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Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder

Eine Chronik

Mit der „Mutter Courage” wird der Kreis der berühmten Volksstücke abgerundet. Bertolt Brecht wurde 1939 im schwedischen Exil durch die Geschichte der Marketenderin Lotta Svärd aus Johan Ludvig Runebergs „Die Erzählungen des Fähnrich Stål” angeregt, die im finnisch-russischen Krieg von 1808/09 spielen. Um das Allgemeingültige zu betonen, vor dem Krieg als solchem zu warnen und dessen Ursachen aufzudecken, griff er aber auch auf das berühmte deutsche Volksbuch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen zurück: „Ausführliche und wundersame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche”, mit der Grimmelshausen schonungslos die Schrecken des Krieges beschreibt und die zu den bedeutendsten Schöpfungen der deutschen Literatur gehört.
Rosel Zech ist eine der wenigen großen, deutschen Schauspielerinnen, die in Film und Fernsehen genauso reüssieren wie auf der Bühne. (Schauspielerin des Jahres 1976, Goldener Bär 1982, Kainz-Medaille 1990, Bayerischer Filmpreis 1992, Merkur-Theaterpreis 2001) . In der Paraderolle der Mutter Courage macht sie sich mit ihrem Markedenterwagen und ihren drei Kindern Eilif (Matthias Lehmann ­ Rosenthal-Nachwuchspreis 2008), Schweizerkas (Matthias Ransberger) und der stummen Kattrin (Johanna Marx), auf den Weg durch die deutschen Lande in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Weil sie sich etwas davon versprechen, schließen sich ihr ein Koch (Peter Kaghanovitch ­ 2007 unser Mephisto) an und ein Feldprediger. Die berühmte Rolle des Feldpredigers, der für die nicht gerade moralische Art, mit der die Courage ihren Lebensunterhalt verdient, immer eine Entschuldigung bereit hat, solange er davon profitiert, spielt Ulrich Gebauer (Staatstheater Stuttgart, Schauspielhaus Bochum, Burgtheater Wien etc.) bekannt aus vielen TV-Rollen, u.a. „Die Wiesingers” und „Ein Fall für zwei”, „Tatort”. Allgemein bekannt wurde er als der Münchner Oberstaatsanwalt Helmut Hafer in der Serie "Bei aller Liebe" und als Komissar Hendricks in der mit Preisen ausgezeichneten Serie „Dr. Psycho”.

Inhalt:

Anna Fierling, bekannt unter dem Namen Mutter Courage, die als Marketenderin vom Krieg lebt, zieht während des Dreißigjährigen Krieges, zusammen mit ihren drei Kindern und ihrem Planwagen, immer hinter den Truppen her, kreuz und quer durch Europa.
Eilif, ihr ältester Sohn, wird eines Tages als Soldat angeworben und zieht mit dem Heer. Auch ihren zweiten Sohn, Schweizerkas, kann sie nicht aus dem Krieg heraushalten. Er wird zum Zahlmeister und verliert sein Leben, weil er die Regimentskasse vor dem Feind versteckt. Schließlich wird die stumme Tochter Kattrin erschossen, weil sie eine schlafende Stadt vor dem nächtlichen Überfall durch ein feindliches Heer warnt.
Alleine, denn weder der Feldprediger noch der Koch sind die richtigen Begleiter, zieht Mutter Courage weiter auf der Suche nach ihrem Sohn Eilif. Doch auch der lebt nicht mehr: Er verlor sein Leben, weil er, wofür er im Krieg belobigt wurde, in einem kurz andauernden Frieden eine Bauernfamilie ausgeplündert hat ...

Mutter Courage und ihre Kinder
Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg von Bertolt Brecht

Musik von Paul Dessau • Für die Aufführung der Luisenburg-Festspiele eingerichtet von Max Doehlemann • Zwischenmusiken auf der Grundlage der Songs von Paul Dessau

Anna Fierling, genannt Mutter Courage: Rosel Zech
Kattrin, ihre stumme Tochter: Johanna Marx
Eilif, der ältere Sohn: Matthias Lehmann
Schweizerkas, der jüngere Sohn: Matthias Ransberger
Der Werber: Holger Matthias Wilhelm
Der Feldwebel: Jan Gebauer
Der Koch: Peter Kaghanovitch
Der Feldhauptmann: Michael Boettge
Der Feldprediger: Ulrich Gebauer
Der Zeugmeister: Uwe Schwalbe
Yvette Pottier: Christine Nonnast
Der mit der Binde: Bernd Wünsche
ein anderer Feldwebel: Jan-Hinnerk Arnke
Der alte Obrist: Dietmar Irmer
ein Schreiber: Johann Anzenberger
ein junger Soldat: Michael Pöllmann
ein älterer Soldat: Günter Ziegler
Verletzte: Uschi Reifenberger, Michael Boettge
ein Bauer: Jan Gebauer
Die Bauersfrau: Caroline Hetényi
Der junge Mann: Holger Matthias Wilhelm
Die alte Frau: Uschi Reifenberger
ein junger Bauer Konstantin Krisch
Der Fähnrich: Jan-Hinnerk Arnke
Der singende Soldat: Jürgen Fischer
ein Soldat: Konstantin Krisch
Die Ansagerin: Jolanta Szczelkun
Trommler: Christoph Braun, Julian Fuchs, Johannes Geiger, Heiko Geyer, Sven Kahl, Sebastian Lorkarn
Soldaten: Thomas Braun, Simon Gabriel, Nikolaj Haas, Florian Käs, Maximilian Kilgert, Stefan Kirsch, Sebastian Küffner, Norbert Reichel, Helmut Schmitt, Michael Sticht, Matthias Unger, Tim Zemsch
Musiker: Max Doehlemann (Tasteninstrumente), Matthias Harig (Trompete), Arthur Hornig (Cello), Andreas Kohlmann (Schlagzeug)
Regie & Bühne: Pierre Walter Politz • Kostüme: Susanne Thaler • Musikalische Leitung: Max Doehlemann • Choreographie: Sebastian Eilers
Regieassistenz: Stefan Pohl • Inspizienz: Dietmar Irmer • Souffleuse: Christa Guck • Maske: Andrea Pavlas (Chefmaskenbildnerin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin), Günther Biank (Herrengewandmeister), Brigitte Jerger (Gewandmeisterin), Kristin Hoyer, Berit Langer, Kerstin Schusser, Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Werkstatt), Petra Andrea Bachmayer (Assistentin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister) • Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Johann Geiger, Sergej Reider, Reinhard Werner, Ralf Winklmüller, Yehia Yehia • echnische Leitung: Jörg Brombacher
Die Dekoration wurde im Bauhof der Stadt Wunsiedel gebaut • Wir bedanken uns bei Familie Rohrer, Höchstadt, für die freundliche Leihgabe der Kanone

Aufführungsrechte: Suhrkamp-Verlag, Frankfurt

Premiere: 2. Juli 2009 • Aufführungsdauer: ca. 2 ¼ Stunden

Pressestimmen

FRANKENPOST (Hof)

Michael Thumser zitiert in der FRANKENPOST (Hof) Brecht mit der „Hyäne des Krieges” und berichtet unter diesem Titel von „Brechts 'Mutter Courage', die mit dem Wagen im Fichtelgebirge Halt macht”, und von „Rosel Zech, die mit harten Worten glämzt und einem Mädchen, dem es die Sprache verschlägt”.


Handel heißt: Geschäfte machen. Händel: Das sind die Streitigkeiten, die einer sucht. Kaum ein Unterschied zwischen den Begriffen. Wirklich ist für Mutter Courage beides fast ein und dasselbe. Ihr Geschäft ist der Krieg. So lange das Töten dauert, kann sie ihr Leben fristen. Also zieht Anna Fierling, ihres Mundwerks und Mutes wegen die Courage geheißen, mit dem Marketenderwagen durch die Sommer und Winter des großen Gemetzels und der Länder, die zu verheeren es reichlich Zeit hat: dreißig Jahre. Auch im Fichtelgebirge macht sie Station. Bertolt Brecht, in seinem Stück „Mutter Courage und ihre Kinder”, lässt die frostigste Episode eben hier spielen. Jetzt kam die berühmte Szenenfolge ganz in Wunsiedel an: Seit der nicht allzu ausgiebig, doch laut beklatschten Premiere rollt der Wagen auf der Luisenburg. Dort ließ Pierre Walter Politz als Regisseur und Szenenbildner eine Bretterstraße, einen besseren Knüppeldamm zimmern, der sich schier endlos über die Naturbühne schlängelt und steil an ihrer Felswand hinauf.

In Wahrheit führt Courages Weg nach unten; nur dass sie's nicht wahrhaben will. Mit jeder der händelsuchenden Parteien will sie beim Handel ihren Schnitt machen und merkt nicht: Es ist der Schnitt ins eigene Fleisch. Ihre Söhne Eilif und Schweizerkas (Matthias Lehmann, bedenkenlos angriffslustig, und Matthias Ransberger als braver Junge) erleiden jeder einen schmählichen Tod. Von Reiseabschnittsgefährten wird sie verlassen: vom Feldprediger, bei Ulrich Gebauer ein bänglich-bigotter Gottesmann; von einem Koch, dessen kalten Pragmatismus Peter Kaghanovitch mit den Zügen des Genussmenschen aufhellt. Am Ende ist ihr auch noch die Tochter Kattrin an einer guten Tat zugrunde gegangen, und die Courage steht allein da mit ihrem Mut. „Nehmt mich mit”, schreit sie einer bleichgesichtigen Armee nach, die sich mit Kunststoffrüstungen wie für den „Krieg der Sterne”gepanzert hat. Die Kauffrau wird tun, was sie immer tat: dem Tross hinterherziehen, beim Sterben die Letzte sein.

Ein Graus. Von Regisseur Politz rhythmisch klug, mit modernen Standbildern bewegt in Szene gesetzt, bewegt die Geschichte auch den Betrachter, wenngleich das, ginge es nach Brecht, gar nicht so sein soll. Für Distanz will die Musik von Paul Dessau sorgen,... inhaltsgliedernd, oft stimmungssteigernd zugespielt. Mit dem Akkordeon tut jahrmarktsbunt Jolanta Szczelkun mit: Wie eine Bänkelsängerin bringt sie die Moritat zur Geltung, den volkstümlichen Bilderbogen, der unterm lehrhaften Antikriegsthema reizvoll beschlossen liegt.

Aber nicht in Folklore driftet die starke, sarkastisch harte Aufführung ab, auch nicht in eine Geschichtslektion. Zwar haben darin Massenspektakel, Gefechtslärm, pyrotechnische Schrecksekunden ihren Platz; desgleichen aber auch die Individualität des Charakterbilds - wofür das impulsive Ensemble sorgt, das Rosel Zech anführt. Nichts Abgerissenes, Verluderndes mag die prominente Schauspielerin der Courage zumuten; sie kehrt deren Unverwüstlichkeit hervor. Mit Stolz trägt sie ihren alten Frack, an dem Orden baumeln, oder einen Pelz, den Hut mit den kostbaren Federn oder das bunte Kopftuch (Kostüme: Susanne Thaler). Wenn sie mit reichlich Silberschmuck klimpert und auch schon mal ein schlimmes Schicksal aus einer Kriegerhand entziffert, könnte man sie für eine halbe Hexe halten. Doch jeder Überwirklichkeit mißtrauend, bleibt sie bei ihrem objektiven Unternehmungsgeist, roh und rauh und grimmig wie die ungefüge Stimme, mit der sie ihre Lieder singt. Für Illusionen reicht das Geld nicht. Zärtlich wär sie gern, zäh aber muss sie sein. Welt- und lebensklug weist Rosel Zech als Frau und Mutter ihre Mitwelt in die Schranken; doch bockbeinig lernt die Händlerin, eine „Hyäne des Schlachtfelds”, nichts dazu in diesem „Glaubenskrieg” der Männer... aus dem ein Stück für Frauen wird. Da ist auch Christine Nonnast als verführte Unschuld Yvette, die sich beachtlich zur kaltschnäuzigen Schlampe mausert. Und da ist Kattrin, die Tochter der Courage: eine mißhandelte Kreatur, „am Mitleid leidend”, von Natur aus gut. Als Kind von einem Soldaten gefoltert, hat sie die Sprache verloren; wortlose Rollen indes sind die schwersten: In Wunsiedel zieht die fabelhafte Johanna Marx schweigend, aber nicht still, mit alarmierend erbarmungswürdigen Gebärden Rührung und Bewunderung auf sich. Über Krieg wird viel geredet in Brechts Stück, doch sie sagt, stumm, darüber am meisten.

DER NEUE TAG

Über die „fesselnde und sehenswerte Inszenierung“  schreibt Frank Stüdemann in DER NEUE TAG (Weiden) unter dem Motto: „Der Krieg, der größte Zuhälter aller Zeiten“.

Der Krieg, jeder Krieg, ist wie ein gnadenloser Zuhälter: Wer Glück hat, den ernährt er, dem verschafft er ein gutes Leben. Als Gegenleistung muss der Mensch ihn am Leben erhalten, ihn füttern, denn nichts ist schlechter fürs Geschäft als Frieden. Der Krieg fordert weit mehr Opfer als die Leben der Soldaten, die ihn führen: Moral, Menschlichkeit, Glaube, Hoffnung - alles lassen die Menschen früher oder später auf der Strecke, wenn der Krieg nur lange genug durchhält.

Gut 70 Jahre hat Bertolt Brechts Drama um die resolute Anna Fierling, Mutter Courage genannt, mittlerweile auf dem Buckel, und leider ist es aktuell geblieben. Das 1941 in Zürich uraufgeführte Stück erzählt die Geschichte einer echten Kriegsprofiteurin und ihres Nachwuchses, ursprünglich angesiedelt in den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs: Mit ihrem Planwagen zieht Courage jahrelang als Marketenderin durch Schweden, Polen, Sachsen und Bayern. Sie macht gute Geschäfte, bietet den Widrigkeiten des Lebens stark die Stirn und lässt sich vom Säbelrasseln der Soldaten (gleich, welcher Seite) nicht beeindrucken. Und doch zahlt sie am Ende den ultimativen Preis, hat alle Kinder verloren.

Die Inszenierung von Regisseur Pierre Walter Politz hat auf beeindruckende Weise herausgearbeitet, wie relevant Brechts Stück noch immer ist. Politz hat den Kern der Geschichte freigelegt und konzentriert, er verzichtet dabei auf den befürchteten erhobenen Zeigefinger der Lehrhaftigkeit. Seine „Mutter Courage“ ist eine mitreißende moralische Moritat mit scharfem Witz und der mitreißenden Musik von Paul Dessau. Rein optisch löst Politz das Stück aus einer definitiven zeitlichen Zuordnung heraus: Die Soldaten etwa, die immer wieder affengleich wippenden Schrittes über die Naturbühne eilen, tragen schwere schwarze Lederkleidung mit Kunststoff-Protektoren und scheinen eher aus einem Science-Fiction-Film zu stammen. Auch sonst werden gerade bei den Kostümen - immer stimmig - verschiedenste Stile kombiniert, was das Stück zeitlos wirken lässt: Denn dies könnte jeder Krieg sein, jederzeit, überall.
Das zeigt auch und vor allem diese Courage: Gespielt von Rosel Zech, bekannt aus der TV-Serie „Um Himmels Willen“ sowie einigen Zadek- und Fassbinder-Filmen, ist sie keine Fahnenschwenkende Patriotin, sondern eine pragmatische Mutter dreier Kinder, die ihre Talente einsetzt, um in einer brutalen Welt zu überleben. Sogar beim Anblick ihres zu Tode gefolterten Sohnes Schweizerkas (Matthias Ransberger) verzieht sie keine Miene, um sich und den Rest ihrer Sippe nicht zu gefährden. Zechs Interpretation der Rolle ist wohltuend unprätentiös, fokussiert und universell authentisch. Die Schau stiehlt ihr allerdings die großartige Johanna Marx als Courages stumme Tochter Kattrin: Sie spielt die junge Frau, der die Mutter einen Mann versprochen hat, sobald der Krieg aus ist, mit derart intensiver Mimik und Körpersprache, dass man den Blick fast nicht von ihr abwenden kann. Mal kauert sie ängstlich wie ein Tier am Boden, dann strahlt sie in den wenigen ruhigen Momenten wie ein kleines Kind, und am Ende ihres jungen, traurigen Lebens trommelt sie heldenhaft und voller Trotz gegen den Feind an. Beeindruckende schauspielerische Leistungen liefern zudem Ulrich Gebauer als ganz und gar unfrommer Feldprediger sowie Christine Nonnast als Hure Yvette: Im Gegensatz zu Zechs Mutter Courage darf sie, die für all die geschändeten weiblichen Opfer des Krieges steht, auf der breiten Klaviatur der Emotionen spielen. Auch Peter Kaghanovitch als Koch und Matthias Lehmann als Courages ältester Sohn Eilif zeigen beeindruckend zwei weitere Typen von Kriegsprofiteuren: Der eine schmeichelt den Gaumen der mächtigen Militärführer, der andere macht als Soldat Karriere.

Am Ende aber sind sie alle gleich, sind bleichgesichtige Opfer und Ausgebeutete des Zuhälters Krieg und stehen von Fackeln beleuchtet auf der Bühne. Ein packendes Bild zum Schluss einer packenden Inszenierung mit einer klaren Botschaft: Im Krieg gibt es letztlich keine wirklichen Gewinner.

NORDBAYERISCHER KURIER

Im NORDBAYERISCHEN KURIER schrieb Gero v. Billerbeck über „Eine Moritat gegen den Krieg“:

„Wer mit dem Teufel frühstückt, muss einen langen Löffel haben“: Der Feldprediger kennt sich aus und weiß auch, dass dieser Dreißigjährige Krieg ein gottgefälliger Glaubenskrieg ist. Und weil er selbst nicht mitmischt, sondern nur davon profitiert wie seine Weggenossin Anna Fierling, wird er den zitierten langen Löffel ebenso wenig abgeben müssen wie besagte Mutter Courage, der es besser erging als ihren Kindern. Bertolt Brecht hat uns diese „Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg“ erzählt unter dem Titel „Mutter Courage und ihre Kinder“.

Und weil Brecht sie erzählt, ist es eine lehrreiche Chronik. Regisseur Pierre Walter Politz bemühte sich vergeblich, den pädagogischen Zeigefinger des B. B. abzubrechen. Ihm schwebte laut Programmheft ein kabarettistisch unterhaltender „Bilderbogen mit Musik“ vor. Gleichzeitig wollte er aber auch „eine Art Moritat gegen den Krieg“. Brecht wird sich posthum ins Fäustchen gelacht haben, denn nicht mehr oder weniger wollte auch er, Lehrstück hin oder her. Und so sind sich Autor und Regisseur wieder herzenseinig bei dieser wunderbaren Produktion, nach welcher sogar der Oberlehrer Brecht gestaunt und dazugelernt hätte.

Denn allein schon dieses Bühnenbild ist staunenswert. Der dornige Weg, den die Marketenderin mit ihrem erwachsenen Nachwuchs beschreitet, führt potentiell in höchste Höhen des (Fichtel-)Gebirges. Dass es ein Holzweg ist und dass er sogar die Steilwand im Bühnenhintergrund im kühnen Achtzig-Grad-Steilwinkel nimmt, soll uns keine Sorgen darüber einpflanzen, wie denn der schwere Marketender-Planwagen dort hinaufzukriegen sei. Politz und seine Truppe behalten wohltuende Bodenhaftung. Wenn der Wagen nur im Vordergrund ein bisschen auf und ab, vor und zurück schaukelt, halten Courage und Co. besten Kontakt zu ihrem hin- und hergerissenen Publikum. Und außerdem wird wie bei fast jeder herkömmlichen „Courage“-Inszenierung klar: Diese unbelehrbar-optimistische Frau bewegt sich im Kreise, hat am Ende nichts dazugelernt.

Ist das nicht der blanke Zynismus? Wer lernt, wie Courages Ältester Eilif (rank und lebenstüchtig: Matthias Lehmann) die Menschen auszuplündern, muss derlei im plötzlich über ihn hereingebrochenen Frieden mit dem Leben bezahlen. Auch wer Gutes tut wie die stumme Tochter Kattrin (anrührend hilflos, aber schließlich tollkühn: Johanna Marx), ist des Todes. Und wer dumm und also lernunfähig ist wie Zweitsohn Schweizerkas (wirkt etwas zu alert: Matthias Ransberger), kullert als Totgeschundener seiner Mutter zu Füßen. Die Kriegskasse, die er zu verwalten und zu retten hatte, entpuppte sich als ebenso lebensgefährlich wie der rechte Glaube, um den dreißig Jahre lang und sogar noch heute gefochten wurde und wird.

Nur Anpassungsfähigkeit sichert halbwegs das Leben. Der Feldprediger trägt je nach Truppenlage Talar, Soutane oder neutral, die Courage flaggt katholisch, evangelisch oder möglichst gar nicht. Man weiss ja nie: „Der Krieg soll verflucht sein!“, wettert sie, nachdem Tochter Kattrin massakriert wurde, aber er geht weiter, und die nunmehr kinderlose Mutter wird dabei bleiben, denn er ernährt sie: „Ich lass mir den Krieg von euch nicht madig machen“.
Dies Weib ist des Teufels. Entsprechend langlöffelig wird es wunderbar von Rosel Zech auf standhaft-wendige Beine gestellt. Wenn die Zech in jeder Lage Lebensmut versprüht, wenn sie sich einfühlsam der armen stummen Bühnentochter zuwendet, wenn sie das Schlimme von ihren Söhnen abwenden will, wenn sie singt oder alltagsphilosophiert, immer bleibt sie hochpräsent und liebenswert. Brecht macht es uns wie in vielen anderen seiner Stücke schwer. Seine Botschaft liegt im Dauerclinch mit der Sympathie, die deren Überbringern entgegenschlägt. Dass sie aber im Kern erhalten bleibt, dagegen kann auch der engagierteste Regisseur kaum etwas ausrichten. Politz fügte sich und versuchte es erst gar nicht. Dem jubelnden, lang anhaltenden Schlussbeifall hat es nicht geschadet.

FRÄNKISCHER TAG

Anastasia Poscharsky-Ziegeler schreibt im FRÄNKISCHEN TAG (Bamberg) über die „unsterbliche Hoffnung auf gute Geschäfte” und daß Rosel Zech als Courage gefeiert wurde:

Wunsiedel - Am Ende hofft sie nur „wieder gut in den Handel zu kommen”, so wie so viele in unseren Tagen auch. Sie, die Mutter Courage, nachdem sie über zwanzig Jahre mit ihrem Marketenderwagen in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ihre Fahne immer nach dem Wind gehängt hat, und mit allen Kombattanten wechselnd gute Geschäfte machte. Doch der Preis, den sie zahlen muß, ist hoch: die couragierte Anna Fierling verliert in den Kriegswirren ihre drei Kinder und zieht am Ende ganz allein ihren großen schweren Planwagen durch die verwüsteten Lande.
Auf der Luisenburg ist das Brechtstück mit dem sich viele Schauspielerinnen in der Titelrolle Unsterblichkeit erwarben, in gekürzter Fassung über 135 Minuten mit einer umwerfend starken, singenden, leidenden und hoffenden Rosel Zech zu sehen, Die Premierengäste am Donnerstag wollten mit dem Applaudieren nicht aufhören
Groß, laut und bunt ist das Ensemble mit 45 Personen, das aus der felsigen Naturbühne in ganzer Breite und Höhe einen Kriegsschauplatz mit Pulverdampf und Kanonendonner macht. Regisseur Pierre Walter Politz läßt einen Bretterweg durch das Fichtelgebirge verlaufen, auf dem ein Bilderbogen aus Moritaten die Zuschauer nicht nur fasziniert, sondern auch erschreckt. Als Akkordeonistin moderiert Jolanta Szczelkun mit starkem osteuropäischen Akzent die Szenen des grausamen Bilderbogens und Mutter Courage verliert zuerst ihren Eilif (Matthias Lehmann) an die Werber des finnischen Heeres, dann den Schweizerkas (Matthias Ransberger) in den Wirren und ganz am Ende, ihre stumme Kattrin (bewundernswert: Johanna Marx), die heldenhaft die Einwohner der Stadt Halle vor den Feinden warnt und dafür ihr Leben läßt. Die Kostüme von Susanne Thaler balancieren der Aussage gemäß zwischen historischen Zitaten, Folklore und Zeitlosigkeit. Als Dirne Yvette hinterläßt Christine Nonnast bei ihrem Luisenburg-Debüt großen Eindruck und schildert die Entwicklung einer tragischen Persönlichkeit, Als windige Schwächlinge ziehen der Feldprediger (Ulrich Gebauer) und der Feldkoch (Peter Kaghanovitch) Nutzen aus der Stärke der Mutter Courage, der in jeder brenzligen Situation ein Ausweg einfällt; selbst als der Winter besonders früh und streng Einzug hält, „im Herbst 1634 im deutschen Fichtelgebirge”, wie es im Original tatsächlich heißt.
Schräge Musik zu den schrillen Szenen, kämpferische Lieder von Paul Dessau werden von einem Quartett mir Max Doehlemann in bester Manier nach Bertolt Brechts „Berliner Ensemble” dargeboten und münden in einer grandiosen und bedrückenden Schlußszene. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt mit der Frage: Geschäfte ja, aber um jeden Preis?

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