Maximilian, Graf von Moor: Wolfram Kunkel
Karl Moor, der Erstgeborene: Dirk Lange
Franz Moor, der Nachgeborene: Konstantin Bühler
Amalia von Edelreich: Katharina Gebauer
Hermann, Bastard von einem Edelmann: Philipp Rudig
Daniel, Hausknecht beim Grafen von Moor: Michael Boettge
Ein Pater: Jürgen Fischer
Libertiner, nachher Banditen:
Spiegelberg: Peter Kaghanovitch
Schweizer: Matthias Lehmann
Grimm: Stephen Appleton
Razmann: Stefan Pohl
Schufterle: Katrin Ruhnke
Roller: Till Florian Beyerbach
Schwarz: Martina Ambach
zwei Räuber: Dominic Rasp, Klaus Wagner
Regie: Petra Wüllenweber • Bühne: Katharina Sichtling • Kostüme: Alexandra Pitz • Musik: Markus Reyhani • Regieassistenz: Bettina Weigelt • Inspizienz: Dietmar Irmer • Soufflage: Christa Guck • Maske: Ingrid Hannemann (Leiterin), Sylvia Schröder • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin) Günther Biank (Herrengewandmeister), Dominique Selmayr (Damengewandmeisterin) Berit Langer, Kerstin Schusser, Sebastian Thiele Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite: Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent), Petra Andrea Bachmayer (Praktikantin) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister) • Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Beleuchtungsmeister), Jürgen Dietl, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Alfred Späth (Bühnenmeister, Leiter), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Alfred Dumler, Michael Milzarek, Reinhard Werner • Technische Leitung: Werner Moritz
Die Dekoration wurde vom Bauhof der Stadt Wunsiedel hergestellt.
Premiere am 27. Juni 2008 keine Pause Aufführungsdauer ca. 2 ¼ Stunden
Der alte Moor hat zwei Söhne. Karl, der Erstgeborene und Lieblingssohn, führt in Leipzig ein lockeres Studentenleben. Franz, der Nachgeborene, eifersüchtig auf den großen Bruder und Alleinerben, sieht seine Chance gekommen, als Karl, zur Umkehr entschlossen, den Vater in einem Brief um Vergebung bittet. Franz hält Karls Brief zurück und hetzt den Vater mit einem angeblich von einem „Korrespondenten“ geschriebenen Text auf, der Karl als Frauenschänder, Mörder und Bandit darstellt. Damit bringt Franz den Vater so weit, daß er Karl verbannt und enterbt.
Karl ist darüber so entsetzt, daß er, weil er „keinen Vater mehr, keine Liebe mehr“ hat, sich Blut und Tod zum Vergessen verschreibt, sich einer Räuberbande anschließt und deren Hauptmann wird. Karl verstrickt sich immer tiefer in den Teufelskreis und schwört schließlich den Räubern ewige Treue. Bevor er alle Brücken hinter sich abbricht, will er sich von seiner geliebten Amalia verabschieden. Verkleidet geht er nach Hause zurück, findet Franz, der den Vater aus dem Weg geschafft hat und nun als Erbe regiert, findet Amalia, die ihm treu geblieben ist und sich Franzens Annäherungs- und Vergewaltigungsversuchen widersetzt hat, durchschaut die Intrigen und erkennt das Ausmaß der Tragödie, in die er sich verstrickt hat...
Die erste Aufführung der „Räuber" auf der Luisenburg fand 1833 statt. Es folgten weitere Inszenierungen in den Jahren 1926, 1928, 1935, 1940, 1955, 1974 und 1989. Nun also im 3. Jahrhundert "Die Räuber" - aber wie? Darüber sprach Dramaturg Manfred Bachmayer mit der Regisseurin Petra Wüllenweber, der Kostümbildnerin Andrea Pitz und der Bühnenbildnerin Katharina Sichtling sowie einigen Schauspielern am Rande der Probenarbeit.
Dramaturgie: Die erste Frage, die an den Regisseur eines „Klassikers" gestellt wird, ist immer die, ob das Stück „modern" oder „wie es sich gehört" auf die Bühne gebracht werde.
Wüllenweber: Modern – wie es sich gehört! Wir haben ja gar keine andere Wahl, denn auf der Bühne stehen heutige Menschen und wir spielen für ein heutiges Publikum.
Dramaturgie: Gemeint ist mit dieser Frage normalerweise nicht das Inhaltliche, denn Veränderungen am Text müßten ja im Titel angegeben werden (z.B.: nach Schiller). Es geht also um das Wie, vor allem ums Optische.
Sichtling: Ich denke, es geht bei dem Thema weniger ums Optische als um Ansichten, Anschauungen. Die Begriffe „klassisch" und „modern" befinden sich in einem ständigen Wandel und sind dementsprechend ungenau. Dies läßt sich besonders gut am Beispiel Schillers veranschaulichen: Zu seiner Zeit sicher ein äußerst moderner Autor, gilt er uns heute als Klassiker.
Versuchen wir uns der Begriffserklärung über die sprachlichen Wurzeln zu nähern, finden wir unter lat. classicus, „erstklassig, mustergültig", und unter modern, „zeitgemäß, auf dem neuesten Stand". In diesem Sinne kann die Antwort auf die Frage „klassisch oder modern" nur lauten: sowohl als auch!
Dramaturgie: Schiller stand der „Grande Revolution" durchaus wohlwollend gegenüber, sah jedoch den Umschlag in die freiheits- und menschenverachtende Schreckensherrschaft der Jakobiner voraus und wandte sich gegen „la Grande Terreur". Sind seine „Räuber" also doch, wie es die zeitgenössische Skizze von Viktor von Heideloff „Schiller liest die Räuber im Bopserwald" (und die große Zahl von Inszenierungen auf der Luisenburg) nahelegt, für unsere romantische Natur-Bühne gedacht?
Wüllenweber: Das täuscht. Es geht schon bei Schiller nicht um Räuberromantik und um so freundliche Räuber wie den Hotzenplotz, der interessanterweise zeitgleich hier auf dieser Bühne im Familienstück sein Unwesen treiben darf; es geht auch nicht um naturbegeisterte Aussteiger.
Sichtling: Wenn sich etwas mit Sicherheit über Schillers „Räuber" sagen läßt, dann daß sie nicht seßhaft sind. Entsprechend habe ich nach einem mobilen Bezugspunkt gesucht, der einerseits Kontrapunkt zum „Schloß" der Familiendynastie sein und sich andererseits in ein Gesamtbild (einschließlich der Natur) fügen sollte. Auf der Suche nach gegenwärtigen Zeichen von auffälliger Machtdemonstration bin ich schließlich nicht nur auf das Haus Moor gestoßen, sondern auch auf das Bindeglied Baustelle.
Pitz: Unsere Kostüme sind weder historisierend (und entziehen sich dadurch einer Romantisierung) noch auf Biegen und Brechen „modern", sondern spiegeln wider, daß Schiller manchmal doch sehr schwarz-weiß zeichnet und daß beim Zusammentreffen der beiden Extreme Blut fließt. Gewollt ist, daß sich im Laufe des Spiels die Konturen verwischen, sich die Farben vermischen, daß die „weiße Weste" eben nicht weiß bleibt.
Wüllenweber: Friedrich Schiller hat uns eine „moderne", heutige Interpretation leichtgemacht, denn sein Erstlingswerk „Die Räuber" war zur Entstehungszeit genauso aktuell, wie es heute noch ist. Es geht um die Wurzeln und die Eskalation von Gewalt. Und das ist ein Thema, das heute genauso brisant und ungelöst ist wie damals. Geradezu ein Schulbeispiel dafür, wohin Gewalt führt – niemals zu Lösungen, sondern immer zu neuer Gewalt, zu noch mehr Gewalt –, wird uns in Palästina vor Augen geführt. Wenn man nun Schiller genau liest bzw. wenn man genau hinhört, findet man gleich in der ersten Räuberszene die Idee von einem Judenstaat im „Gelobten Land". 1781! - das haben nicht wir hineingeschrieben. Da müssen wir nicht „modernisieren"!
Dramaturgie: Ein viel näherliegendes Beispiel sind die „Schwabinger Krawalle" von 1962, die von einer Anzeige gegen drei Straßenmusiker ausgingen, von denen sich Anwohner" gestört fühlten. Einer der Musiker war Wolfram Kunkel, der bei den „Räubern“ 1989 auf der Luisenburg schon dabeiwar und jetzt den alten Moor spielt.
Kunkel: Das hat damals wirklich ganz harmlos angefangen. Erst mit der Überreaktion der Polizei wurde der Konflikt gewalttätig und eskalierte. Als nach fünf Tagen die Polizei mit dem Schlechtwettereinbruch verschwand, war für uns Musiker dieses „Polizeisportfest" auch vorbei. Anders für Andreas Baader, der mit dabeiwar und der aus seiner Feststellung „In einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung", andere Konsequenzen gezogen hat. Sein Weg führte zur RAF, deren „Hauptmann" er schließlich wurde.
Wüllenweber: Der Ursprung der Gewalt findet auch in Schillers „Räubern" tatsächlich in den kleinsten Einheiten der Gesellschaft statt, manchmal in der „Unwirtlichkeit der Städte", wie z.B. bei uns in der „Betonburg". Hier hat der alte Moor durch seine, nicht nur von Franz so empfundene Bevorzugung Karls, des Erstgeborenen, Ungleichheit und damit Neid, Minderwertigkeitsgefühle, Aggressionen gesät. Verschärft wird das Problem immer dann, wenn auch noch Geld im Spiel ist.
Dramaturgie: Wollen Sie damit zeigen, daß in einer „natürlicheren" Umgebung weniger Gewaltpotential vorhanden ist?
Wüllenweber: Nein, es kann höchstens sein, daß es anders ausgelebt, abreagiert werden kann.
Natürlich darf auch nicht übersehen werden, daß in den Betonwüsten unserer (Groß-) Städte häufig kaputte, zerrüttete Familienstrukturen zu finden sind - prozentual vielleicht nicht häufiger als sonst, aber aufgrund der Bevölkerungsdichte auffallend -, daß ein ungeheures Gewaltpotential vorhanden ist, das aus den gleichen Motiven gespeist wird wie bei Schiller.
Dramaturgie: Er litt unter dem Eingesperrtsein in der „Hohen Karlsschule", auch er versuchte, sich seinen Freiraum, den man ihm verwehrte, zu erkämpfen – und provozierte mit einem geradezu revolutionären Theatertext.
Das führt uns zu der Frage, ob man Schillers Räuberbande als eine revolutionäre Truppe wie z.B. die RAF sehen kann oder muß.
Wüllenweber: Nein, und da bin ich nicht die erste und einzige, die dies festgestellt hat. Seine „soziale Ader", daß seine Schurkereien den Armen und Unterdrückten helfen sollen, entdeckt Karl Moor erst, wenn er - übrigens wie sein Bruder Franz - nach einer moralischen Rechtfertigung seiner Taten sucht. Die Räuber sind keine politisch motivierten Terroristen. Karl und Franz - und da sind sie wirklich wie Zwillinge - handeln aus ganz privaten Motiven heraus, aus einer persönlichen Gekränktheit, Verletztheit heraus, und sie suchen nur ihren eigenen Vorteil. Das ist eine Kritik an der Gesellschaft, die schon in ihren kleinsten Zellen oft nicht richtig funktioniert.
Dramaturgie: Das hat Goethe durchaus richtig gesehen, als er laut Eckermann gesagt haben soll: „Wäre ich Gott gewesen, im Begriff, die Welt zu erschaffen, und ich hätte in dem Augenblick vorausgesehen, daß Schillers 'Räuber' würden darin geschrieben werden, ich hätte die Welt nicht geschaffen."
Spannend ist auch die Frage, ob die beiden Brüder Karl und Franz wirklich so grundverschieden sind. Unser Karl, Dirk Lange, hat vor einigen Jahren bereits den Franz Moor gespielt.
Lange: Ich war total glücklich, den Franz zu spielen, weil er mir als der Klarere von beiden erschienen ist. Dieses emotionale Hin und Her von Karl hat mir nie behagt. Desto mehr freue ich mich darauf, den Karl immer mehr an mich heranzulassen. Und ich stelle fest, wie ähnlich sich die beiden wirklich sind. Die Einteilung in den „guten" Karl und Franz, die Kanaille (frz. Canaille, von lat. canus, „Hund", und ital. canaglia, „Hundepack, Gesindel"), stimmt einfach nicht. Mißt man es an den Morden, so hat Franz einen, Karl aber hunderte auf dem Gewissen.
Dramaturgie: Bei Schiller gibt es außer Amalia keine Frauen. Auch keine Mutter der beiden Brüder, die vielleicht die Einseitigkeit des Vaters hätte wettmachen und beiden eine Nestwärme hätte bieten können. Nun scheint Schiller selbst in der Karlsschule unter diesem Mangel gelitten zu haben, wenn er „entschuldigend" anmerkt, daß es ihm an Vorbildern gefehlt habe: „... die Tore dieses Instituts öffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, ehe sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben, es zu sein...". Die Gesellschaft seiner Zeit war eine reine Männer-Gesellschaft. Auch in der Schubartschen „Räuber"-Vorlage gibt es keine Frauen. Sie waren zu dieser Zeit ausschließlich für Kinder, Küche, Kirche zuständig, und eine Emanzipation, die in letzter Konsequenz natürlich auch bedeutet, daß Frauen zur Waffe greifen können, um einer Gewalt Gewalt entgegenzusetzen, war damals kaum vorstellbar.
Wüllenweber: Das war meine Überlegung, daß man bei einer heutigen „Räuber"-Inszenierung diesem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen muß. Frauen spielen in der Gesellschaft eine wichtige Rolle - und eben nicht immer nur eine positive. Von KZ-Wärterinnen bis hin zu Soldatinnen und Terroristinnen oder den „Schwarzen Witwen" aus Tschetschenien, die militant wurden, weil ihnen der Krieg die Männer, Brüder, Freunde nahm, weiß man, daß Frauen zu einer außergewöhnlichen Brutalität fähig sind.
Deshalb wollte ich auch keine „Räuber-Bräute", denn das gibt erstens der Text nicht her, zweitens würde es gesellschaftliche Realitäten negieren.
Dramaturgie: Sind Frauen deshalb so gefürchtet, weil sie um ihre Anerkennung fürchten, wenn sie nicht ein bißchen besser, mutiger, brutaler und radikaler, eben „männlicher" sind als ihre männlichen „Vorbilder"?
Wüllenweber: Das glaube ich nicht. Frauen sind nicht brutaler! Die Schiller-Texte, ursprünglich für Männer gedacht, funktionieren auch mit Frauen - aber weder besser noch schlechter. Da agieren Menschen, die jegliche Hemmschwellen überschritten haben. Sie haben, wie es im Räuber-Text ja heißt, nichts mehr zu verlieren.
Ich will hier aber nicht verallgemeinern. Ich vermute nur, daß Frauen - wie zum Beispiel unsere Räuberin Schwarz -, wenn sie ihre Verzweiflung einmal die Grenze überschreiten ließ, konsequenter, radikaler sind. Für sie scheint es kein Zurück mehr zu geben, keinen Raum mehr für ein Zögern und Zaudern - wie Hamlet oder auch Karl Moor, der ja immer wieder zurückschreckt, neu motiviert werden muß und oft nur affektiv, aus dem „Bauch" heraus, handelt - genau das, was man uns Frauen immer unterstellt.
Dramaturgie: Wie kann man dem entgegenwirken?
Wüllenweber: Indem man Schillers Botschaft beherzigt, daß man Gewalt nicht mit Gewalt begegnen darf, daß Gewalt nur neue Gewalt zeugt. Wir müssen Verhältnisse schaffen, die ein Entstehen von Gewalt gar nicht erst zulassen.
„Sehnsucht nach Liebe und Atem nach Freiheit" war die Rezension von Stefan Voit über die „sehenswerte Inszenierung von Schillers „Räuber" unter der Regie von Petra Wüllenweber bei den Luisenburg-Festspielen" im Neuen Tag Weiden überschrieben:
Wohin treibt unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Sind wir wirklich dabei, uns selbst auszulöschen? All unsere Werte wie Achtung und Nächstenliebe über Bord zu werfen? Regieren nur noch Hass, Macht, Geld und Korruption? Diese Fragen tauchen immer wieder auf, wenn man sich Friedrich Schillers Schauspiel „Die Räuber" vor Augen hält, jenen Klassiker der deutschen Literatur, der nichts, aber auch gar nichts an Aktualität verloren hat, obwohl dessen Uraufführung über 230 Jahre zurückliegt.
Intendant Michael Lerchenberg hat eine wichtige und richtige Wahl getroffen, dieses Stück um Glaube, Freiheit, Macht und Herrschsucht auf die Luisenburg zu holen - als eines der meistgespielten Stücke dort -, weil es immer noch vorhandene und immer stärker werdende Strömungen und Stimmungen in unserer Gesellschaft aufzeigt, über die man nicht hinwegschauen darf.
Im Schloss - als Betonburg im Bühnenbild umgesetzt von Katharina Sichtling - des alten und kraftlosen Grafen Moor (eindringlich: Wolfram Kunkel) herrscht Trauer und Gewalt. Der erstgeborene Karl (facettenreich und spielfreudig: Dirk Lange) treibt sich in der Welt herum und überlegt, in heimische Gefilde zurückzukehren. Seinem eifersüchtigen und eiskalten Bruder Franz (überzeugend: Konstantin Bühler) passt dies überhaupt nicht, sieht er sich doch, immer unter dem großem Bruder und seinem krankhaften Ego leidend, als künftigen Herrscher. Mit einem fingierten Brief bringt er den Vater dazu, Karl zu enterben und zu verbannen. Dieser schart daraufhin eine Bande von skrupellosen Gewalttätern um sich (die Kostüme von Alexandra Pitz sind an Stanley Kubricks Film „Clockwerk Orange" angelehnt), die in einem Bauwagen lebt und von dort aus in den 'böhmischen Wäldern' ihre blutigen und gewalttätigen Streifzüge unternimmt.
Franz indes, schafft es, seinen Vater aus dem Weg zu räumen und die Macht an sich zu reißen. Mit Hilfe des Dieners Daniel (eindringlich: Michael Boettge) versucht er auch Amalia (verführerisch: Katharina Gebauer) für sich zu gewinnen, die jedoch immer noch Karl liebt.
Räuberhauptmann Karl, der seiner Bande ewige Treue geschworen hat, möchte noch einmal - bevor er alle Brücken hinter sich abbricht - nach Hause zurückkehren und sich von seiner Liebsten verabschieden. Die Tragödie nimmt ihren Lauf...Actionreich, lebendig und mit einem überaus spielfreudigen und homogenen Ensemble hat Regisseurin Wüllenweber ein engagiertes und modernes Stück auf die Bühne gebracht, mit einem Spielfluss und Inhalt, der nichts mit Räuberromantik zu tun hat. Es geht um den Umgang mit Macht und den Einfluss von Gewalt, die noch immer keine Lösung ist. „Wir müssen Verhältnisse schaffen, die Entstehen von Gewalt gar nicht erst zulassen", sagt Petra Wüllenweber im Interview. Darüber sollten wir alle nachdenken!
Auf dem „Spielplatz für Desperados" beobachtete Michael Thumser für die Frankenpost einen „unentschiedenen Zweikampf der Besessenen"
... Mit Messer und Pistole hantieren sie, mit Benzinkanistern sogar und einem Sprengsatz nebst blinkendem Zeitzünder. Fliegt also alles in die Luft? Heil zwar bleiben die Granitgefüge der Szenerie. Doch die zivilisierte Welt geht gründlich aus den Fugen an diesem langen, nach den Politikerreden sogar kurzweilig-spannenden Premierenabend. Die Räuber sind eine Räuberpistole: Mit Gewalt, expressionistischer Überspitzung, entfesselter Kraftrhetorik spart Friedrich Schillers Jugenddrama nicht. Und Regisseurin Petra Wüllenweber belässt ihm seine Kolportage: all das Protzen und Giften, die konstruierten Verwicklungen und Intrigen, das fluchende Freiheit oder Tod-Pathos. Dafür trieb sie ihm, gewaltfrei modernisierend, alle altdeutsche Kostümdramatik und die idealistische Räuberromantik aus.Welten prallen aufeinander und decken sich doch in Katharina Sichtlings Bühnenbild. Eine Baustelle: links, wo um Karl Moor die Räuber hausen, ein Bauwagen; rechts glatte Bretterflächen, silbern wie Beton das Elternhaus, darin Karls Zwillingsbruder Franz seine Ränke schmiedet; dazwischen: Schubkarre, Eimer, Leitern Wird hier gebaut? Es wird eingerissen. Die Räuber, einst wackere Dissidenten im Unterdrückerstaat, verkommen zu einer Horde Desperados. Mit Hasspredigten tut sich Peter Kaghanovitch als Spiegelberg hervor. Plündernd, schändend zieht die Bande in Clockwork Orange-Uniform durchs Land: weiß mit schwarzen Stiefeln und Suspensorium vorm Unterleib (Kostüme: Alexandra Pitz). Vom Dreck, darin sie wühlen, bleibt mehr und mehr an ihnen haften.
Und doch kommen sie einem auf der Luisenburg weniger unmenschlich als übermütig vor wie Kinder auf einem Abenteuerspielplatz mit Grill, Liegestühlen, Blumenkasten. Als singende, grölende, trommelnde Mordbrenner speien sie mit Worten reichlich Feuer, aber nicht aus ihren Flammenwerfern: Deren Düsen bleiben kalt.Dergleichen schwächt zusammen mit bisweilen holprigen Anschlüssen im eingestrichenen Text und mit Zäsuren, die sich zu Lücken weiten das Geschehen in seiner Unerbittlichkeit.
Die kehrt indes im Spiel und Gegenspiel der feindlichen Brüder zurück ein Duell der Besessenen, das remis ausgeht. Zwei exzellente Akteure formen aus der Kolportage Charaktere, grundverschieden und ähnlich auch, fesselnd beide. Dirk Lange als Karl: Das ist der kluge Kopf, der die Gelegenheit versäumte, ein guter Kerl zu werden. Nun bleibt ihm bloß die Wut des Reuigen. Nach nicht wieder gut zu machenden Gräueln an anderen zerfleischt er jetzt sich selbst, Sühne suchend, neue Schuld aufhäufend. Zugleich steckt Liebe in ihm: zum gräflich-grämlichen Vater (Wolfram Kunkel, halb Gutsherr, halb Hiob), zur Braut Amalia (im freizügig roten Kleid: Katharina Gebauer, halb schöne Seele, halb Schlampe). Doch der Hass hat Karl erobert wie die Machtgier den Bruder.
Herr muss ich sein: So definiert Konstantin Bühler den Franz ein anmaßender Feuerkopf, schlank und ansehnlich im Schwarz von Hemd und Hose, mithin kein Hässlicher mit siecher Außenseite, wie von Schiller vorgesehen, sondern stark an Leib und Willen, also sehr gefährlich. Nicht einfach einen Maniac und Manipulator stellt Bühler hin, sondern, tiefenschärfer, den Pragmatiker des Eigennutzes als heißhungrigen Wolf, der nichts entschiedener fürchtet als zu kurz zu kommen. Bis zum Kontrollverlust, schließlich bis zur Erbärmlichkeit berauscht er sich am eigenen Zynismus und an einem Zorn, der noch die Treusten um ihn anfällt, so den Hausknecht Daniel: Der ringt bei Michael Boettge ergreifend um seine Redlichkeit.
Für den Nordbayerischen Kurier entdeckte Gero v. Billerbeck „Emotionen – hoch- aber nicht ganz gargekocht". Er schrieb über den „Fesselnden Premiereanabend":
... Wenn der alte Graf von Moor seinen Sohn Franz mit dem Kopf an den Felsen knallt (gottlob nur scheinbar), ist diese Bud-Spencer-Tour nur die Oberfläche. Dahinter verbirgt sich die herzzerreißende Tragödie, wie ein Sohn, weil er erst später „aus dem gleichen Ofen geschossen" wurde wie sein älterer Bruder, auf der Schattenseite des Lebens landet und zum Scheusal mutiert. Das ist zwar nur Vor-Geschichte, aber sie wird sorgfältigst mitinszeniert, auch wenn wir sie auf der Bühne gar nicht erleben.
... Zumindest ist es aufregend, wenn diese zwielichtigen Menschen von einer Klemme in die nächste hasten und in ihrer Not mit ziemlich brenzlig aussehenden Benzinkanistern herumhantieren. ... Wüllenweber ... hält ihr Publikum emotional auf Trab. Lässt uns schmunzeln, wenn der frisch gebackene Räuberhauptmann Karl seine Mannen mit Wein tauft, der pragmatische Spiegelberg sein Taufmedium aber lieber säuft und damit gleichzeitig signalisiert, dass er ein unsicherer Kantonist ist. Lässt uns zittern, wenn Karl in sich den „Gutmenschen“ entdeckt und seinen Gehilfen, der sich mit Kindsmord brüstet, mit schneidendem Sarkasmus aus der Bande verstößt. Lässt uns den Tränen nahe sein, wenn Karl und Amalia sich unter aussichtslosesten Bedingungen wieder sehen.
In der Darstellung durch Katharina Gebauer bringt diese Amalia das Psycho-Kunststück fertig, den Geliebten seiner Taten wegen nicht erkennen zu wollen, sich aber in „den anderen" umso mehr zu vergaffen - darstellerisch wie inszenatorisch eine Glanzleistung. Vielleicht erklärt diese Amalia-Ambivalenz auch den zunächst befremdenden Moment, in dem wir die gräfliche Nichte kennenlernen: Sie räkelt sich lasziv in den Kulissen, um sich im nächsten Moment darüber zu wundern, dass der verhasste Vetter Franz ihr Avancen macht.
Emotion ist in dieser Produktion alles. Wolfram Kunkel stellt einen anrührenden Maximilian von Moor auf die Bühne, einen von Leid gebeugten und Mitleid erregenden Mann, der unter unseren Augen zum Greis wird. Dirk Lange ist sein verstoßener Lieblingssohn Karl, der seine Nöte nur so hinausschreit... Der größte Lorbeerkranz aber gebührt Konstantin Bühler für seinen abgefeimten Mooren-Franz. Wie er sich schein-„cool" in die Rolle des zu allem berechtigten Verlierers hineinsteigert, wie er sich gegen Ende in nichts als ein Händepaar verwandelt, das verzweifelt zu beten versucht - das ist große Schauspielkunst.
Stephan Maurer schrieb für dpa:
Regisseurin Petra Wüllenweber verlegt den Klassiker in die Gegenwart und präsentiert auf der ältesten Naturbühne Deutschlands ein Stück voller Grausamkeit und Gewalt. Die Premierenbesucher ... honorierten die engagierte Leistung des spielfreudigen Ensembles mit viel Beifall.Kein Stück ist auf der Luisenburg häufiger gespielt worden als „Die Räuber" - schon 1833 fand die erste Aufführung statt. Doch das Sturm-und-Drang-Drama um die Brüder Karl und Franz Moor sei unverändert aktuell, meint Intendant Michael Lerchenberg: „Schillers Beschreibung von Gewalt und Hass lässt uns heute noch erschrecken." In Wüllenwebers Inszenierung sind die Räuber eine Bande von mitleidlosen Gewalttätern, die Benzin verschütten und unter ihrem Hauptmann Karl - facettenreich dargestellt von Dirk Lange - blutige Exzesse feiern. Ihr Bezugspunkt auf der Bühne ist ein hölzerner Wohnwagen, vor dem die Bande - zu der auch zwei Frauen gehören - nach getaner Mordtat den Grill anwirft und die Geranien hinausstellt.
Kontrastierend dazu erscheint das Moorsche Schloss im Bühnenbild von Katharina Sichtling als eine Baustelle mit nackten, hässlichen Betonelementen - eine Anspielung auf die Betonwüsten moderner Großstädte mit ihrem Gewaltpotential. Hier regiert der eiskalte Zyniker Franz (Konstantin Bühler), nachdem er den älteren Bruder mit Intrigen und den alt und kraftlos gewordenen Vater (Wolfram Kunkel) mit Gewalt aus dem Weg geschafft hat. Sein schwaches und gekränktes Ego sucht Franz dem Diener Daniel (Michael Boettge) gegenüber mit herrischem Gestus zu überspielen, doch seine Macht reicht nicht bis zu Amalia (überzeugend: Katharina Gebauer), die sich zwar verführerisch auf Beton räkelt, sein Werben jedoch brüsk abweist, da sie noch immer Karl liebt.
Im kurzen roten Kleid ist Amalia auch farblich die Mittlerin zwischen den ganz in Weiß gekleideten Räubern und dem schwarz gewandeten Franz - eine Anspielung der Kostümbildnerin Alexandra Pitz darauf, „dass Schiller doch manchmal sehr schwarz-weiß zeichnet", wie sie im Programmheft sagt. Am Ende ist der alte Moor tot, Amalia vom Geliebten erschossen, Franz hat sich erhängt, und Karl liefert sich der Polizei aus. Gewalt ist keine Lösung, so lautet die Botschaft der actionreichen Inszenierung.