohmeyer virtuos und mit punktgenauer Komik verwandelt. Griegs Musik besorgt gesummt, gesungen und als emotionsgeladener Orchestergroßklang den Soundtrack, dazu rauschen die nordisch-oberfränkischen Wälder.