Agnes Bernauer: Julia Eder
Herzog Albrecht III., Herzog in Baiern und Graf zu Voheburg: Heiko Ruprecht
Der Ansager: Adolf Adam
Der welsche Spielmann: Robert Sellier
Junge Adelige, Albrechts Freunde: Moritz Katzmair, Matthias Lehmann, Thomas Weißengruber, Holger Matthias Wilhelm
Ein Badegast: Hubertus Krämer
Kaspar Bernauer, Bader zu Augsburg, Agnes’ Vater: Jonas Vischer anstelle von Rudolf Waldemar Brem
1. Bürger von Munichen: Karl Friedrich
Bürger: Adolf Adam, Rudolf Waldemar Brem, Werner Eggenhofer, Jürgen Fischer, Hans Fleischmann, Manfred Molitorisz, C.C. Weinberger, Günter Ziegler
Ein Mönch: Gerhard Wittmann
Der Kanzler von Herzog Ernst: Werner Eggenhofer
Hauptmann: Günter Ziegler
Der Richter: Manfred Molitorisz
Hexen: Jürgen Fischer, Moritz Katzmair, Matthias Lehmann, C.C. Weinberger, Thomas Weißengruber, Holger Matthias Wilhelm
Stimme aus den Wolken: Marina Ulewicz
Zwei Gaukler: Silvia Pfändner, Steffi Sembdner
Chor: Vera Braun, Carolin von Edlinger, Elisa Fuchs, Nina Fuchs, Bettina Greiner, Gertrud Hankl, Anna Katharina Hilpert, Elke Hofmann, Helga Hofmann, Andrea Kilgert, Rebecca Kilgert, Lisa Kövi, Corinna Leibl, Gabriela Milosz, Antonia Morgenroth, Lena Müller, Reinhild Pfahler, Brigitte Reichert, Mona Reichert, Katrin Ruhnke, Nina Schachtebeck, Jennifer Schödel, Eva Schödel, Franziska Ulrich; Christian Edel, Johannes von Edlinger, Rudolf Heining, Hans Hösch, Maximilian Kilgert, Hubertus Krämer, Michael Kraus, Wladimir Landsmann, Heinz Petri, Stefan Petri, Erwin Purucker, Dominic Rasp, Reinhard Rögner, Gerhard Rogler, Willi Schöppl, Robert Schricker, Siegfried Schricker, Hartmut Schraml, Hans Stark, René Thoß, Lothar Wollin, Willibald Wunschel
Statisterie: Sabine Gabriel; Julian Clauss, Dieter Höpfner, Partick Kern, Walter Mandl, Bela Meyerhöfer, Jonas Mielke,Max Pohl, Richard Riedl, Klaus Wagner und die Trommler Sven Kahl und Patric Zakrawacz
Thomas Hastreiter (Pauken), Sebastian Jakob (Klavier), Andreas Regler (Percussion)
Hofer Symphoniker
Musikalische Leitung: Henning Kussel
Regie & Bühne: Michael Lerchenberg
Choreographie der Gauklerszenen: Sebastian Eilers
Kostüme: Susanne Thaler
Einstudierung der Chöre: Hubertus Krämer, Willibald Wunschel
Regieassistenz: Christoph Zauner • Inspizienz: Dietmar Irmer • Soufflage: Christa Guck • Maske: Sabine Tanriyiöver (Chefmaskenbildnerin), Ingrid Hannemann, Christine Schmitt • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leiterin), Anja Müller (Kostümassistentin), Günther Biank (Herrengewandmeister), Kristina Weiß (Damengewandmeisterin) • Berit Langer, Kerstin Schusser, Andrea Seidel • Martina Krist (Fundusverwalterin) • Requisite:Uwe Schwalbe (Leiter), Bernd Wünsche (Assistent), Daniela Fröhlich, Florine V. Jungmann (Praktikantinnen) • Ton: Tobias Busch (Tonmeister) • Beleuchtung: Thomas Ködel (Leiter), Andreas Lucas (Meister); Michael Köwer (Beleuchtungsinspizient) • Jürgen Dietl, Willi Nowotny, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Bühnenbetrieb: Christian Wange (Leiter), Solveig Perner (Stellvertreterin), Anton Freundorfer (Vorarbeiter), Christoph Seel, Reinhard Werner, Ralf Winklmüller • Technische
Leitung: Werner Moritz
Die Dekoration wurde vom Städtischen Bauhof Wunsiedel hergestellt.
Aufführungsrechte beim Verlag Schott, Mainz Premiere: Freitag, 22.Juni 2007
Wir bedanken uns bei der Carl Orff-Stiftung für die Unterstützung und Förderung.
Den geschichtlichen Hintergrund des Stückes bildet der jahrzehntelange Machtstreit der Wittelsbacher Herzöge, deren Land in die Herzogtümer Baiern-München, Baiern-Ingolstadt, Baiern-Landshut und Baiern-Straubing-Holland geteilt worden war. Baiern-Straubing wurde nach dem Tod von Johann III. und einem heftigen Erbfolgestreit 1429 unter die drei anderen Herzogtümer aufgeteilt.
In München bangte Herzog Ernst, daß dem Herzogtum Baiern-München das gleiche Schicksal widerfahren könnte. Als Nachfolger kamen nur AdoIph, das kränkliche Söhnchen seines 1435 verstorbenen, gleichberechtigten Bruders Wilhelm in Frage, das mit fünf Jahren starb, und sein einziger Sohn Albrecht. Albrecht, besonders geliebt von seiner italienischen Mutter, wurde vorausschauend auf die böhmische Krone (die er allerdings dann weise ausschlug) am Prager Hof König Wenzels erzogen, der an Üppigkeit und Freizügigkeit Paris in nichts nachstand. Sein Siegel zeigt bezeichnenderweise neben einem der damals üblichen Helmkleinode ein nacktes Weib, das in beiden Händen lange, am Helmschmuck befestigte Ketten hält.
1428 lernte Albrecht in Augsburg die knapp zehn Jahre jüngere, besonders hübsche, anmutige und tugendsame Agnes, Tochter des Baders Kaspar Bernauer, kennen. Das wäre nichts Außergewöhnliches gewesen auch von König Wenzel wird von einer Beziehung zu einer Baderin berichtet, jedoch Albrecht stand zu dieser Liebe und heiratete Agnes 1432 heimlich. Solche „Winkelehen“, die ohne Zeugen und Formalitäten geschlossen wurden, galten trotzdem als nur durch den Tod auflösbar. Diese Lösung wählte Herzog Ernst, denn Kinder aus dieser Ehe mit der „Badhur“ Agnes wären niemals als Thronfolger anerkannt worden und zu einer Annullierung war das junge Paar nicht bereit. Herzog Ernst ließ seine Schwiegertochter, nachdem man Albrecht unter einem Vorwand weggelockt hatte, am 12. Oktober 1435 in der Donau bei Straubing ertränken.
Unser Stück endet, wie schon frühere Vorlagen, die, einem natürlichen Taktgefühl und Gerechtigkeitssinn folgend, die historische Wahrheit verschweigen, mit dem frühen Tod des alten Herzogs. In Wirklichkeit söhnte sich Albrecht, nach einem wütenden Aufbegehren, mit seinem Vater aus und heiratete am Namenstag der heiligen Agnes 1437 Anna von Braunschweig. Mit ihr bekam er zehn Kinder, was die herzogliche Linie Baiern-München aufblühen ließ.
1447 ließ Albrecht die Gebeine der „ehrsamen Frau Agnesen der Pernawerin“ in die Grabkapelle im Friedhof von St. Peter zu Straubing bringen. Jetzt ruht Agnes Bernauer angeblich neben Herzog Albrecht und dessen zweiter Frau in dem von ihm gegründeten Kloster Andechs wo auch Carl Orff beigesetzt wurde.
Orffs „Bernauerin" aus seinem „Bairischen Welttheater" ist wohl die gelungenste Mischung aus Sprache und Musik in der deutschen Dramenliteratur und von Shakespearescher Größe.
Das Schicksal der Augsburger Baderstochter, die nicht Gemahlin des jungen Thronfolgers Albrecht bleiben durfte und aus Gründen der Staatsräson als Hexe in der Donau ertränkt wurde, ist eine auch heute immer noch bewegende Geschichte einer großen Liebe, die keine Chance hat gelebt zu werden.
Die junge Julia Eder, Rosenthal-Nachwuchspreisträgerin 2006, spielt die Agnes Bernauer, ihr Herzog Albrecht ist Heiko Ruprecht vom Bayerischen Staatsschauspiel, und es gibt ein Wiedersehen mit Karl Friedrich in der Paraderolle des 1. Bürgers.
Über die „sehenswerte Inszenierung" mit einem „hoch motivierten Ensemble" schreibt Stefan Voit unter dem Titel „'Die Bernauerin' als großes Welttheater" in „Der neue Tag"
So sieht es also aus, das Mittelalter, das immer als dunkel beschrieben wurde: Männlein und Weiblein, Arme und Reiche, Jung und Alt, Mönche und Nonnen tummeln sich lebhaft frivol in einem großen Holzzuber und genießen Lust und Laster des Lebens. Eine Badestube ist das prächtige Eingangsbild, das Regisseur Michael Lerchenberg den Premierenzuschauern des „baierischen Stücks" von der „Bernauerin" am Freitag auf der Luisenburg offenbart.
Die Badestube als Ausgangspunkt einer großen Liebesgeschichte zwischen Herzog Albrecht und der Badertochter Agnes Bernauer: Hier funkt es zwischen den beiden, hier beginnt die Komödie, die in einer Tragödie endet.
Mit „Die Bernauerin" hat sich Intendant Lerchenberg nicht nur einen Traum erfüllt, er hat auch den Mut gefunden, das wohl reifste Werk des Komponisten Carl Orff auf die Naturbühne zu bringen. Mit der Kombination zwischen großer Musik – der Orchesterpart wurde mit den Hofer Symphonikern eingespielt und lief Semi-Playback vom Band, der andere Teil wurde live auf der Bühne gespielt – und mittelhochdeutscher-bairischer (Dialekt-)Sprache gelingt ihm großes Welttheater!
Fast auf den Tag genau 60 Jahre nach der Uraufführung des Stücks sehen wir Herzog Albrecht (Heiko Ruprecht), wie sein Herz für Agnes (Julia Eder) entflammt, wie sie gegen alle Widerstände ein Paar werden, heiraten und am Ende doch alles tragisch endet: Der Adelige wird unter einem Vorwand von der Geliebten weggelockt, sie am 12. Oktober 1435 als Hexe in der Donau bei Straubing ertränkt.
Lerchenberg hat den Orffschen Gedanken von einem mittelalterlichen Mysterienspiel weitergetragen und in die Neuzeit mit hineingenommen. Herausgekommen ist dabei ein prächtiges Theaterstück voller Kraft, voller lebhafter Sprache, die tief in die Mystik hineingreift – ein Bilderbogen bayerischer Geschichte par excellence.Die tragende Rolle spielen der 50-köpfige Chor (Musikalische Leitung Henning Kussel) und die Gaukler (Silvia Pfändner und Steffi Sembner), die, begleitet von großer Musik, tänzerisch erzählend und pantomimisch die Szenen miteinander verbinden. Allerdings treten die Hauptpersonen zu wenig in den Vordergrund, was daran liegt, dass sie kaum zu singen haben und ihr Schwerpunkt ausschließlich auf der Sprechrolle liegt.
Hier wünschte man sich von beiden mehr Präsenz. Es fehlte manchmal an schauspielerischer Ausdruckskraft und Lautstärke. Zu wenig werden die Tiefe der Liebe, der verzweifelte Kampf um Anerkennung und das politische Ränkespiel herausgearbeitet. Die einzelnen Bilder füllt Lerchenberg, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, mit kraftvollem Leben.
Prall, derb und hitzig wird im Wirtshaus diskutiert, ob die Bernauerin nur eine „Badhur" oder für den Herzog „schon richti" ist, und, in blaues Licht getaucht, verkündet Albrecht, zärtlich-verrückt und poetisch, die Liebe zu seiner „Duchessa". Beeindruckend auch die Mönchsszene, in der der Geistliche („Garrit gallus, der Gockelhahn kräht!") das einfache Volk aufstachelt und die Bernauerin zur Hexe tituliert.Am herausragendsten ist wohl die Hexenszene, in der schaurig geschminkte Wesen mit drei Köpfen das Ende der Bernauerin in einem begeisternden Sprechrhythmus verkünden: „Itzs ham sie's derpackt! Abgrittne, abgfeimte, bübische Böswichtin."
Der innigste Wunsch, „Die Bernauerin" auf der Luisenburg zu inszenieren, ist für Lerchenberg Wirklichkeit geworden. Dafür gibt es von einem begeisterten Publikum lange anhaltenden und verdienten Applaus – für eine beeindruckende Inszenierung und für ein hoch motiviertes Ensemble mit über 80 Personen. Von solchen Träumen darf Lerchenberg mehr auf die Naturbühne bringen!.
In der „Frankenpost" schrieb Michael Thumser unter dem Motto „Sehr anders, sehr schön" über die „Wasserspiele im Welttheater"
Im Wasser beginnt und endet diese Liebe. Dem Herzogssohn Albrecht widerfährt sie im Augsburg des Jahres 1428, im Badhaus, wo es weniger sauber als frivol zugeht: Schon beim ersten Blick auf Agnes Bernauer ist ihm „der Blitz ins Herz neigfahrn". Doch unter Fürsten „wird net lang gfragt nach der Liab". So schön die Baderstochter aussieht, so untragbar ist sie als Gemahlin eines künftigen Regenten der Dynastie. Verschwinden also muß die „Buhle", so beschließen die Gebieter der Staatsraison, und Agnes versinkt: In den Fluten der Donau bei Straubing wird sie ertränkt.„Die Bernauerin" von Carl Orff – was ist das eigentlich? Jedenfalls etwas bislang Ungekanntes auf der Luisenburg; und unbedingt ein Erfolg für die Wunsiedler Naturbühne: Auf ihr feierte die Produktion, zur Saisoneröffnung, am Freitag mit Großartigkeit und Glanz – und unter viel Applaus – Premiere. Aber wie kriegt man es zu fassen, dieses „bairische Stück": als was? Keinesfalls als Trauerspiel. Dafür ereignet sich viel zu viel bunt Bizarres, bodenständig Burleskes, gleich als famoses Eingangsbild das standesschrankenlose Badvergnügen eines nackten Haufens im dampfenden Riesenzuber, handfest und schamlos. Zwar beschwört der Abend höchst poetisch die Erhabenheit hohen Gefühls – doch gewährt er, deftig volkstümlich, den Leibern ebenso blankhäutige Lust.
Auch ein Schauspiel ist das nicht eigentlich; wiewohl Intendant Michael Lerchenberg, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, den Augen unablässig Spektakel und Spektakuläres zu schauen gibt, mit akkurat einstudierten Massenszenen und mächtigen Tableaus, durch choreografierte Kleindetails und tänzerische Anmut (für die, das Geschehen parodierend, zwei gewitzte Gaukler stehen: Silvia Pfändner, Steffi Sembdner). Mit musikalischem Theater, weniger opern- als – am Ende – oratorienhaft, hat man’s zu tun: Denn Musik bewegt, durchwogt alles. Vom Band kommt sie, unter Henning Kussel von den Hofer Symphonikern eingespielt, und wird aktuell ergänzt durch die Herren Hastreiter, Jakob und Regler an Klavier und Schlagwerk. Überdies sorgt ein großer Chor für scharf akzentuierte, reich nuancierte tönende Kulissen.
Die Sprache selbst wird zu Musik. Leicht zwar erschließt der Text sich nicht: Historisierend und mundartlich-altbairisch hat Orff ihn in archaische Sagenhaftigkeit entrückt, ihn mit Metaphern angefüllt und rhythmisch stilisiert. Dafür brechen die Akteure die Sprache zum Melos, die Rede zu Klängen auf, zu Wortspiel und Lautmalerei. So darf Agnes ihren Wassertod ruhig in unsichtbarer Ferne erleiden; denn wie in einer Reportage erzählt eine grausige Gruppe von Hexen darüber, eine fantastische Front fischig-vielgesichtiger Geister (Kostüme: Susanne Thaler), die dadaistisch ein Silbengewitter entfesseln, worin voyeuristisches Entsetzen sich beißend mit Zynismus mischt.
„Magische Bilder"... Realismus wäre fehl am Platz. Als Funktions-, Ideen-, Schicksalsträger begreift Regisseur Lerchenberg die Figuren; eine Parabel läßt er sie durchspielen und den verbürgten Stoff märchenhaft aufbrechen. Knorrig und weise nehmen Karl Friedrich und Adolf Adam zur Wirrnis der Zeitläufte Stellung. Gerhard Wittmann als mönchischer Buß- und Haßprediger wiegelt, unten, das Volk auf, gegen Agnes, die „Badhur", und überhaupt gegen die Unzucht – und meint im Grund jedes Streben nach Glück. Dem Kalkül der Herrschenden, oben, spricht Werner Eggenhofer als Kanzler das Machtwort, unerbittlich und finster wie ein Großinquisitor.In solchem Welttheater spielen selbst Albrecht und Agnes, die ja doch Oben und Unten verkörpern, kaum mehr als zwei Rollen unter zahllosen anderen. Gleichwohl stellt die Inszenierung sie, im Wortsinn, heraus: Auf einer erhöhten Terrasse findet und vollendet sich ihre Liebe, die eine Lust ist und sich doch so etwas wie Unschuld, kindlich weltenthoben, bewahrt. Albrecht, bei Heiko Ruprecht der Typ des virilen Draufgängers, der „glei oiwei aufs Ganze" geht, er kommt bei seiner „Duchessa" eine Zeit lang zur Ruhe wie im Traum: „Tu mi net aufwecken." Agnes, das deklassierte Mädchen von der Straße, begreift stolz, nicht für den Baderskittel, sondern den Königsmantel geschaffen zu sein: Zur „hochgemuten, liebmächtigen Frau" läßt Julia Eder die Titelheldin wachsen – und bekennt doch vorausschauend bald, es werde ihr „trübselig zu Sinn, wann ich das Wasser hör rauschen". Unter sich spürt sie das Rad der Fortuna sich drehen: „Keiner kann bleiben, kein einer."
Zum Premieren-Ende ist das Wetter kalt geworden und nass. Den Albrecht freilich läßt weder die bayerische Geschichte noch das Schlußbild der „Bernauerin“ im Regen stehen: Herzog – „der Fromme“ – wird er sein, an der Seite einer anderen Frau dynastisch fruchtbar, gewaschen mit allen Wassern der Staatsraison.
Unter dem Motto „Wie aus einem kleinen Gerücht eine Welle an Vorurteilen wird" beschreibt Horst Pöhlmann in der Bayerischen Staatszeitung „Die Bernauerin"
Mit Michael Lerchenberg, seit vier Jahren Intendant der Luisenburg-Festspiele, hat das Musikstück den Weg auf die Naturbühne bei Wunsiedel im Fichtelgebirge gefunden - heuer wird Carl Orffs „bairisches Stück" „Die Bernauerin" gegeben.
Die kurze Liebesgeschichte zwischen der Augsburger Baderstochter Agnes Bernauer und dem bayerischen Thronaspiranten Herzog Albrecht aus der ersten Hälfte des 15. Jahrunderts, die der Staatsraison widerspricht und aus der Sicht der Mächtigen und (allzu) vieler Bürger nur mit der Verunglimpfung und Hinrichtung von Agnes beendet werden kann, wurde von 0rff in besonderer Weise gestaltet. Als Dichter legt er dem Figurendialog und den oratorienhaften Cborszenen eine von altbaierischern Dialekt und mitteIhochdeutschen Wendungen geprägte Kunstsprache zugrunde, der er verbalen Rhythmus und Klang verleiht. Diese bilden auf der kompositorischen Ebene eine innige Ergänzung zu dem charakteristischen Orffschen Schlagwerk und den Bläserelementen.
Die Musik zur Wunsiedler „Bernauerin" wird via Band eingespielt (Hofer Symphoniker) – drei Musiker für Pauken, Klavier und Percussion sind live auf der Bühne. Lerchenberg gelingt es, den fünfzigköpfigen Laienchor, die kleinen Ensembles und die stillen poetischen Monologe der Liebenden straff zu einer Einheit von Text und Musik zusammenzuschweißen.Aus dem runden Dutzend Einzelszenen der sich vom Genredrama über das politische Kriminalstück zum veritablen Welttheater mausernden Inszenierung gelingen ein paar besonders eindrucksvoll. Im Eingangsbild wird ein mittelalterliches Badehaus als lebensprall dampfend-siedendes Tableau nachgestellt, während die bierdimpfliche Bürgerszene einprägsam demonstriert, wie sich ein kleines Gerücht zu einer Welle an Vorurteilen entwickeln kann. In der Mönchszene agitiert ein an Goebbelssche Demagogie gemahnender Ideologe des Klerus als Volksaufwiegler gegen die „Duchessa" Agnes, die nichts anderes sei als eine „hexerische Badhur". Schließlich der Höhepunkt der Aufführung: die Mauerschau der Hinrichtung, als Agnes in der Donau bei Straubing ertränkt wird. Sie wird in einem auf dadaistischer wie konkreter Poesie beruhenden Wechselgesang von sechs lemurenhaften, an Zombie-Personal aus Horrorfilmen erinnernden Hexen so intensiv „erzählt", daß der Zuschauer unwillkürlich eine Gänsehaut bekommt.
Gegen diese expressiven Ensembles hat es das hoch-niedrige Liebespaar (Julia Eder und Heiko Ruprecht) in seinen stillen, meist monologischen Kontrastszenen nicht leicht anzuspielen. Dennoch besticht die Aufführung als ein gelungener Balance-Akt, komplexes und ambitioniertes Musiktheater auf der Felsenbühne zu etablieren.