Ein steirischer Schwank in 4 Akten — Fassung für die Luisenburg-Festspiele von Michael Lerchenberg
Musik: Kompositionen und Einspielungen von den CDs „Schubertlieder“, „Frische Ware“ und „Ende vom Lied“ der Musikband „Franui"
Glashüttner, der alte Dorfpfarrer: Adolf Adam
Lindmoser, ein Kleinhäusler: Alfred Schedl
Sonnleitner, der Ortsvorsteher: Karl Friedrich
Kathi, seine Tochter: Martina Ambach
Großmutter Sonnleitner, seine Mutter: Toni Netzle
Fichtelhuber, schneidiger Förster und Ortsgruppenleiter: Gerhard Wittmann
Barbara Kohnhauser, Witwe: Susanna Kratsch
Schwarzenegger, der reiche Wirt und Fleischer: Wolfram Kunkel
Simmerl, sein Sohn: Philipp Rudig
Jogl, der Totengräber: Gerd Lohmeyer
Die alte Umhauserin: Uschi Reifenberger
Der kleine Umhauser: Justus Braune
Toni Lindmoser, der Sohn des Kleinhäuslers: Stefan Pohl
Fernando, der blinde Italiener: Jürgen Fischer
Der Kreisleiter, ein gefürchteter "Goldfasan": Christoph Fälbl
SS-Kroll, der gefährliche Hauptsturmführer: Konstantin Bühler
Obersturmmann: Günter Ziegler
1. Russe: Dietmar Irmer
2. Russe: Bernd Wünsche
Bewohner von St. Kilian: Gabriele Deyerl, Lisa Kövi, Miriam Krist, Waltraud Marschner-Knöller, Helena Radman, Krimhild Ragotzky, Maria Röber, Claudia Wilhelm, Paula Zeller; Dieter Höpfner, Alfred Maiwald, Walter Mandl, Richard Riedl; Antonia Sommerer, Tim Sommerer, Romina Weiß
Partisanen: Dietmar Irmer, Mathias Unger, Tobias Unger, Bernd Wünsche, Günter Ziegler
Das Stück spielt in einem fiktiven steirischen Bergdorf im Spätwinter und in den ersten Mai-Tagen 1945
Regie: Michael Lerchenberg • Bühne: Peter Engel • Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly • Regieassistenz: Anja Sczilinski / Bettina Weigelt • Inspizienz: Dietmar Irmer • Soufflage: Christa Guck • Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent), Petra Andrea Bachmayer (Praktikantin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister)Õ Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner • Technische Leitung: Werner Moritz
Die Dekoration wurde vom Bauhof der Stadt Wunsiedel hergestellt.
Premiere am 18. Juli 2008 keine Pause Aufführungsdauer ca. 2 Stunden
Extremer als in den Wirren der letzten Kriegstage, dem Untergang des „1000-jährigen Reiches" und dem Anbruch einer „neuen Zeit", konnte es kaum kommen - auch für die Bewohner des kleinen abgelegenen steirischen Bergdorfes St. Kilian: Dem alten Lindmoser ist die Frau verstorben, sein Sohn Toni ist aus der Wehrmacht desertiert und sucht verwundet Schutz beim alten Ortspfarrer. Der NS-Kreisleiter und eine SS-Truppe fallen ins Dorf ein. Die einzige Kirchenglocke soll abgegeben werden fürs Einschmelzen, ein Volkssturm als "letztes Aufgebot" wird zur Partisanenjagd ausgeschickt.
Bauernschlau beginnt sich die Dorfgemeinschaft zu wehren, angeführt von den Frauen und dem alten Pfarrer bildet sich eine „Volksgemeinschaft", die so sicher nicht im Sinne der braunen Machthaber ist.
Die Luisenburg-Festspiele bieten mit dieser Bühne mit ihrem eigenen Charakter und mit einem besonders theaterbegeisterten Publikum gute Voraussetzungen für das ernstzunehmende, hochkarätige Volkstheater. Nach den erfolgreichen Aufführungen von Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“, Mitterers „Die Geierwally“, Thomas „Der Wittiber“ und Orffs „Die Bernauerin“ wird nun mit „Zwölfeläuten“ des 1938 geborenen Österreichers Heinz R. Unger ein relativ neues, unbekanntes Stück vorgestellt, eines der wenigen beiträge zu diesem schwierigen Thema.
Dieses Volksstück in der Form eines Schelmenstückes läßt die treffsicher abgezeichneten Charaktere - Typen, die es überall gegeben hat und noch immer gibt (Bürgermeister, Pfarrer, Wirt und Metzger, Totengräber etc.) historisch korrekt einen weltpolitischen Umbruch erleben. Sie werden mit einer extremen Lebens- bzw. Überlebenssituation konfrontiert. Vor allem aber haben sie - und das bezieht sich ausnahmslos auf alle Figuren und alle Situationen - Angst, die sie verzweifelte Dinge tun läßt. Daraus ergeben sich die irr-witzigsten Situationen, die tiefe Einblicke ins menschliche Wesen zulassen. Je mehr sich die Figuren ihrer „weltpolitischen“ Bedeutung bewußt werden, desto komischer werden sie; der übergroße Ernst kippt im Handumdrehen um ins Komische. Loriot definiert Komik als „mißratene Würde“ und meint zurecht, daß man nur so zeigen kann, wie komisch der „Ernst des Lebens“ doch ist. Und wir Zuschauer können mitfühlen, mitleiden und auch mitlachen - bis auch uns das Lachen im Halse steckenbleibt (oder wir uns rückwirkend darüber schämen, daß wir gelacht haben...)
Folgen Sie uns also mit „Zwölfeläuten“ in ein kleines steirisches Bergdorf am Ende des Zweiten Weltkrieges. Einerseits erzwingen die Durchhalte-Nazis im unerschütterlichen Glauben an den „Endsieg“ Gehorsam und weitere Opfer; andererseits haben Partisanen bereits ihre Fäden bis ins Dorf gespannt und versuchen mit „wehrkraftzersetzenden“ Aktionen ihr möglichstes.
Nach dem von einigen seit dem Ende der k.u.k. Monachie sehnsüchtig erwarteten (durch die Versailler Verträge allerdings verhinderten) „Anschluß“ Österreichs, der 1938 von der Mehrheit begeistert begrüßt wurde, sind viele der potentiellen NS-Gegner geflohen. Noch im selben Jahr wurden ca. 50.000 Österreicher, die als regimefeindlich und politisch andersdenkend galten, in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Damit war der Widerstand im Keim erstickt. Was blieb und im Land als Widerstand agierte, kümmerte sich vor allem um Lebensmittelnachschub, das Verstecken von Todeskandidaten, also ums Überleben und um das, was „danach“ sein wird. Partisanen bildeten eine kleine, wenn auch die wirkungsvollste Form des aktiven Widerstandes in Österreich. Schon 1941 entstanden in der Untersteiermark und in Kärnten kleinere Partisanengruppen. Der wirkliche Partisanenkrieg gegen die deutsche Wehrmacht griff aber erst 1944/45 von Jugoslawien auf Kärnten und die Südsteiermark über. Da der im Oktober 1944 entlang der heutigen österreichisch-ungarischen Grenze begonnene Ausbau des „Südostwalls“ weder fertiggestellt noch durch Verbände der Wehrmacht besetzt werden konnte, sondern nur durch den in letzter Sekunde aufgestellten Volkssturm, hatte die Partisanenarmee keinen wirklichen Widerstand zu überwinden.
Partisanen rekrutierten sich vor allem aus Deserteuren, die, mit den Organisationsstrukturen und Strategien des Militärs vertraut und meist ortskundig, besonders gut agieren konnten. Deshalb durften sie sich weder von den Feldjägern noch von der Gestapo erwischen lassen. Noch dazu galt bis zum Genfer Rotkreuz-Abkommen von 1949 der Status von Kriegsgefangenen nicht für Partisanen. Sie galten bis dahin als Zivilpersonen und wurden standrechtlich exekutiert.
Sie waren also auf die Deckung und die Versorgung durch die Bauern angewiesen, konnten aber kaum mit deren Unterstützung rechnen, da diese Bauern weitgehend deutschfreundlich waren und Angst hatten, denn die SS ging besonders hart gegen Kollaborateure vor. In manchen Gebieten kam es sogar zu kleinen Bürgerkriegen zwischen den als „Diebe, Räuber und Banditen“ bezeichneten Freiheitskämpfern und den Bauern.
Ein kleines Denkmal für die vielen Einzelkämpfer des österreichischen Widerstandes, besonders aus Kirchenkreisen, ist der alte Dorfpfarrer. Wie die realen Vorbilder der in die „innere Emigration“ gegangenen Kirche leistet er vor allem aktive Seelsorge und zivilen Widerstand.
In der Pfarrchronik von Glashütten ist vom ersten Auftauchen der Partisanen im Oktober 1944 die Rede. Der Pfarrer Leopold Ettlmaier, der nach Aussagen Ungers für die Figur des Dorfpfarrers Glashüttner Pate gestanden habe, hat „seinen Bauern verboten, die Partisanen den Behörden zu melden, da sie österreichische Patrioten seien“. Die Schwanberger Pfarrchronik berichtet von der Unruhe in der Bevölkerung, da die Partisanen bewaffnet waren und weil sie von der Bevölkerung Lebensmittel zur Abgabe verlangten. Immerhin verbreitete sich auch dort die Information, daß die Partisanentruppen nicht nur aus Kommunisten bestünden, sondern sich aus Fronturlaubern zusammensetzten und sich sogar Priester darunter befänden. Auch hier griff wieder der emotionelle Antikommunismus, den Hitler für sich ausgenutzt und der sich bis heute unreflektiert erhalten hat.
Durch seine Loyalität schützt unser Dorfpfarrer, wo er kann, verhindert Schlimmeres. In diesem Sinn ist auch das kleine Zeichen des Widerstandes zu sehen, die Kirchenglocke nicht abzugeben, um sie so vor dem Umschmelzen in „kriegswichtiges Material“ zu retten. Schon Friedrich Schiller beschrieb in seinem „Lied von der Glocke“ den Glockenguß nicht nur als ãheilige“ Handlung, sondern zeigte die Glocke als Symbol und wie sie unseren Lebensweg begleitet und strukturiert.
Durch die Glocke findet unsere Dorfgemeinschaft zu einer gemeinsamen, verbindenden Basis, wird ein sinnloses Opfer vermieden und ein Weg ins Danach geöffnet, nach dem alle schon, mehr oder weniger opportunistisch, schielen. Unterstützend wirkte in der Realität die Moskauer Deklaration der Alliierten vom November 1943, in der die Österreicher und Österreicherinnen zum Widerstand aufgefordert wurden und eine Besserstellung nach dem Krieg als „Belohnung“ in Aussicht gestellt wurde. Die Alliierten waren es auch, die Österreich in seiner „Opferrolle“ bestärkten, was eine Aufarbeitung der NS-Zeit und ihrer Verbrechen in Österreich über Jahrzehnte schwierig machte.
Der letzte Akt von „Zwölfeläuten“ zeigt das Dorf unmittelbar nach Kriegsende. Die gerettete Kirchenglocke läutet den Frieden ein. Die Freude über die Befreiung ist gepaart mit den Nöten der Neuorientierung, dem Umschwenken der ewigen Opportunisten, aber auch mit der Angst vor der Entnazifizierung, was damals in der russisch besetzten Steiermark Sibirien bedeuten konnte.
Daß nun nicht plötzlich eitel Sonnenschein war, belegt ein Bericht aus Deutschlandsberg: „Den Bulgaren folgte eine „Sondereinheit“ der jugosIawischen Partisanen. Wer den Einzug dieses Haufens von Männern, Kindern und Frauen selbst miterlebt hat, wird dies wohl kaum vergessen können: Als diese „Sondereinheit“ ankam, wußte man nicht, was hier vorgeht. Männer in SA-Uniformen, Feuerwehruniformen, Steireranzügen, Fracks mit Hut oder Kappen und natürlich eine Großzahl barfuß, auch die Frauen. So waren sie gekommen und hatten sich als Befreier präsentiert. Sie spielten gerne Soldaten und es kam vor, daß sich ein Soldat auf einen Munitionsstapel, die ja in Hülle und Fülle vorhanden waren, setzte und stundenlang in die Luft schoß, nur aus Freude am Schießen.
Nach der Besetzung der Stadt begannen die Raubzüge. Kein Haus, kein Schuppen wurde verschont. Wiesen und Wälder wurden nach Menschen durchsucht, und Männer, die eingerückt waren, trieb man zusammen. So mancher mußte noch in die jugoslawische Gefangenschaft gehen. In der kurzen Zeit, in der die Tito-Truppen hier hausten, wurden Hunderte Waggons mit alten Autos, Motorrädern, Fahrrädern, Fuhrwagen und altem Gerümpel verladen und abtransportiert...
„Die Schneider hatten während der Anwesenheit der Tito-Truppen vollauf zu tun, denn sie mußten neue Uniformen anfertigen - Stoffe waren noch genug vorhanden. Als sie abzogen, waren sie schon einigermaßen gekleidet...“
Dann rückten von Norden her – zumindest bis Graz – die regulären russischen Truppen ein, die sich kaum anders auf-führten. So erzählt es Karl Friedrich, langjähriger Luisenburg-Protagonist und Volksschauspieler, der in unserer Aufführung den Ortsvorsteher Sonnleitner spielt. Friedrich hat das Ende des 2. Weltkrieges in Graz miterlebt. Somit bringt er als Zeitzeuge auch noch ein Stück Authentizität in unsere Aufführung ein.
Gemäß dem alliierten Zonenabkommen vom 9. Juli 1945 kam es am 23./24. Juli 1945 zu einem Wechsel der Besatzungstruppen in der Steiermark und die ganze Steiermark wurde zur britischen Besatzungszone.
„Knapp vorbei am Heldentod" betitelte Michael Thumser seinen bericht über „Nazi-Kommandos und schelmischer Widerstand bis zum 'Zwölfeläuten'“ in der Frankenpost
Kinder und Narren sagen die Wahrheit, und der Jogl ist dabei ein besonders komischer Vogel: ein Mann, freilich kein ausgewachsener, sondern klein wie ein Bub; und im Dorf der „Depp", freilich insgeheim einer, der gar nicht anders kann, als die Wahrheit zu sagen und zu wissen, was die Glocke geschlagen hat. So, wunderbar, spielt ihn auf der Luisenburg der nur scheinbar dürftige, in Wahrheit deftige Gerd Lohmeyer: Tapsig und quirlig, spinnert und spaßig spielt er ihn, traurig und drastisch, hellsichtig, dunkelsinnig. Stets in Gefahr, behält Jogl doch den Kopf über Wasser: ein Korken auf dem Meer. Als Totengräber amtiert Lohmeyer seit der prallen, reichlich beklatschten Premiere ... Tritt er seinen Dienst an, vertauscht er das infantile Strickwämschen mit Bratenrock und Zylinder. Gemischte Zeiten für Leute wie ihn: Kuriose Philosophen braucht keiner; aber Entsorger, die fix die Toten wegräumen. Denn Krieg herrscht, auch wenn man nicht viel hört davon im steirischen Dörfchen St. Kilian, wo sich Heinz R. Ungers Schelmenstück „Zwölfeläuten" zuträgt. Man hört, wie man so sagt, die Glocke läuten, nur weiß man nicht, wo sie hängt.Als Symbol dient ihr abseitiger Klang. An der Kirchenglocke und um sie herum entzündet sich das mit- und unmenschliche Bei- und Gegeneinander, das, kurz vor Ende der braunen Diktatur, die Menschen im Dorf entlarvt: Mitläufer und Opportunisten begreifen, schräge, gescheiterte Typen zu sein; Duckmäuser, selbstgerechte Aufschneider, aufrechte Widerständler gegen die Tyrannei geben ihren wahren Charakter preis; die Frauen, fast alle, stehen auf mit Trauer, Mutterwitz und der Entschlossenheit, ein Ende zu machen mit dem Globalgemetzel umnachteter Männer.
Ein Ensemblestück zwischen volkstümlicher und makabrer Komik, zwischen Ergötzlichkeit und endzeitlichem Ernst hat Luisenburg-Intendant Michael Lerchenberg als Regisseur aus der Vorlage geformt und gerundet, kein flottes Folklorekabarett mit antifaschistischen Gemeinplätzen, sondern eine hier behäbige, dort aberwitzige, mal ironisch triviale, mal zwielichtig bittere Satire. Mutig nah bewegt sie sich an der Absurdität; die ist auf dem Theater, wo es was taugt, immer ein Abgrund.
Mitten im Luisenburg-Sommer breiten sich steirischer Schnee und Eis zwischen den Bühnenfelsen aus (Szenerie: Peter Engels): schlüpfriger Grund für Figuren, die alle in der Gefahr stehen zu fallen, nicht wissend, wie tief. Hauptfiguren finden sich nicht: Lerchenberg brachte seine Akteure dahin, im Kollektiv einander gelten zu lassen und sich so, wiederum jeder für sich, mit Eigenkontur zur Geltung zu bringen.Sie alle schrammen „knapp vorbei am Heldentod" - so Karl Friedrich als Ortsvorsteher Sonnleitner, der sich von der ihm gleichgültigen NS-Ideologie gern an die Spitze seiner dörflichen „Volks-" und „Schicksalsgemeinschaft" hat spülen lassen; nun erklärt er sich bereit, mit einem lächerlichen „Volkssturm" Jagd auf „Banditen" zu machen: zerschundene, aber tapfere Partisanen (Stefan Pohl, Jürgen Fischer, ein Lahmer, von einem Blinden geschleppt). Oder Alfred Schedl: Der schützt sich hinter Weinerlichkeit und Bauernschläue, vielleicht ein Feigling; oder doch ein Dissident? Oder der reiche Schwarzenegger: Mit lachender Kaltschnauze bekundet Wolfram Kunkel die Gewissheit, jede Wende zu überstehen.
Exponierte Frauenrollen tun in Minderzahl mit. Vor allem im Chor machen die Dörflerinnen - pragmatisch geführt von Toni Netzle, einer Therese-Giehse-artigen Großmutter Courage - Front gegen die Konfiskation ihrer Glocke; die soll nämlich eingeschmolzen werden, für die „Wunderwaffe" und einen „Endsieg", an den keiner mehr glaubt. Gleichwohl kommandieren ihn kleinherzige wie großmäulige Nazis, dröhnend, geifernd. Gerhard Wittmann als Ortsgruppenleiter Fichtelhuber mit Hitler-Schnauzer, ein Nazi als narzißtischer Tölpel; Konstantin Bühler alias Hauptsturmführer Kroll, eine blonde Bestie, zum Schreihals verstümmelt; Christoph Fälbl, der aufgeschwemmte Kreisleiter, mit Heinrich Himmlers Physiognomie und Menschenverachtung. Zum Fürchten: Hier treibt die Aufführung einem Eis und Schnee über den Rücken. Ein Spaß ist das nicht.
Zum Schluss posaunt die Glocke den Frieden hinaus, unsichtbar. Wohl als Einzigem scheint Jogl, dem idiotischen Totengräber und lebensvollen Vernunftmenschen, zu dämmern: Das Freuden-Geläut schlägt schon wieder Alarm.
„Von Heldentaten an der steirischen Heimatfront" hatte Anastasia Poscharsky-Ziegler in ihrer Rezension für den Neuen Tag über die umjubelte Premiere von „Zwölfeläuten" auf Luisenburg zu berichten:
Regnerisch und fröstelnd kühl war es, ... noch dazu lag Schnee auf der Bühne. Doch nein, der gehörte zum wirkungsvollen Bühnenbild (von Peter Engel), zur Szenerie der letzten Kriegswochen 1945 in einem steirischen Dorf mit Hakenkreuzfahne und dem an einen Felsen gehefteten Zitat Adolf Hitlers „Ihr werdet meine Ostmärker noch kennenlernen".Doch der Autor des vieraktigen Schwanks „Zwölfeläuten", Heinz Rudolf Unger, wäre kein Wiener, wenn er das „ostmärkische Schmuckkästlein" St. Kilian in seinem Kampf gegen die Nazi-Diktatur nicht nur mit starkem Überlebenswillen, sondern auch einer riesengroßen Portion Humor und Widerspenstigkeit ausgestattet hätte: Als die Glocke der Dorfkirche zum Einschmelzen abgeholt werden soll, halten alle einmütig zusammen.
Die Helden des von Intendant Michael Lerchenberg schwungvoll in Szene gesetzten Zwei-Stunden-Stücks sind drei umwerfende Schauspieler, die zusammen über mehr als einhundert Jahre Bühnenerfahrung besitzen: als taktierender Ortsvorsteher Sonnleitner Karl Friedrich, der als Zeitzeuge das Kriegsende in der Steiermark selbst miterlebte, der kleine große Nabburger Gerd Lohmeyer als Dorftrottel Jogl und Adolf Adam als hellsichtiger und listiger Dorfpfarrer. Sehr sinnlich, lebensecht und musikalisch unterstrichen durch Tiroler Klänge der Gruppe „Franui", entwirft Regisseur Michael Lerchenberg auf der denkbar idealen Natur- und Bergkulisse ein opulentes Gemälde, dessen alpines Idyll (ein Bravo den Kostümen von Heide Schiffer-El Fouly) unter dem dunklen Schatten des Dritten Reiches steht. Alles enthält das amüsant-ernste Stück: von der Liebe der Kathi (Martina Ambach) zum Toni, dem Deserteur, der zu den Partisanen übergelaufen ist, von der Beerdigung (Leichenzug mit Blaskapelle!) der alten Lindmoserin, deren Mann (Alfred Schedl) immer wieder in Tränen ausbrechen wird, von der Großmutter Sonnleitner (eindrucksvoll: Toni Netzle), die dem Dorf die pikante Wahrheit offenbart, dass der Vater des Ortsvorstehers ein durchreisender Jude war. Nicht nur für Schrecken, sondern auch für Lachkrämpfe sorgt das militärische „Zack-Zack-Zack"-Gehabe der protzigen SS-Männer: Christoph Fälbl als Kreisleiter und Konstantin Bühler als gefährlicher Hauptsturmführer, die mit einem Oldtimer-Motorrad samt Beiwagen (aus der Garage von Bürgermeister Karl-Willi Beck) auftreten. Selbst der stramme Ortsgruppenleiter Fichtelhuber (grandios: Gerhard Wittmann mit Führerbärtchen) kann ihnen mit seinen maschinengewehrartigen Meldungen nicht genügen. Zu einem Höhepunkt der Konfrontation wird der Aufmarsch des „letzten Aufgebots" zum Volkssturm. Und der einzige, der immer sagt, was er denkt, ist der Dorfdepp Jogl.
Plötzlich sind die Russen da, „Nasdarowje!", das Hitler-Zitat wird durch rote Lobes-Parolen auf die siegreiche Sowjetarmee ersetzt, eine unmenschliche Ideologie folgt der anderen. Die Entnazifizierung steht an - das Dorf ist heilfroh, die Sabotage mit der Glocke vorbringen zu können. Und der „Jogl" Gerd Lohmeyer? Er soll das ganze Nazi-„Grümpl" aus Fahnen und Parteiabzeichen entsorgen. Er vergräbt das belastende Material mit den unheilvollen Worten: „Vielleicht kann man's ja noch mal brauchen!" - und da lacht das Premierenpublikum doch tatsächlich.
Michael Lerchenberg fühlt den aktuellen Puls der Zeit - nicht nur als „Bruder Barnabas" auf dem Nockherberg, sondern auch als Luisenburg-Intendant in Wunsiedel, der geplagten kleinen Stadt, in der zufällig Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß begraben liegt. Kurz vor Beginn der Premiere wurde in den Abendnachrichten verbreitet, dass Bayern für das nächste Schuljahr bei der Oberstufe der Gymnasien die Geschichts-Unterrichtsstunden über die NS-Zeit kürzt. Schlägt's da irgendwo zwölf?
Über die „Schelme von St. Kilian" schrieb Gero v. Billerbeck im Nordbayerischen Kurier:
... Zwar wird viel gelacht, das aber nur als Kontrast zum ernsten Hintergrund: Die Zeit, als die Nationalsozialisten „ihr" Volk gegen den Rest der Welt marschieren ließen, war alles andere als komisch. Lustiger wurde sie auch nicht, als die Alliierten die Braunen schließlich entmachteten.
Nicht einmal der Zukunft war (und ist) zu trauen: Als der Totengräber und Dorftrottel Jogl in der Schlussszene die Nazi-Devotionalien verscharren soll, schafft er ein Hitler-Portait beiseite. Sein „Vielleicht können wir ihn nochmal brauchen" weckt unschöne Gedanken an jene Wunsiedel-Pilger, die alle Jahre wieder den dort begrabenen „Führer-Stellvertreter" hoch leben lassen wollen.
Deren geistige Großväter sind beim „Zwölfeläuten" hektisch damit beschäftigt, ihr Germanenreich zu retten. Die paar Männlein, die nicht im Krieg verheizt sind, werden zum Volkssturm eingezogen. Derlei zu organisieren, ist nicht Sache des pragmatischen und also unzuverlässigen Ortsvorstehers Sonnleitner. Da müssen schon die Öberen her. Per Motorrad mit Beiwagen knattern sie herbei, der goldfasanige Kreisleiter (Christoph Fälbl), der SS-Hauptsturmführer (Konstantin Bühler) und der nicht minder fanatisch-gefährliche Obersturmmann (Günter Ziegler).Regisseur Lerchenberg versteht es meisterhaft, hier auf dem messerschmalen Grat zwischen der Lächerlichkeit solch vergeblicher Bemühungen und der beklemmenden Präsenz schwer bewaffneter, explosiver Dummheit zu balancieren. Schon der Versuch, eine kleine Kompanie ausgefuchster alter Dorf-Eulenspiegel für den Heldentod zu rekrutieren, ist ja nicht nur komisch, sondern wegen seiner Realitätsnähe vor allem tragisch.
Aber Adolf Hitler hat es vor allem uns Nachgeborenen prophezeit mit jenem Spruch, der da wie ein Motto hoch oben am Felsen prangt: „Ihr werdet meine Ostmärker noch kennenlernen". Dass wir sie auf ganz andere Weise, nämlich als verkappte Pazifisten, liebgewinnen würden, hat sich der GröFaZ (Größte Feldherr aller Zeiten) allerdings nicht (alb-)träumen lassen. Mit dem Schauspieler Karl Friedrich ist sogar ein „echter" Ostmärker dabei, zumindest hat er das Kriegsende in Graz miterlebt. Nach Ansicht des Intendanten steigert das seine Authentizität als Ortsvorsteher Sonnleitner. Ob authentisch oder nicht: Wir erleben den altgedienten Luisenburg-Komödianten wieder mal als herzerfrischendes Schlitzohr. Wenn dieser Sonnleitner nolens volens mit Nazi-Vokabeln um sich schmeißt, karikiert er dergleichen auf unnachahmliche Weise.
Ein bestens aufgelegtes (und eingesetztes) Ensemble begleitet Friedrich. Mit Gerd Lohmeyer erleben wir einen zweiten Komiker-Star. Sein Totengräber und Dorftrottel Jogl amtiert wie ein Hofnarr quasi unter einer Schellenkappe als koboldiger Philosoph. Die Herzen (und der lange währende Schlussapplaus) flogen ihm nur so zu.
Georg Kasch schrieb in der AZ Nürnberg über den „Erfolg für Michael Lerchenberg"
... Im 1985 uraurgeführten Stück, einer seltenen Mischung aus Schwank und Drama, müssen die Bewohner des sterischen Phantasieortes St. Kilian in den letzten Kriegstagen zu einer gemeinsamen Haltung finden, um die Kirchenglocke und die Partisanen zu retten, zu denen auch ein Sohn des Dorfes gehört. Gar nicht so einfach, weil die Gemeinde aus Menschen mit Einzelinteressen besteht. Aber weil die Frauen ihre Gatten und Söhne mit unbequemen Wahrheiten erpressen und sich der Ortsgruppenleiter den Strick nimmt, gibt's am Ende ein Happy End. Eines mit Leichen nicht nur im Keller.Auf der großen Luisenburg-Naturbühne liegt künstlicher Schnee... in der Inszenierung von Luisenburg-Intendant Michael Lerchenberg steckt der Schalk im Detail: Aus Jogl, Dorftrottel und komische Hauptfigur, der im Witz der Hellsichtigste von allen ist, macht Gerd Lohmeyer einen kugeIigen Alten mit ausgefeilter Körperkomik. Vom chaplinesker Größe, wie er armwedelnd aus dem „Volkskörper" ausschert, um seine Kommentare abzugeben, schließlich den Führer-Witz erzählen soll, der schon einen Dorfbewohner das Leben kostete, um kurz vor der Pointe in Schweigen zu verfallen.
Die Frauen führt Toni Netzles Großmutter Sonnleitner im Kampf um die Glocke mit agitatorischem Elan, der Sonnleitner selbst ist bei Karl Friedrich ein im Grunde uriger Anpasser, Gerhard Wittmann gibt als Ortsgruppenleiter den Miniaturführer mit metallischem Gebrüll. Je länger die gut zweistündige Inszenierung dauert, desto plastischer und vielschichtiger werden auch die Charaktere. Dabei ergeben sich Szenen von einer Intimität die man einer Freilichtaufführurig kaum zutrauen würde.
„Archaisch, anarchisch, aberwitzig" — Eva Maria Fischer im Straubinger Tagblatt zu „Zwölfeläuten" und den diesjährigen Luisenburg-Festspielen:
Viel Fingerspitzengefühl braucht es in der Bundesrepublik, will man Komik und die Zeit des Nationalsozialismus zusammenbringen. Vielleieht hat deshalb Heinz R. Ungers steirischer Schwank „Zwölfeläuten" bei der Uraufführung 1987 am Bayerischen Staatsschauspiel nicht funktioniert. Michael Lerchenberg, Intendant der Luisenburg-Festspiele, folgt im Wesentlichen bei der Spielplangestaltung der „Wunsiedier Dramaturgie": „Zwei müssen's tragen, eins kann man wagen." Das diesjährige Repertoire steht ganz im Zeichen der Rebellen und Revoluzzer. Gegenüber dem „Rustikal" "Der Watzmann ruft" von und mit Wolfgang Ambros, Friedrich Schillers Schauspiel „Die Räuber" und dem Farnilienstück „Der Räuber Hotzenplotz" nach den Kinderbüchern von Otfried Preußler erscheint dieses kritisch-politische Volksschauspiel deshalb die riskanteste Inszenierung dieser Saison zu sein.
Es ist in der Steiermark in den Wirren der letzten Kriegstage verortet, zwischen Durchhalteparolen und dem Schielen auf den „Anbruch einer neuen Zeit". Die übriggebliebenen Einwohner des kleinen Bergdorfs St. Kilian fühlen sich bedrängt von SS-Truppen einerseits und verwundeten Partisanen andererseits, Angst vor Kommunismus und KZ. Der Ortsvorsteher Sonnleitner, gespielt von Karl Friedrich, formuliert den traurigen, zum Teil verlogenen Überlebenswillen, der Bevolkerung: „Die Wahrheit is', es will ein jeder durchkommen, irgendwie. In der Kohlengrub'n bleibt keiner sauber".
Die Kirchenglocke soll abgegeben werden zum Einschmelzen für Waffen, doch plötzlich keimt Widerstand auf: Sie wird zum einigenden Symbol für die Gemeinde, deren Leben durch sie begleitet und strukturiert wird. Angeführt vom Pfarrer und den Frauen entsteht eine trotzig bauernschlaue Volksgemeinschaft, die sich dem „Volkssturm" entgegensetzt. Eine andere Wahrheit, weder offiziell noch inoffiziell, sondern zutiefst existentiell, repräsentiert zuvorderst der Totengräber Jogl, der weise, schlitzohige Narr, hinreißend interpretiert von Gerd Lohmeyer: Archaisch, anarchisch, aberwitzig. So meldet er, was der abgestürzte englische Flieger, den die Dorfbewohner ohne Verhör erschlagen haben, gesagt hätte: „I' hab' ganz genau verstanden, was er g'sagt hat, der Tommy! Mama, Mama!"Lerchenberg gelingt eine fesselnde Version des Schwanks, in der Betroffenheit und Komik ausgelotet sind, gesteigert zur Groteske. Wie kein anderer Regisseur versteht er es, die weitläufige Naturbühne nicht als Staffage, sondern als Hauptdarsteller zu nutzen. Die Gänge, vielmehr das Klettern, Schleichen, Besteigen, Fallen, Durchrauschen der Figuren durch schneebedeckte Bäume und Felsen, Friedhofs- und Hakenkreuzen, bilden den kraftvoll poetischen Rhythmus des Stücks, der sich in den Klängen der Osttiroler Musicbanda „Franui" wiederfindet. Wald- und feiner Weihrauchgeruch strömt dem Publikum entgegen. Knatternd und stinkend rast ein Motorrad mit Beiwagen auf die Bühne, aus welchem der Hauptsturmführer SS-Kroll heraussteigt: ein fanatischer Vertreter der Macht, der jeden Widerstand gleich im Keim ersticken will. Persönliche Schicksale gibt es für ihn nicht. Die Teile des Systems haben zu funktionieren. So sind die Dorfleute für ihn lediglich „ein trauriger Haufen" oder „mieses Menschenmaterial". Glaubwürdig interpretiert wurde dieser gefährliche Karrierist mit dem forschen, zackigen Auftreten von dem 29-jährigen Konstantin Bühler, der für seine kraftvolle schauspielerische Leistung den Rosenthal-Nachwuchspreis verliehen bekam. In der Klassiker-Inszenierung von Petra Wüllenweber spielte er auch den intriganten Franz Moor. Matthias Lehmann, als Räuber Schweizer mit ihm auf der Bühne, wurde mit dem Preis der Festspielstadt Wunsiedel geehrt. Beide bekommen ein Preisgeld von jeweils 1000 Euro und eine Porzellanvase, versehen mit einer persönlichen Widmung und dem Dekor der Luisenburg, die sich wieder zur Hochburg anspruchsvollen Volkstheaters im besten Sinn etabliert hat.