Das Familienstück der Saison 2009 stammt wieder von Astrid Lindgren, der wohl erfolgreichsten Kinderbuchautorin. Nach Ronja und Pippi spielt nun ein Junge die Hauptrolle: Michel aus Lönneberga.
Michel ist ein wirklich netter kleiner Lausbub. Das bestätigt sogar seine kleine Schwester Ida. Wie nun aber kleine Lausbuben sind, hat Michel immer Ideen, die meist sogar gut gemeint sind. Aber leider wird aus Michels guten Gedanken selten etwas Gutes...
Aus den vielen lustigen und unvergeßlichen Episoden, die Astrid Lindgren erzählt hat, haben wir einen bunten Bilderbogen (Szenenfotos von Hannes Bessermann und Norbert Grüner) für die Bühne zusammengestellt.
Michel: Konstantin Krisch
Bauer Anton: Jan Gebauer
Mutter Alma: Caroline Hetényi
Klein Ida: Barbara Macheiner
Knecht Alfred: Matthias Lehmann
Magd Lina: Katharina Schwägerl
Krösa-Maja: Holger Matthias Wilhelm
Frau Petrell: Uschi Reifenberger
Herr Pastor: Matthias Ransberger
Dr. Pfusch: Johann Anzenberger
Kraka, Krähenbauer: Johann Anzenberger
Olaf, der Auktionator Holger Matthias Wilhelm
Polizist: Matthias Ransberger
Swantje, Limoverkäuferin: Caroline Hetényi
Bullte, ein Schläger: Günter Ziegler
Monsieur Flambé: Matthias Ransberger
seine Assistentin: Barbara Macheiner
Rabe, der Dieb: Günter Ziegler
Ausrufer: Johann Anzenberger
Berta, die Dame mit Bart: Holger Matthias Wilhelm
Regie: Petra Wüllenweber • Bühne: Peter Engel • Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly • Musik & Songtexte: Markus Reyhani • Choreographie: Sebastian Eilers
Regieassistenz: Nicole Dietz • Inspizienz: Günter Ziegler • Souffleuse: Christa Guck • Maske: Andrea Pavlas (Chefmaskenbildnerin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin), Günther Biank (Herrengewandmeister), Brigitte Jerger (Gewandmeisterin), Kristin Hoyer, Berit Langer, Kerstin Schusser, Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Werkstatt), Petra Andrea Bachmayer (Assistentin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister), Julia Hahn (Microports) • Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Johann Geiger, Sergej Raider, Reinhard Werner, Ralf Winklmüller, Yehia Yehia • Technische Leitung: Jörg Brombacher
Die Dekoration wurde in den Werkstätten des Pfalztheaters Kaiserslautern gebaut • Aufführungsrechte beim Verlag für Kindertheater, Hamburg
Premiere am 26. Mai 2009 • keine Pause • Aufführungsdauer ca. 75 Minuten
Die Verwandlung vom „Lausebengel" zum „Rettungsengel" in diesem „turbulenten" Spiel beschreibt Michael Thumser in der FRANKENPOST:
Blond wie Stroh schauen seine struppigen Haare aus, aber ein Strohkopf ist der Michel nicht: kein dummer Gimpel, sondern ein lustiger Vogel und komischer Kauz; auch ein Unglücksrabe manchmal, wenn ihm zwischen mancherlei Streichen hier und da ein Missgeschick widerfährt. „Da kann ich nichts dafür", singt er, sich entschuldigend, „das kann jedem passieren." Jedem?Naja. Er treibt’s schon arg bunt in seiner kleinen Welt, deren Lebendigkeit sich in den grellfarbig gescheckten und leuchtenden Hemden, Schürzen, Kleidern der Dörfler widerspiegelt. Manche in Lönneberga sammeln Geld, damit seine Familie den Burschen auf Nimmerwiedersehen nach Amerika entsorgt; was der Vater entrüstet ablehnt. Doch kann man die geplagten Nachbarn auch verstehen: Zur Naturkatastrophe wächst der Lausebengel sich gelegentlich aus.
Auf der Luisenburg, wo mit dem „Michel aus Lönneberga" am Dienstagvormittag vor Aberhunderten von glanzäugigen, gellend begeisterten Kindern die Naturbühnensaison einen turbulenten Anfang nahm, dort tut Konstantin Krisch in der Titelrolle gut daran, den Schelm weder zum frechen Flegel noch zum unbändigen Barbaren verkommen zu lassen. Sein Michel ist ein herzensguter Kerl, etwas aufgeweckter als andere, etwas mutiger und etwas leichtsinniger als sie. Pläne verlocken ihn am meisten, wenn ein bisschen Risiko in ihnen steckt, und bei Problemen ist er mit Lösungen schneller bei der Hand, als die anderen mitdenken können.
Doch darf man sich da keine Illusionen machen: Petra Wüllenweber hat das „Familienstück" – nach Astrid Lindgrens wunderbaren Kinderbüchern – so inszeniert, dass niemand auf der Bühne in Sachen Denken im andern seinen Meister findet. Michel mit den Flausen im Brausekopf ist unter ihnen nicht allein der Blondeste, sondern der Hellste auch. Den Rest der Sippe segnet der Pfarrer (Matthias Ransberger): „Selig sind die geistig Armen."
Im Dorf, das wohl irgendwo ganz hinten in Schweden liegt, wird alles Kleine gleich zum Großereignis, „als wär’s das Schlimmste auf der ganzen Welt". Mit „Riesengetöse" lässt die Regisseurin es denn auch über die volle Breite und durch die lichten Höhen der Felsenbühne wirbeln, als Temperamentstheater mit kaum zu zügelndem Bewegungsdrang. Gesichter platschen in Essensteller; im Gummistiefel steht Wasser, das da nicht hineingehört; der Fuß des Vaters (Jan Gebauer als lärmender, aber gutmütiger Polterer) verfängt sich schmerzhaft in einer Rattenfalle; von einem achtzig Meter großen Dieb wird gemunkelt; und Krösa-Maja (Holger Matthias Wilhelm als unerwartet bewegliche alte Hexe) malt in Horrorstorys den Teufel von Typhus und Pest an die Wand. Gegen dauerndes Zahnweh unterzieht sich Lina (Katharina Schwägerl, deftig, töricht und mannstoll) einer brachialen Kieferbehandlung durch Michel. Schwer hat sich die Magd in Alfred verliebt, aber der mag sie partout nicht „hei-ei-ei-eiraten". Alfred: Das ist, neben dem Schwesterchen Klein-Ida (Barbara Macheiner, niedlich), Michels bester Freund und bei Matthias Lehmann überdies ein Knecht mit Leib und Seele, der mit mustergültig sauberem Taschentuch die Spitzen seiner Mistgabel poliert.
Natürlich fehlt auch die schönste, berühmteste „Michel"-Episode nicht: In der Suppenschüssel verfängt sich gleich zweimal der Schädel des Gierschlunds. Nun muss der Vater mitsamt dem verhüllten Knabenkopf den so freakigen wie profitgierigen Doktor Pfusch (Johann Anzenberger) konsultieren. „Das ist überhaupt nicht witzig", raunzt der Papa. Doch, ist es, sogar sehr: Die kleinen Zuschauer lachen ohrenbetäubend. Wirklich reißt der Spaß nicht ab: Etwas schütter, aber gut gelaunt wird gesungen, imponierend genau gesprungen, gestürzt, gesteppt (Musik und Songtexte: Markus Reyhani, Choreografie: Sebastian Eilers).
Voll von erfrischenden bis burlesken Gags steckt das knapp anderthalbstündige Spiel, das zum Höhepunkt und Finale in einem Jahrmarkt findet, in den sich die Bühne (von Peter Engel) flugs verwandelt. Bei einer Auktion gebrauchter Haushaltswaren steigern dort nicht nur Michel und die Lönneberger Bauern, sondern ebenso die Kinder im Publikum mit. Eine „Dame mit Bart" (abermals Holger Matthias Wilhelm, nun rassig-füllig in Glitzerkleid und High-Heels) lässt die Männer durch Haarigkeit, Showtanz und verführerische Avancen offenen Mundes staunen. Und Michel löscht mittels Feuerspritze das hitzige Gefecht einer ausgewachsenen Massenprügelei, bevor er den in Wirklichkeit nicht achtzig, nur einsachtzig Meter großen Dieb dingfest macht: Der „Lausebengel" als „Rettungsengel".
Kann all das wirklich jedem passieren? „Es ist", heißt es am Ende ganz zu Recht, „ja noch mal gut gegangen."
„Weltberühmter Lausbub auf der Luisenburg" überschrieb Rudolf Barois seinen Bericht in DER NEUE TAG Weiden übder dieses „Fest der Sinne":
Er ist unbestritten der berühmteste Lausbub der Welt. Und seit gestern treibt der „Michel aus Lönneberga" seine schrägen Streiche im Felsenlabyrinth der Luisenburg. Die Festspielsaison 2009 begann bei herrlichstem Wetter vor dem besten und dankbarsten Publikum, das sich ein Schauspieler wünschen kann: 1700 Kinder auf den Rängen tobten und schrien, lachten und mischten sich auch mal ein, wenn sie es für nötig hielten.
Sie kennen alle die Taten des blonden Bengels, der trotzdem der Liebling der Familie ist: Bauer Anton kann ihm im Grunde nicht böse sein, auch wenn sein Sohn dafür verantwortlich ist, dass Vaters Fuß in eine Rattenfalle gerät und der Knabe Wasser in die Stiefel schüttet. Auch die Sache mit der Suppenschüssel wird ausgiebig inszeniert, sie ist eben ein Klassiker. Und am Ende erweist es sich, dass Michels Fantasie auch Gutes zustande bringt: Mit seinem geschnitzten Holzgewehr stellt er einen lang gesuchten Dieb, kassiert dafür 50 Kronen Belohnung und ermöglicht seinem Vater damit den Erwerb einer Kuh.
Das alles ist verpackt in einer Inszenierung, die Petra Wüllenweber besorgt hat. Sie setzt den Stoff, von dem Kinderherzen träumen, in quicklebendige Aktion und schmissige Musik um. Hinreißend der Holzschuhtanz der Familie, fantastisch und bis zur Groteske ausgepowert der Jahrmarkt mit seinen Sensationen. Auch die Erwachsenen belieben nicht unbeeindruckt, als sich vorne auf der Bühne die "Frau mit Bart" vorstellte, ein Slapstick mit besonderer Note, gespielt von Holger Matthias Wilhelm.
Die schauspielerische Leistung des Ensembles ist einmal mehr eminent. Konstantin Krisch verkörpert einen Michel wie er im Buche steht. Jan Gebauer mimt den furiosen, gelegentlich verzweifelten Vater mit großem Temperament. Katharina Schwägerl ist eine hinreißende Magd Lina, die lange vergeblich versucht, den ruhigen, gesetzten Knecht Alfred an sich zu binden. Holger Matthias Wilhelm gewinnt als schrullige Krösa-Maja die Sympathien der jungen Zuschauer sofort.
Begeistert aufgenommen wurden die musikalischen Teile der Inszenierung, vor allem die mitreißenden Line-Dance-Elemente, die gerade auch bei den erwachsenen Zuschauern Beifall fanden und zum Mitklatschen animierten.
Das alles wird in sehr hübschen Kostümen gespielt und in einer Kulisse, die sich auf das Nötigste beschränkt: Tisch, Stühle, und natürlich der Holzschuppen, in dem der Lausbub seine Strafe absitzen muss.
Das junge Publikum dankte mit begeistertem Applaus und ließ das Ensemble ohne Zugabe nicht gehen.
„Erwachsene sind auch Menschen" stellte Gero v. Billerbeck nach dem Besuch des Familienstückes „Michel aus Lönneberga" für den NORDBAYERISCHEN KURIER fest:
Gleich zweimal steckt er in der Suppenschüssel, unser Kinderbuch- und -Kindertheaterheld Michel aus Lönneberga. Seit gestern ist er erstmals auch auf der Luisenburg zu sehen. Und wie! Eine Neunjährige fand ihn beim Hinausgehen „cool“, und das bei über 20 Grad. Sie war einer von den knapp 2000 Premierengästen an Deutschlands schönster – und diesmal sogar ausverkaufter – Naturbühne.
Regisseurin Petra Wüllenweber machte aus der Not des riesigen und schwer bei der Stange zu haltenden Kinder-Auditorums eine Tugend, indem sie gar nicht erst versuchte, eine in sich geschlossene und zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Mit ihrer eher losen Aneinanderreihung von Episoden aus verschiedenen Bänden der Astrid-Lindgren-Bücherreihe über den Lönneberga-Lauser bekannte sie sich mutig zur Maxime der Luisenburg-Dramaturgie: Lieber gut unterhalten als die künstlerische Latte zu hoch legen und dadurch schlecht verstanden zu werden.
Und eine übergeordnete Klammer haben Michels lustige Begebenheiten ja doch. Sie vermitteln allesamt Lindgrens ketzerische Kinder-Erkenntnis: „Erwachsene sind auch nur Menschen“. Man kann sich köstlich über sie amüsieren, wenn sie etwa aus einer Ratte einen Elefanten machen und bei ihrem Anblick hysterisch über Tisch und Bänke springen. Man kann ihnen, wie Michel, auch hilfreich zur Seite stehen, wenn sie vor lauter Zahnweh nicht weiter wissen. Dass der Bengel die arme Lina (Katharina Schwägerl) bei seiner Rosskur kreuz und quer am langen Zahnzieh-Faden über die Bühne hetzt, wird ihm und seinen zweitausend Kampfgefährten kein Kopfweh bereiten. Im Gegenteil: Einmütig kommt aus 2001 Kehlen Michels finales Selbst-Zahnzieh-Kommando „Springen, springen ...“.
Wenn der gute Herr Pastor, bevor Michel in die Suppenschüssel gerät, sein Tischgebet probiert, schneiden ihm die Miterwachsenen von Lönneberga das fromme Wort mit einem rigorosen „Amen“ ab. Und auch auf dem Volksfest alias Jahrmarkt sind diejenigen, die sich absichtlich oder unfreiwillig dem Gelächter aussetzen, vorwiegend Erwachsene. Streng genommen ist auch Michel einer von ihnen, denn sein Darsteller Konstantin Krisch hat nun mal Stimme und Statur eines Großen und bemüht sich auch kaum, das zu kaschieren. Wozu auch! Kinder sind auch Leute – und alle Leute sind, wenn man sie zu den Guten zählen darf, doch ein gutes Stück weit Kinder geblieben.
Folglich haben wir es bei aller Kurzweil, inklusive virtuos getanzten Holzschuh-Steps, nicht mit einem Kinderstück zu tun. Mit Bedacht haben es die Luisenburg-Theatermacher „Familienstück“ genannt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Premiere kaum von Familien, umso mehr von Schulklassen und älteren Kindergartengruppen besucht wurde.
Dass sie ausführlich applaudierten, können sich die Mitwirkenden als Sonderorden an die Brust heften: Kinder klatschen im Normalfall nur spärlich.