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Ludwig Thoma: Der Wittiber

Volksstück von Michael Lerchenberg nach dem gleichnamigen Roman

Sebastian Glas, Bauer auf dem Schormayerhof: Michael Lerchenberg
Lenz, sein Sohn: Stefan Murr
Ursula, seine Tochter: Julia Eder
Zenzi, Magd auf dem Schormayerhof: Barbara Lucia Bauer
Hans-Girgl, Knecht auf dem Schormayerhof: Alfred Schedl
Tretter, Viehhändler: Gerry Hungbauer
Kaspar Prückl, Jungbauer und Bräutigam von Ursula: Jürgen Fischer
Basl von Arnbach, Fischerbäuerin: Gabriele Dossi
Asamin: Uschi Reifenberger
Zollbrechtin: Zita Kobler
Zwerger: Günter Ziegler
Zwergerin: Sissy Staudinger
Der alte Prückl: Manfred Molitorisz
Wirt: Adolf Adam
Liesl, zweite Magd auf dem Schormayerhof: Katrin Klewitz
Musikanten: Andreas Schwaiger, Holger Wilhelm, Hubertus Krämer
Bauern, Bäuerinnen, Burschen und Mädel, Dienstboten: Vera Braun, Gabriele Deyerl, Linda Hink, Julia Kappauf, Maria Röber, Franziska Schierling • Julian Clauss, Jonas Happel, Alfred Maiwald, Walter Mandl, Jonathan Müller, Klemens Pöllmann, Richard Riedl, Moritz Schöpf, Klaus Wagner

Regie: Christoph Zauner / Michael Lerchenberg • Bühne & Kostüme: Andrea Fisser

Regieassistenz: Lesley Jennifer Higl • Inspizienz: Dietmar Irmer • Souffleuse: Christa Guck • Maske: Sabine Tanriyiöver (Chefmaskenbildnerin), Andrea Dorn, Anja Ott, Michael Werner (Praktikant) • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leitung), Günther Biank (Herrengewandmeister), Sabine Kastner (Damengewandmeisterin), Anja Müller (Kostümassistentin), Gizella Koppany, Tanja Künzel, Martina Krist (Fundusverwaltung), Berit Langer, Doreen Scheibe • Requisite: Uwe Schwalbe (Leitung), Bernd Wünsche, Corinna Lange (Assistenz) • Ton: Tobias Busch • Beleuchtung: Thomas Ködel (Leitung), Andreas Lucas (Meister), Jürgen Dietl, Willi Nowotny, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Technische Leitung: Werner Moritz • Bühnentechnik: Anton Freundorfer (Teamverantwortlicher), Wolfgang Bienfang, Romuald Dembinski, Robert König, Hans Lamla, Michael Milzarek, Gerhard Nelkel, Stefan Prechtl, Karl-Heinz Schmid, Ralf Sommerer, Robert Strohschein, Dieter Thiem, Thomas Tretter, Ralf Winklmüller • techn. Hilfskräfte: Roland Goller, Wolfgang Hegner, Reinhard Werner

Die Dekoration wurde vom Städtischen Bauhof Wunsiedel hergestellt.

Kurzinhalt

Ludwig Thoma ist der Klassiker der bairischen Literatur. Der „Wittiber” gehört zu seinen größten und reifsten Arbeiten mit eindringlich und kräftig gezeichneten Figuren.

Der Schormayer-Bauer Sebastian Glas verliert überraschend seine geliebte Frau. Sie war als tüchtig und fleißig bekannt und eine große Hilfe für den Bauern. Deshalb geht man davon aus, daß der Witwer den Hof nicht allein weiterführen kann und will und ihn deshalb an seinen Sohn Lenz übergeben wird. Doch der Bauer fühlt sich hinausgedrängt. „Übergeben und nimmer leben”, besagt eine Lebensweisheit, denn der „Austrag” bedeutet wieder Abhängigkeit. War man in der ersten Lebensphase von den Eltern abhängig, so wird man es in der letzten von seinen Kindern und Erben. Man wird zum „Gar-neamand”, verrostet und ist zu nichts mehr nütze. So fühlt sich aber der Bauer keineswegs, zumal er just in dieser Situation einen Beweis erhält, daß er durchaus noch seinen „Mann stehen” kann und als solcher Attraktivität besitzt. Aus einer Bierlaune heraus findet er Ablenkung von seiner Einsamkeit, Trost und Bestätigung bei seiner Magd Zenzi. Damit setzt er sich in den Augen der anderen moralisch ins Unrecht. Darüber hinaus wittern die Kinder Erbschleicherei. Sohn Lenz versucht, gegen den Vater zu rebellieren und die Magd zu diskreditieren, bis es zur Katastrophe kommt.

Der Wittiber ist eine der großen, markanten Bauernfiguren von Ludwig Thoma. In der Einfachheit und Stringenz der Figuren und der Geschichte erinnert „Der Wittiber” an die großen klassischen Tragödien. Thoma beweist mit seiner Bauerngeschichte, daß sie keineswegs auf Standespersonen oder Bürgerliche beschränkt sind.

Pressestimmen

Frankenpost (Hof)

Über den „umjubelten 'Wittiber'” schrieb Michael Thumser in der Frankenpost unter dem Motto: "Ein kleiner Weltuntergang”:

Erst wird beerdigt. Dann wird getafelt. Die Bäuerin ist tot, und die Kuh im Stall entlässt ein Prachtkalb ins Leben: ländliches „Stirb und werde”. Ein Prachtkerl ist der Bauer, jetzt Witwer, „Wittiber”, schon auch. Mitte fünfzig erst, fühlt er sich noch „in der Kraft” und nicht bereit, den Hof zu übergeben: an Lenz, den wartenden Sohn, der bislang nicht viel besser als ein Knecht zusammen mit dem Vater „haust”. Jetzt meint er seine Stunde gekommen und übt unmutig Druck von unten aus.

Aus einer abgelegenen, engen Welt, in sich rollend, gleichwohl ruhelos, wird auf der Luisenburg erzählt – wo das Publikum die Premiere des „Wittibers” mit rauschendem Beifall, Bravos, Jubelpfiffen quittierte –, aus einer kleinen, indes totalen Welt. Ein Krieg hier muss zum Weltkrieg wachsen: Weltuntergang.

Bauerntheater also? Durchaus. Intendant Michael Lerchenberg selbst schrieb die Romanvorlage Ludwig Thomas zum Volksstück um, Regie führte er und spielt die Titelrolle. Kann sein, dass ein nicht kleiner Teil des Publikums am Freitag meinte, einer Komödienstadl-Lustbarkeit beizuwohnen. Wo einmal Witz aufscheint, Sarkasmus, bittere Schlagfertigkeit in den überschaubar knapp gebauten Szenen und knorrig lapidaren Dialogen, da lachten viele Leute wie erlöst und drum ein wenig übertrieben. Doch lustig, wahrlich, ist dies Stück im Ganzen nicht.
Sondern eine Tragödie – ein bisschen wie der „König Lear”. Einer hat schon lang regiert und ist freilich noch nicht alt genug fürs alte Eisen. Auf dem Hof des Schormayerbauern bricht die Palastrevolution los, als Zenzi, die kraftstramme Dienstmagd, den Witwer in ihrer Bettstatt lehrt, wieder an „die Freid” zu denken. Da wollen Sohn und Tochter die „Loas” aus dem Haus jagen; immerhin zerreißen sich die Dörfler schon die – und ahnen noch nicht einmal, dass der Schormayer die „Dirn” gleich in andere Umstände gebracht hat. Barbara Lucia Bauer, naiv, vital: Noch eingeschüchtert und geprügelt hält sie tapfer den Kopf hoch. Unumkehrbar lässt der Regisseur die Fronten des Generationenkrieges sich verhärten: Missstimmung und Missverständnisse eskalieren zu Einkesselung, Demütigungen, Niederlagen. Am Schluss hat einer einen andern umgebracht: Eine alte, ungeschriebene, wiewohl fest gefügte Ordnung liegt für immer in Trümmern.

Naturnah ursprünglich, indes unsentimental herb sieht die kleine, doch komplette Welt auf der Wunsiedler Naturbühne aus, wo Ausstatterin Andrea Fisser Innen- und Außenbereiche, Brunnen und Bauernküche und Wirtshausvorplatz nebeneinander stellt und ineinander greifen lässt. Bajuwarische Randfiguren, drollig hier und da beschränkt und allesamt ein wenig schablonenhaft, machen sich etwa beim Leichenschmaus in der (buchstäblich aufklappbaren) Gaststube breit. Kurios fremdkörperlich schiebt sich dörflich-derbe Hanswurstiade in Gestalt dreier Musikanten zwischen die Episoden: Die Herren Schwaiger, Wilhelm und Krämer, drei „gscherte Deifi”, halten schräg tutend, blasend, Harmonika quetschend die Bündigkeit des Spiels mit spöttischen Schnadahüpfln auf und sollen so, vielleicht, den Chor der griechischen Tragödie persiflieren. Zum Charakterstück indes verdichten und vertiefen sich die Streitsequenzen und Verzweiflungstaten zwischen Alt und Jung: Dann ist’s ein Kammerspiel, das beeindruckt, packt, berührt.

Denn jeder hat ein Gutteil Recht auf seiner Seite. Der Wittiber: bodenständig, nicht grobschlächtig, ein geradliniger, zugleich von Michael Lerchenberg fein ausbalancierter „Herr im Haus”, kräftig in den Farben, in den Fehlern verzeihlich, aus Selbstgefühl redlich bis zur Hartleibigkeit, plötzlich ratlos bis zur Überforderung. Nicht die Angst vor Alter, Gebrechlichkeit und „Grab”, sondern vor Einsamkeit und unzeitiger Entmündigung treibt ihn um und lässt ihn menschlich scheinen auch noch dann, wenn er sich in Ungerechtigkeit und Starrsinn flüchtet. Denn in die Enge sieht er sich getrieben: von Lenz, dem Sohn, für den Stefan Murr immer neuen Zorn sammelt, stets leis spürbar untermischt mit Schwäche, Furchtsamkeit, sogar Bedauern; und von der Tochter Ursula: Mit grauer Nüchternheit, mit Zeterstimme bellend bringt Julia Eder sie aufs Tempo einer opportunistischen Furie.
Wie Ratgeber sprechen der Viehhändler Tretter, sogar der Knecht Hans-Girgl ein paar gescheite Worte mit – der

Erste bei Gerry Hungbauer Repräsentant roßtäuscherischer Gerissenheit, der andere, von Alfred Schedl durch Resignation gedämpft, als Vertreter proletarischer Vernunft. Auch sie halten das Unheil nicht auf. Am Schluss, auf den kein neuer Anfang folgt, sieht man den Wittiber sitzen, reglos, fassungslos, und ahnt: Sein Fall beginnt erst und reicht tief, ins Bodenlose – Bauernsterben; und kein Werden mehr.

Nordbayerischer Kurier (Bayreuth)

Im „Nordbayerischen Kurier” berichtet Simone Richter über das „Grübeln bis zu Katastrophe”:

 

An alle Besucher, die vielleicht aus dem hohen Norden nach Wunsiedel angereist sind, um sich dort an Ludwig Thomas „Wittiber” zu erfreuen, der am Freitag bei den Luisenburg-Festspielen Premiere hatte: Grämen Sie sich nicht, wenn Sie der Mundart nicht mächtig sind und nicht alles verstehen. Erfreuen Sie sich derweil an den schauspielerischen Leistungen des erstklassigen Ensembles. Auch macht sich der Bauernroman in der Inszenierung von Christoph Zauner und Michael Lerchenberg gut in der Naturkulisse. Und das. musikalische Trio (Musik: Hans und Stopherl Well), das in Stammtischmanier mal humoristisch zweideutige, mal nachdenkliche Texte per Zwiefachem zum Besten gibt, vermittelt eine gastfreundliche Atmosphäre.

„Der Wittiber” ist ein Stück zum Grübeln und könnte als volkstümliche Version durchaus mit Bertolt Brechts Themenspektrum konkurrieren. Denn die Frage, wie gesellschaftliche Normen zu bewerten sind, welche moralische Rolle man sich selbst zugesteht und ob man bürgerliche Traditionen verbiegen kann, stellt sich für den verwitweten Schormayer-Bauern (Michael Lerchenberg). „Und jetzt woaß i gar nix mehr, wo i hi'g'hör, und dahoam is nix, und anderstwo is aa nix”, grummelt der resignierte, in sich gekehrte Wittiber in seinen Bierkrug. Derweil heben die Dorfbewohner beim Leichenschmaus nach dem obligatorischen „Amen” die Maß und widmen sich lieber den Knödeln statt dem Trauernden. Der läßt sich also vom Viehhändler Tretter, gespielt von Gerry Hungbauer, der wieder einmal mit seinem ganzen Können auf der Bühne dominiert und allemal eindrucksvoller daherkommt als bei seinen TV-Auftritten – im gemeinsamen Rausch hübsch ablenken.

Zwischen kupferner Kuchenbackform, Madonnenbild, Bauernlaib und Sense taucht für den torkelnden Bauern dann eine attraktive Ablenkung vom tristen Witweralltag auf: Barbara Lucia Bauer, brillant in der Rolle als Magd Zenzi, ergibt sich kichernd in ihr Schicksal und dem sich an seine Manneslust gerade erinnernden Hausherren hin. Die Katastrophe folgt auf dem Fuß, heraufbeschworen von des Bauern hysterischer Tochter Ursula (überzeugend: JuIia Eder), die die soziale Anklage anführt. Gemeinsam mit ihrem Bruder Lenz (Stefan Murr), der gierig die Übernahme des Hofes erwartet, zerren sie an den Sittenvorstellungen der Protagonisten und verstricken unglücklich das Schicksal aller.

Wer meint, das Bühnenstück zeige augenzwinkernd den bodenständigen Bavarismus, der der banalen Unterhaltung dient („D'Weiberleit koch'n allaweil was zsamm, und d'Mannsbilder soll'n 's ausfress'n!”), der hat nur die Oberfläche begriffen...

Der neue Tag (Weiden)

Rudolf Barrois schrieb in „Der neue Tag” unter dem Titel „Bauern-Schicksal im Dachauer Land” über „eine weitere glänzende Premiere” bei den Luisenburg-Festspielen u.a.:

 

Nach dem großen Erfolg der „Geierwally” im Jahr 2005 hat das Volksstück – von Lerchenberg verstanden als Stück aus dem wirklichen Leben der Menschen – wieder einen festen Platz auf dem Programm der Festspiele, ein Konzept, mit dem der Intendant einmal mehr alle Rekorde bricht. Und so steht er heuer selbst auf der Bühne,... Lerchenberg gibt der Figur des Schormayer einen lebensechten, genau porträtierten aber nicht überzeichneten Charakter. Da ist nichts zu viel, und alles in präzisem Bayerisch trotzdem reich in seiner Bildhaftigkeit. Wie Lerchenberg selbst spielen auch Julia Eder als Tochter Ursula und Stefan Murr in der Rolle des Lenz keine Komödie, sondern temperamentvollen Alltag.

Stark im Zerreißprozess der Bauernfamilie bleibt der Knecht Hans-Girgl, den Alfred Schedl mit dem gebotenen Ernst darzustellen weiß. Barbara Lucia Bauer ist eine lebenslustige Zenzi, die durch das Abenteuer mit dem Schormayer in eine wirklich tragische Rolle gestoßen wird. Nüchtern, bodenständig und stolz mimt Jürgen Fischer den Kaspar Prückl, der Sebastians Tochter zur Frau nimmt, nicht weil er sie besonders liebt, sondern weil er eine tüchtige Bäuerin braucht um daheim übernehmen zu können. Gern Schicksal gespielt hätte die Basl von Arnbach, von Gabriele Dossi mit Sympathie ausgestattet. Asamin (Uschi Reifenberger), Zollbrechtin (Zita Kobler) und die Zwergerin (Sissy Staudinger) hingegen verkörpern, fast schon in die Karikatur gesteigert, das Dorf-Tratschen, das nichts unberedet und unentdeckt lässt. Noch ganz verschüchtert die zweite Magd Liesl, die von Kathrin Klewitz gespielt wird. Den resoluten Wirt, der zwischen dem Gesinde-Tisch und dem Bauern-Stammtisch schlichten muss, spielt Adolf Adam. Einen „Schmuser” oder „Lustigmacher” wie er im Buche steht, mimt Gerry Hungbauer als Viehhändler Tretter.
Wie in einer klassischen Moritat kommentieren die drei Musikanten Andreas Schwaiger, Holger Wilhelm und Hubertus Krämer den Fortgang der Ereignisse mit zündenden Melodien. Musik und Arrangements schrieben die Well-Brüder von der „Biermöslblosn”. Für die frechen „Gstanzln” gab es immer wieder Szenenapplaus, wobei das wie auch sonst bei Thoma nur für den lustig ist, der nicht betroffen ist.

Es ist eine Aufführung, die auf einer naturalistischen Bühne schlicht und einfach das Notwendige zusammenfasst und – ganz im Sinne Thomas – eine hohe Dichte aufweist. Das Publikum dankte dem Ensemble für dieses außergewöhnliche Theatererlebnis mit begeistertem Beifall.

Abendzeitung (Nürnberg)

Über die Beurteilung von Zenzi als „Schlampe oder Mordstrumm-Weibsbild” machte sich Peter Kühn in der AZ Nürnberg Gedanken unter dem Aspekt „Dramatik und Heiterkeit: Michael Lerchenberg als Thomas 'Wittiber' auf der Luisenburg gefeiert”.

 

Es beginnt mit einer Beerdigung und endet mit einem Mord. Auch dazwischen geht es gar hochdramatisch zu auf der Luisenburg, doch die Zuschauer haben trotzdem viel zu lachen. Michael Lerchenberg hat für seine Freiluftbühne Hand angelegt an Ludwig Thomas eher düsteren Roman „Der Wittiber”: Heraus kam pralles bayerisches Bauerntheater, von tümelnd keine Spur. Dazu noch der Glücksgriff mit den Brüdern Well von der Biermösl Blosn, die herzerfrischende Gstanzl – mal traurig, mal fröhlich – fürs Stück ausgesucht haben.

Bayerische Staatszeitung

In der Bayerischen Staatszeitung schreibt Horst Pöhlmann:


Lerchenbergs wohltuender Traditionsbruch wurde mit langem Applaus honoriert.

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