Familienstück nach den gleichnamigen Kinderbüchern
Pippil Langstrumpf: Barbara Romaner
Thomas: Thomas Jeromin
Annika: Lesley Jennifer Higl
Fräulein Prysselius: Julia Eder
Klang, Polizist: Holger Wilhelm
Larsson, Polizist: Jürgen Fischer
Donner-Karlsson, Dieb: Alfred Schedl
Blom, Dieb: Gerry Hungbauer
Der Starke Adolpho: Günter Ziegler
Zirkus-Manager: Frank Wünsche
Frau Lund, Lehrerin: Uschi Reifenberger
Frau Settergreen: Barbara Lucia Bauer
Frau Granberg: Susanna Kratsch
Kapitän Langstrumpf: Frank Wünsche
Obermaat Fridolf: Günter Ziegler
Schiffsbesatzung, Zirkuspersonal, Schulkinder: Janine Achtert, Anja Franke, Tomas Fuchs, Julia Haas, David Hahn, Magdalena Heusinger, Bianca Hüttel, David Kappauf, Miriam Krist, Elisabeth Künzel, Antonia Morgenroth, Jonathan Müller, Lena Plaß, Mario Schiener, Fritz Schöpf, Jasmin Tröger, Paula Zeller
Inszenierung: Inken Böhack • Bühne: Peter N. Schultze • Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly
Musik: Jochen Hartman-Hilter
Regieassistenz: Anja Sczilinski • Inspizienz: Günter Ziegler • Souffleuse: Zita Kobler • Maske: Sabine Tanriyiöver (Chefmaskenbildnerin), Andrea Dorn, Anja Ott, Michael Werner (Praktikant) • Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leitung), Günther Biank (Herrengewandmeister), Sabine Kastner (Damengewandmeisterin), Anja Müller (Kostümassistentin), Gizella Koppany, Tanja Künzel, Martina Krist (Fundusverwaltung), Berit Langer, Doreen Scheibe • Requisite: Uwe Schwalbe (Leitung), Bernd Wünsche, Corinna Lange (Assistenz) • Ton: Tobias Busch • Beleuchtung & Pyrotechnik: Thomas Ködel (Leitung), Andreas Lucas (Meister), Jürgen Dietl, Willi Nowotny, Stefan Pfliegensdörfer, Roland Schuster • Technische Leitung: Werner Moritz • Bühnentechnik: Anton Freundorfer (Teamverantwortlicher), Wolfgang Bienfang, Romuald Dembinski, Robert König, Hans Lamla, Michael Milzarek, Gerhard Nelkel, Stefan Prechtl, Karl-Heinz Schmid, Ralf Sommerer, Robert Strohschein, Dieter Thiem, Thomas Tretter, Ralf Winklmüller • techn. Hilfskräfte: Roland Goller, Wolfgang Hegner, Reinhard Werner
Die Dekoration wurde vom Städtischen Bauhof Wunsiedel hergestellt.
Aufführungsrechte beim Verlag für Kindertheater Uwe Weitendorf GmbH, Hamburg
Premiere: Dienstag, 30. Mai 2006 Aufführungsdauer: ca. 70 Minuten keine Pause
In der „Frankenpost” schrieb Wilma Sedelmeier am 31. Mai über die Premiere unter dem Motto „Frech durch das feuchte Fichtelgebirge”:
Pippi muß Pippi und führt die Polizisten an der Nase herum. Die mordsgroße Toilette mitten im Fichtelgebirge ist lange schon nicht mehr besetzt; das stärkste Mädchen der Welt ist entwischt, die Ordnungshüter Marke Pat und Patachon hat es kalt erwischt, naß noch dazu, dank defekter Spülung. Unbekümmert hißt das bekannteste Mädchen Schwedens die Piratenfahne, wirft den „Kleinen Onkel” in die Waschmaschine und tanzt den Powackler im Orient-Style mal wieder hat sie es geschafft, der kecke Rotschopf mit dem Ringelshirt, die Großen bekehrt, die Kleinen begeistert.Im Publikum ist man sofort auf ihrer Seite, warnt vor den depperten Dieben oder buht die böse Heimdame aus. Als schließlich die echte „Hoppetosse”, das Schiff von Kapitän Langstrumpf, am Bühnenrand auftaucht, ist der kleine Junge in der vorderen Reihe schwer beeindruckt „Wow, ich stehe auf Weltmeere”, flüstert er seinem gleichaltrigen Nebenmann zu.
Zum vierten Mal erobert Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf” schon die steile Naturbühne in Wunsiedel. Gestern war Premiere des gleichnamigen Familienstückes nach den Kinderbüchern der schwedischen Autorin von 1941, mit Musik von Jochen Hartman-Hilter, in einem Arrangement und einer Inszenierung von Inken Böhack ein fröhlicher, origineller und knallbunter Auftakt zu den diesjährigen Luisenburg Festspielen, wenn auch bei scheußlichem Wetter im naßkalten Off mit rund 10 Grad im strömenden Regen. Kinder, Erzieher, Bürgermeister und Intendant harrten nur unter Decken, mit Pudelmützen und Winterjacken aus, Spaß hatten sie allemal bei reichlich Slapstick und launiger Musik.
Barbara Romaner gibt eine Pippi Langstrumpf wie aus dem Bilderbuch: Ihre zwei drahtigen Zöpfe stehen rechtwinklig ab, widerspenstig wie die freche Göre selbst, die trägt Sommersprossen, gestreifte Strümpfe und ein rot-weiß-geringeltes T-Shirt (Kostüme: Heide Schiffer-EI Fouly); sie ist offen, liebenswert und temperamentvoll, trägt das Herz am rechten Fleck, ist abenteuerlustig, tapfer und stark; unkompliziert wie unkonventionell schlägt sie sich durchs Leben, schläft auf dem Kopf warum auch nicht und erzählt sagenhafte Geschichten von rückwärts laufenden Ägyptern und lügenden Kretern. Ihrem Ruf als größte Emanze der Kinderliteratur macht sie Ehre und den Kindern im Publikum Mut, so manches Mädchen rückt ihre zwei Zöpfe pippigemäß zurecht.
Die Regie von Inken Böhack hält manche absurde Überraschung bereit. Fräulein Prysselius (Julia Eder) zum Beispiel, streng, autoritär und beherrscht, giert sehnsüchtig vom rechten Bühnenrand mit Fernglas unter der Trockenhaube nach den spaßigen Ausgelassenheiten in der Villa Kunterbunt (Bühne: Peter N. Schultze). Die Diebe Donner-Karlsson (Alfred Schedl) und Blom (Gerry Hungbauer) landen beim nächtlichen Streifzug köstlich und jazzig begleitet vom dumpfen Kontrabaß in der knallgelben Waschmaschine und tanzen dann mit Opfer Pippi Moussaka und Souflaki, Boogie Woogie und den Rap. Lehrerin Frau Lund (Uschi Reifenberger), Typ schokolüsterne Seniorin, wird mit einer überdimensionalen „TobIeroneo” bestochen und Pippi antwortet Frau Settergreen (Barbara Lucia Bauer), der Mutter von Thomas (Thomas Jeromin) und Annika (Lesley Jennifer Higl), nach rüpelhaftem Sturz auf den Kuchen: "Ich dachte immer: Kinder und Frauen zuerst an die Tröge!”
Nach 90 Minuten nimmt die Geschichte um Pippi freilich ein gutes Ende, wenn auch von vielen Kindern nicht mehr ganz wahrgenommen. Kälte, Nässe und nur wenig Spannung, da episodenhaft aufbereitet führen zum Konzentrationsmangel. Indes trägt auch die diesjährige „Pippi” Früchte: Mitten im Gedränge am Ausgang planen zwei Mädchen für morgen eine große Schokoübergabe an die Klassenlehrerin.
Im „Neuen Tag” schrieb Anastasia Poscharsky-Ziegler über die „Freche Seeräubertochter”, die „groß in Fahrt” kommt:
... Dieser Freilichtspielsommer muß vom Wetter her noch besser werden. Doch die Spielfreude der Profis von der Luisenburg zeigte sich am Dienstag zum Auftakt der Saison unbeeindruckt und ungebremst. Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf” mit ihren störrisch roten Zöpfen und Sommersprossen, die unsterbliche Heldin aller Kinderzimmer, ist heuer zum vierten Mal seit 1977 auf der Felsenbühne in hochkarätiger Besetzung zu sehen. Die Neufassung für die Luisenburg-Naturbühne und die Regie von Inken Böhack setzen über neunzig kurzweilige Minuten auf eine Riesengaudi mit schmissiger Musik.Schon das Bühnenbild (von Peter N. Schultze) macht Spaß: zwischen Polizeirevier und Friseursalon steht die Villa Kunterbunt mit ihrem überdimensional großen Mobiliar: einem Wohnschrank samt Bett, einem Herd und einer Waschmaschine. Hier ist das Aktionsfeld von „Pippilotta Viktualia Pfefferminz Rollgardina Ephraims Tochter Langstrumpf”. Ein Name, vor dem selbst Frauen mit komplizierten Doppelnamen Respekt bekommen.
Und Respekt verdient auch die vitale Hauptdarstellerin: Als ungezogene Göre ist Barbara Romaner zu sehen, die preisgekrönte Nachwuchsschauspielerin der Luisenburg-Festspiele 2004. Machte sie im letzten Jahr als „Geierwally” mit einem echten Steinadler in der Felsenbühne gute Figur, so kommt sie nun mit dem Affen „Herrn Nilsson” und dem Pferd „Kleiner Onkel” aus Plüsch lebhaft zurecht. Immer quirlig, unkonventionell und einfallsreich setzt sich Pippi als ideale Verkörperung des freien elternlosen Kinderlebens mit Autoritäten und Gefahren pfiffig und erfolgreich auseinander. Ihre langweiligen Freunde, die Spießerkinder Thomas (Thomas Jeromin) und Annika (Lesley Jennifer Higl) haben in dieser Inszenierung nur einen Platz am Rande und erhalten keine Vorbildfunktion wie altbackene Filmversionen es vormachen.
Pippis Lebenslust und ihr Freiheitsdrang bestimmen alle Szenen: die Begegnung mit der zickig-strengen Fräulein Prysselius (Julia Eder), der Vorsitzenden des Jugend-Sozialausschusses der Stadt, die das wilde Kind in ein Heim stecken will, oder den siegreichen Kampf mit dem „stärksten Mann der Welt” (Günter Ziegler), der prächtig mit einem großen Zirkus samt Eisbären und Artistinnen auf die Bühne zieht. Zur größten Freude der Zuschauer überwindet die Seeräubertochter mit sympathischen Tricks nicht nur die Gangster (urkomisch: Alfred Schedl und Gerry Hungbauer), sondern mittels ihrer defekten Klospülung auch die Polizisten (als „Bayer” ist Jürgen Fischer und als „Hamburger” Holger Wilhelm zu sehen). Das Bildungswesen wird nach einem erfolglosen Kontakt mit der Lehrerin (Uschi Reifenberger mit einer Schwäche für Schokoriegel) ebenfalls schnell abgehakt, doch zur größten Benimm-Katastrophe gereicht schließlich das Damenkaffeekränzchen bei Frau Settergeen. Hier gibt Barbara L. Bauer (ebenfalls mit dem Schauspielpreis der Luisenburg ausgezeichnet) als Chic-Madame eine Gastgeberin kurz vor dem Nervenzusammenbruch.
Rettung für alle naht durch den Hochseedampfer „Hoppetosse”, der voller Getöse in leibhaftiger Größe an der der Luisenburgbühne anlegt: Kapitän Langstrumpf (Frank Wünsche) besucht seine Tochter - und nun ist selbst die Dame von Jugendamt zufrieden. Die eingespielten weltmusikalischen Beiträge (Jochen Hartman-Hilter) helfen Pippi allen Gegnern lustig davonzutanzen. Und der Titelsong „Hier kommt Pippilotta, hey” hat wahre Hitqualitäten.