Volksstück nach Wilhelmine von Hillern von Felix Mitterer
Walburga Stromminger, genannt „Geierwally”: Barbara Romaner
Stromminger, Höchstbauer, ihr Vater: Gerhart Lippert
Vinzenz Gellner, ein reicher Bauernsohn: Christoph Baumann
Gellnerbauer, sein Vater: Winfried Hübner
Josef Hagenbach, genannt "Bärenjosef": Toni Schatz
Paula Hagenbach, dessen Mutter: Uschi Reifenberger
Afra, Kellnerin: Jennifer Anne Kornprobst
der alte Kletter, Knecht auf dem Höchstbauernhof: Adolf Adam
Luckard, Magd auf dem Höchstbauernhof: Zita Kobler
Romedia, Vinzenz’ Schwester: Barbara Lucia Bauer
Benedikt Klotz: Alfred Schedl
Leander Klotz: Michael Pascher
Lammwirt: C.C. Weinberger
Niederbauer: Günter Ziegler
1. Knecht dem Höchstbauernhof: Hubertus Krämer
2. Knecht: auf dem Höchstbauernhof : Holger Wilhelm
3. Knecht auf dem Höchstbauernhof : Hartmut Schraml
Magd: Vera Braun
1. Bursche, Sohn vom Niederbauern: Thomas Weißengruber
2. Bursche: Jürgen Fischer
ein Bote: Michael Pascher
Pfarrer: Alfred Schedl
Totenweib: Maria Röber
Waldgeister: Cora-Lina Hermannsdörfer; Philipp Clauss, Frank Fischer, Nicolai Haas, Tobias Lehmann, Dominik Rasp
Magd: Vera Braun
1. Bursche, Sohn vom Niederbauern: Thomas Weißengruber
2. Bursche: Jürgen Fischer
ein Bote: Michael Pascher
Pfarrer: Alfred Schedl
Totenweib: Maria Röber
Waldgeister: Cora-Lina Hermannsdörfer; Philipp Clauss, Frank Fischer, Nicolai Haas, Tobias Lehmann, Dominik Rasp
Bauern, Dienstboten, Burschen, Mädchen, Salige Fräulein: Sophie Burger, Marie-Luise Grützner, Linda Hink, Bianca Hüttl, Marie-Luise Kövi, Elisabeth Künzel, Luzie Lohmeyer, Waltraud Marschner-Knöller, Antonia Morgenroth, Imre Myrethe, Birgit Pöhlmann, Kriemhild Ragotzky, Franziska Schierling, Eva Södel, Laura Stark, Tina Weinhold, Paula Zeller; Philipp Best, Fabian Bollig, Andreas Döbel, Andreas Gläßel, Dieter Höpfner, Alfred Maiwald, Walter Mandl, Jonas Milke, Richard Riedel, Michael Schmalfuß, David Kappauf, Klemens Pöllmann, Konstantin Popp
Alphorn: Gundolf Nandico / Frank Gerth
Kodotrommel: Andreas Schemmel
Regie: Michael Lerchenberg
Bühne: Konrad Kulke
Kostüme: Peter Jeremias, Heide Schiffer-El Fouly
Musik: Gundolf Nandico
Falkner: Albert Triebel
Choreographie des Kuß-Tanzes: Eva-Maria Lerchenberg-Thöny
Regieassistenz: Christoph Zauner Hospitanz: Luzie Lohmeyer Inspizienz: Dietmar Irmer Souffleuse: Christa Guck Maske: Sabine Tanriyiöver (Chefmaskenbildnerin), Renate Bauer, Christine Schmitt Kostümabteilung: Heide Schiffer-El Fouly (Leitung), Günther Biank (Gewandmeister), Kathleen Bogram, Gizella Koppany, Martina Krist, Berit Langer, Anja Müller, Malaika Rönneckendorf, Wiebke Strutz Requisite: Peter Schmidt (Leitung), Angelika Schleicher, Andreas Lüdke Ton & Pyrotechnik: Tobias Busch Beleuchtung: Thomas Ködel (Leitung), Andreas Lucas (Meister), Jürgen Dietl, Willi Nowotny, Horst Seibold Technische Leitung: Werner Moritz Bühnentechnik: Anton Freundorfer, Karl-Heinz Schmidt (Teamverantwortliche), Wolfgang Bienfang, Romuald Dembinski, Robert König, Gerhard Nelkel, Ralf Sommerer, Dieter Thiem, Thomas Tretter techn. Hilfskräfte: Andreas Bleile, Michael Milzarek, Sergej Raider, Karl Schmid, Ralf Winklmüller
Die Dekoration wurde in den Werkstätten des Städtischen Bauhofs Wunsiedel hergestellt.
Aufführungsrechte bei Felix Mitterer · Premiere: Freitag, 24.Juni 2005
Wir bedanken uns bei der Marktgemeinde Telfs, ihrem Bürgermeister, Herrn Dr. Stephan Opperer, und Herrn Rieger, Obmann der „Wilden”-Gruppe des „Telfer Schleicherlaufens” für die Leihgabe der „Wilden”-Kostüme und -Masken, bei der Bergwacht Wunsiedel und ihrem Leiter, Herrn Bäcker, für die Einweisung und Hilfestellung.
Die Wally ist das einzige Kind des „Höchstbauern” Stromminger. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Dieses einzige Kind, das sehr nach ihm geraten ist, hat der Höchstbauer in die Rolle des Hoferben hinein erzogen, und zwar so hart und unnachgiebig, wie er den Hof regiert: Er hat Wally „asterhaft viel gschlagen und aufzogen wia an Bubn”. Und er ist stolz auf „sein Werk”, denn Wally traut sich im Gegensatz zu den jungen Männern des Dorfes, ein Greifvogelnest auszuheben. Dies bringt ihr den Beinamen „Geierwally” ein.
Als Mann für die Wally hat der Höchstbauer den Nachbarssohn, den Gellner Vinzenz, ausgesucht. Vinzenz’ Vater ist auch an der Zusammenlegung der beiden Höfe interessiert und drängt Vinzenz zu dieser Verbindung: „Mir ham immer wieder zammgheiratet, mir Gellner und die Stromminger.”
Wally weigert sich, den Vinzenz zu nehmen. Sie entscheidet sich für den Jäger Josef Hagenbach, den „Bärenjosef”, der ihr als einziger ebenbürtig ist. Ähnlich wie sie „Geierwally” wird er „Bärenjosef” genannt, weil er den gefürchteten Bären erlegte.
In einem Streit mit dem Bärenjosef unterliegt der Höchstbauer, der daraufhin seine Autorität zu beweisen versucht, indem er die Hochzeit von Wally und Vinzenz festlegt. Nachdem sich die Wally, die vom Vater nicht einmal gefragt wurde, jetzt erst recht widersetzt, will der Vater, um eine weitere Niederlage zu vermeiden, die Zustimmung aus ihr herausprügeln, anschließend verbannt er sie in die unwirtliche Gletscherwelt und schafft Fakten: Er setzt den Vinzenz als Verwalter und testamentarisch als Hoferben ein.
Wally läßt sich nicht beugen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, weil der Bärenjosef von Wallys Liebe und ihrer Entscheidung gar nichts weiß. Sie kann sich ihm gegenüber nicht erklären. So isoliert sie sich zunehmend, wird zum Gespött des Dorfes, und es kommt zu Mißverständnissen, weil des Bärenjosefs Schwester Afra fälschlicherweise als dessen „Gspusi” angesehen wird. Daraufhin beschließt Wally, daß sie den Bärenjosef lieber tot, als nicht bekommen will...
Eine Geschichte mit Kultcharakter, fünfmal schon verfilmt und seit über 100 Jahren ein faszinierender Theater- und Opernstoff. Die Bauerntochter Walburga Stromminger verweigert sich dem patriarchalen Zwang des Vaters, den Nachbar-Bauern Vinzenz zu heiraten, da sie den „Bärenjosef” liebt. Ihr Vater verbannt sie mit ihrem Adler, der von ihrer „Heldentat” zeugt, in die eisige Welt der Gletscher. Und sie wird dort wie die Berge, denen sie trotzen muß: schroff und unbarmherzig!
Erst nach des Vaters Tod kehrt Wally zurück, ungebrochen, stolz als neue Herrin des Hofs. Als sie eine andere Frau an Josefs Seite sieht, kommt es zur Katastrophe ...
Eine Liebesgeschichte und Tragödie von fast archaischer Wucht, ein großartiges Stück Volkstheater von Felix Mitterer mit dem „Bergdoktor” Gerhart Lippert und der jungen Barbara Romaner, der Trägerin des Nachwuchspreises der Festspielstadt Wunsiedel 2004, in den Hauptrollen.
„Was sich noch kein Bursche getraut hat – Auf der Luisenburg wurde die 'Geierwally' gefeiert” - schrieb Peter Kühn in der AZ Nürnberg
Gar hochdramatisch, unheilschwanger und wild röhrt das Alphorn dröhnt die japanische Kodotrommel. Die Geierwally verschwindet im ewigen Eis. Für immer. Auch der treue Hansl kann sie nicht halten, nicht länger widersteht sie den raunenden Lockrufen der weißen Gletscher-Feen, der wundersamen „Saligen Fräulein”. Das kurze, harte, stolze Leben der Großbauern-Tochter Walburga, genannt „Geierwally” ist zu Ende. Und auf der Felsenbühne der Luisenburg bei Wunsiedel setzt ein zehnminütiger Beifallssturm ein. Intendant Michael Lerchenberg hat die Alpentragödie „Die Geierwally” als großes Volkstheater in Szene gesetzt, vielleicht ein wenig zu lang und manchmal etwas zäh, aber kräftig und kantig, wie halt die Tiroler „Weiber und Mander” sind.„Die Geierwally”, dieses auf dem Roman von Wilhelmine von Hillern basierende und vom Tiroler Felix Mitterer im Auftrag der Festspiele dramatisierte Stück ist ja auch wie geschaffen für die Luisenburg, das Fichtelgebirge als fast ideale Kulisse für das Ötztal und seine Gletscher. Da kann die Geierwally („I hab Mannsbluat”) waghalsig auf Felsen kraxeln und das Greifvogel-Nest ausheben, was sich kein Bursche getraut hat.
Ja, und dann der Star des Abends, der „Geier” Hansl, der aber ein Adler ist. Genau ein südrussischer Steppenadler; der vorn Marktredwitzer Falkner Albert Triebel trainiert wird. Hansl läßt sich durch nichts irritieren, ist perfekt im Zusammenspiel mit der furchtlosen Barbara Romaner als Geierwally. Wenn Hansl auftaucht prasselt der Applaus.
Die aus Südtirol stammende Hauptdarstellerin spielt die unbeugsame Geierwally fast holzschnittartig mit großem Körpereinsatz. Wally ist die Tochter des Höchstbauern (Gerhart Lippert als gefühlskalter Tyrann), der sie wie einen Buben erzogen hat. Sie soll Vinzenz heiraten. Doch diesen vor Liebe tollen, aber ansonsten widerwärtigen reichen Bauernsohn verachtet Wally. Da wird sie vom Vater in die unwirtliche Welt unterhalb der Gletscher verbannt. Für Wally gibt es nämlich nur einen: den armen Jäger Bärenjosef („Den will i”). Doch der hat nichts für sie übrig, demütigt sie sogar. So bleibt ihr als Gefährte nur der Hansl, den sie dereinst aus dem Nest geraubt hatte.Das Ensemble wird grandios unterstützt von den Virtuosen Andreas Schemmel (Kodotrommel) und Gundolf Nandico (Alphorn), von denen auch die unter den Zuschauern weilende frühere Kino-„Geierwally” Barbara Rütting, damals Erbin der Heidemarie Hatheyer, sehr angetan war.
Über allen kreist brav der Hansl.
Der lange, vergebliche Kampf um Liebe und Anerkennung – Großes modernes Volkstheater auf der Bühne der Luisenburg-Festspiele: begeisternde Premiere der „Geierwally”, schrieb Stefan Voit im Neuen Tag
Letztendlich wollen wir Menschen doch nur eines: geliebt werden! Der Kampf um Spitzenpositionen und Anerkennung drängt das Menschliche immer mehr in den Hintergrund. Machtstreben und Anhäufung von Reichtum stehen immer mehr im Mittelpunkt. Wie muß sich da eine junge Frau im 19. Jahrhundert gefühlt haben, die nichts anderes wollte, als geliebt zu werden. Doch um dies zu erreichen, muß die „Geierwally” kämpfen. Sie, die Tochter des mächtigen Höchstbauern Stromminger steht im Mittelpunkt des Volksstücks von Felix Mitterer, der dies speziell für die Luisenburg geschrieben hat. Brillant von Intendant Michael Lerchenberg inszeniert, eröffnete „Die Geierwally” am Freitag vor ausverkauftem Haus die Luisenburg-Festspiele. Das Publikum bedankte sich für diese fulminante Premiere mit minutenlangem Applaus.Barbara Rütting, Ehrengast und Alterspräsidentin des bayerischen Parlaments, die selbst vor fast 50 Jahren die „Geierwally” spielte, war ganz fasziniert von dieser Inszenierung. Sie lobte nicht nur das ihrer Meinung nach sehr politische Stück, sondern hob auch die Emanzipation der Frau in dieser Bearbeitung hervor.
Walburga Stromminger – mit Barbara Romaner, die zurecht 2004 den Theater-Nachwuchspreis erhielt, glänzend besetzt – muß ihr Leben lang um Anerkennung kämpfen. Ihr Vater; der mächtige Höchstbauer (überzeugend gespielt von Gerhart Lippert), sähe sie nicht nur gern als Sohn – so hart erzieht er sie auch –, sondern will sie mit dem reichen Bauernsohn Vinzenz Gellner (Christoph Baumann in einer starken Rolle) verheiraten. Doch die Liebe ist für die WalIy stärker als Macht und Geld: Sie will den „Bärenjosef” (ein kraftvoller Toni Schatz), der für sie Freiheit bedeutet.
Um ihrem Vater zu imponieren, holt sie einen Adler (Steppenadler Hansl) aus dem Nest, hat den Namen „Geierwally” weg und kämpft um Anerkennung. Doch vergebens: Der Höchstbauer bleibt grob, kantig, unnachgiebig. Als er in einem Ringkampf mit dem „Bärenjosef” unterliegt, legt der Stromminger, um seine Autorität zu beweisen, die Hochzeit fest. Nachdem sich die Wally jetzt erst recht widersetzt – auch Prügel helfen nicht –, verbannt er seine Tochter auf das Hochjoch – in die unwirtliche Gletscherwelt. Doch auch Eis, Kälte und Einsamkeit können ihr dort nichts anhaben. Die Liebe hält sie am Leben.
Im Dorf geht das Leben weiter: Wally wird zum Gespött und damit zunehmend isoliert, und Vinzenz als der Verwalter des Strommingers zweitmächtigster Mann. Er will mit aller Macht die Wally zur Frau. Auch ein neuerliches Treffen zwischen Tochter und Vater bringt keine Annäherung. In ihrer Verzweiflung zündet sie den Hof an und geht in die Berge zurück.
Der Stromminger kann es nicht verwinden, daß er seine Macht bei seinem Kind nicht durchsetzen kann. Er zahlt ein Kopfgeld für sie und sucht sie schließlich selbst – erfolglos. Erst als er im Sterben liegt treffen sie wieder auf einander. Doch es bleibt beim Versuch der Versöhnung.
Nach dem Tod des Strommingers ist sie seine Nachfolgerin, nimmt Züge ihres Vaters an, spielt selbst mit der Macht. Und sie will einen Mann: „Wer es schafft, mir einen Kuß zu geben, den heirate ich!” Viele kommen – der „Bärenjosef” nicht. Auch Vinzenz läßt nicht locker, erfährt aber ein ums andere Mal eine Abfuhr. Beim Tanz wird sie – nachdem sie dem Josef einen Kuß gegeben hat, vorn ihrer großen Liebe verspottet. Eifersucht kommt noch hinzu. ln ihrer Verletztheit beschließt sie, daß sie den „Bärenjosef” lieber tot als gar nicht bekommen will. Vinzenz weiß diese Zeichen zu deuten. Das Schicksal nimmt seinen Lauf...
Kräftig, kantig, dramatisch – so hat Mitterer dieses Stück im Tiroler Dialekt geschrieben. Die Dialoge sind spannend, emotional, manchmal fast poetisch. Michael Lerchenberg hat großes Volkstheater daraus gemacht: Die Bühne (Konrad Kulke) ist spartanisch und wird fast nur vom mächtigen Thron des Strommingers dominiert. Die Kulisse der Luisenburg mit Wald und Felsen (wunderbare Eiswelt) wird ideal in das Stück integriert und mit einer eindrucksvollen Musik (Gundolf Nandico und Andreas Schemmel) mit Alphorn und Kodotrommel unterlegt. Die „Wilden” führen mit ihren grimmigen Masken und bemoosten Kostümen durchs Programm, und das Ensemble zeigt eine geschlossene, spielfreudige und mehr als überzeugende Leistung. Von dieser Inszenierung wird man noch lange sprechen!
„Kein Gott und keine Grenzen” überschrieb Michael Thumser seine Rezension in der Frankenpost
An „entsetzliche” Zeiten knüpfen die Luisenburg-Festspiele an. Der Wunsiedler Bürgermeister Karl-Willi Beck zitierte den alten Historiographen Christoph Pachelbel, dem einst gehörig graute vor den „Nacht-Eulen, Uhuen und Geyern” im „modrichten” Revier. Nun kehrt das Raubzeug zurück: Ein waschechter Adler spreizt sich auf der Hand der Geierwally, der tragischen Titelheldin des Stücks, mit dem am Freitag die Sommersaison auf der Felsenbühne begann. Von hier ging einst die deutsche Naturtheaterbewegung aus, was der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf aus europäischer Sicht zu rühmen wußte, als er die Festspiele eröffnete. Zum Auftakt gab's regelmäßig Szenen- und immensen Schlußapplaus: Dem Premierenjubel nach eignet sich „Die Geierwally” zum Publikumshit.Von solchem Kompliment kann man halten, was man will: „An Schneid hat sie” staunen die Bergbauern über die Wally, die soeben, am Seil über steiler Felswand schwebend, ein Adlernest ausgenommen hat. Immer, gestehen die Mannsbilder respektvoll ihr zu, sei das Mädel „eh'r a Bua gwen”. Aber die Herzen gewinnt sie sich mit solchen Kraftakten nicht. „Er wehrt si', aber es nutzt eahm nix”, jauchzt sie von der Klippe, aIs sie den Jungvogel bändigt Die Burschen unten fürchten, es könnte ihnen bei ihr genauso ergehen.
Umworben wird sie gleichwohl. Erbin des reichen Stromminger-Hofes ist sie, Tochter des größten Bauern im Tal und genauso stolz und störrisch wie er. Als Felix Mitterer, der bekannte Tiroler Autor, Wilhelmine von Hillerns populären Roman von 1875 für die Luisenburg dramatisierte, da legte er die Konturen einer rauhen Maid wie die aller anderen Gestalten in dicken Holzschnittlinien fest: Ihm und dem Regisseur, dem Naturbühnen-Intendanten Michael Lerchenberg, geht es um die „Ehr im Leib” und um die Körperlichkeit des „Kraftkerls”, welchen Geschlechts auch immer er sei, um die „Liab", die zwei „bestimmt füreinand”, und um den Triumph des härtesten Dickschädels – all das ausdrücklich mit der Wucht einer „antiken Tragödie”. Wirklich kommt, auf den gefährlich schrägen, gletscher-schneeweißen Podien der sparsam ausstaffierten Bühne (Konrad Kulke), die Aufführung nicht knarrend daher wie auf den ausgeleierten Brettern des TV-„Bauerntheaters”: Stark ist das, Stück, sehnig, knorrig.
... Mag sein, daß Stück und Inszenierung nicht heranreichen an die Wichtig- und Nachdrücklichkeit der Mittererschen „Löwengrube” von 2003. Aber doch spannt eine Tragödie von Unerbittlichkeit und düsterer Strenge sich aus zwischen Glaube und Aberglaube, Marienprozession und dem Totentanz haariger Waldgeister, zwischen Selbstbehauptungsdrang und Generationenhierarchie. Alphorn- und Trommeldröhnen (Musik: Gundolf Nandico) durchpulst die Szenen auf eine fantastische Art, die viel für den Ausgang verheißt: das Schlimmste.
Bärbeißig macht sich Wallys Vater zum Motor des Verhängnisses: Barsch und bitter zeichnet ihn Gerhart Lippert, aus verheimlichter Traurigkeit zur Gewalttat neigend, sich aufwerfend zum „Richter” und „König”, zum „Gott”. Krachend gibt seine Kehle die wortkarge Härte des Tiroler Idioms vor, das die Aufführung färbt... Neben dem altersstarrsinnigen Stromminger-Bauern bestehen jüngere Männer nicht leicht: Christoph Baumann als Vinzenz, der Wunsch-Schwiegersohn des Patriarchen darf sich, wenn auch arg geradlinig, als Schleimer, Schleicher, Kriecher verwirklichen. Den weit strammeren Jäger Josef hingegen jenen „Bärenhäuter” den die Geierwally sich zur „Liab” ausersieht, lassen Autor, Regisseur und Darsteller Toni Schatz als Charakter blaß.Umso facettenreicher die Wally selbst: Barbara Romaner, 2004 geehrt mit dem ersten Luisenburg-Nachwuchspreis, bündelt die Titelfigur zum „Kraftkerl” im Rock, zum „Buam” mit weiblichem Sentiment. Sehnen hat sie wie Bergsteigerseile, Muskeln wie Alpenfelsbrocken. Aber "a warms Bluat" hat sie auch, das zu Gletschereis gerinnt, als der Vater sie unter die Schneegipfel verbannt – und erst recht, als selbst der Naturbursch sie verhöhnt, für den sie doch solche Schmach auf sich nahm. Keinen Gott und keine Grenzen erkennt sie an; sie wehrt sich, aber es nützt ihr nichts. Aus Enttäuschung wird sie selber grausam: Daß Wally eine „Fremde” bleibt, im Alpendorf wie auf der Luisenburg, ist das gediegenste Schauspielkunststück dieser Produktion.
Andere Kunststücke vollbringt Barbara Romaner auch: Statt eines Geiers trägt sie einen Adler – harmlos HansI geheißen – auf der geballten Faust, als ob sie seit jeher Umgang pflegte mit seinesgleichen. Mehr als nur pittoreske Beigabe: Symbol ist der Vogel für strotzende Kraft, der ein fremder Wille sich aufzwingt. Vielleicht auch, ins Tirolerische übersetzt, antike Reminiszenz: Keinen Adler zwar, doch eine „Nacht-Eule” trug einst Athene mit sich.
Der prächtige Adler Hansl ist der Star des Abends – Die „Geierwally” ganz authentisch auf der Naturbühne: Ovationen bei den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel, von Susanne Ziegler in den Nürnberger Nachrichten
Feurig blickt die unbeugsame Bauerntochter WalIy vorn Felsen der Naturbühne auf die Zuschauer herunter. Manns genug den Adlerhorst auszuheben, sei sie – ein Kunststück, das selbst die tapfersten Burschen des Dorfes nicht gewagt haben. Gesagt, getan: Wally schwingt sich schneidig über den Felsrand, seilt sich ab, packt kurzerhand den Adler und kehrt in einem Triumphzug zurück ins väterliche Haus. Fortan wird sie nur noch „die GeierwaIly” genannt.Der furiose Auftakt der Luisenburg-Festspiele ist Programm. Regisseur und Intendant Michael Lerchenberg setzt bei seiner Inszenierung auf große Effekte, ohne dabei aber die Einfachheit, die Archaik des Stoffes ans den Augen zu verlieren. AIphörner und Trommeln schaffen mystische Stimmung, Dutzende Schauspieler und Statisten in originalen Trachten kommen zum Einsatz ebenso wie der Star des Abends: Hansl, ein prächtiger Steppenadler, dreht hin und wieder eine Runde über die Bühne und wartet ansonsten brav auf seinem Platz.
Alles ist bei dieser „Geierwally” im Fluß, wirkt authentisch, ohne sich das Stigma der Werktreue anheften lassen zu müssen. Der bekannte österreichische Drehbuch- und Stückeschreiber Felix Mitterer („In der Löwengrube”) hat für die Luisenburg eine kompakte Bühnenfassung vorgelegt, die die Akteure im perfekt akzentuiertem Tirolerisch zum Besten geben. Konrad Kulke bastelte zwei schräge Rampen für die Vorderbühne, die den Hof des Höchstbauern Stromminger, Wallys Vater, andeuten. Hier bahnt sich die Tragödie der Geierwally alias Barbara Romaner an. Nur der „Bärenjosef” ein armer aber kühner Jäger, kann es mit ihr aufnehmen, ihr Herz gewinnen. Vater Stromminger (ohne Schnörkel: Gerhart Lippert) aber hat den faden Vinzenz für die Zeugung des Erbfolgers vorgesehen. WaIly verläßt den Hof, geht ins Gebirg. Erst als der gebrochene Vater im Sterben liegt, ist die Aussöhnung möglich. Das Happy End aber bleibt aus: Vinzenz erschießt aus einem Mißverständnis heraus Josef. Erlösung von ihrer Liebe findet Geierwally nur noch im ewigen Eis der Gletscher.
Trotz des traurigen Endes feierte das Publikum eine geschlossene Ensembleleistung und die unaufdringliche, gut gesetzte Regie mit stehenden Ovationen...
„Aus Liebe hassen lernen” überschrieb Illa Baumer ihren Bericht in der „Rundschau” über das „unvergeßliche Erlebnis 'Geierwally' auf der Luisenburg-Bühne”:
Wally klettert in den Fels, um sich eines der Adlerjungen aus dem Nest zu holen. Sie schafft es und ab jetzt wird sie nur noch „Geierwally” gerufen.Daß es just zehn Minuten vorher in Strömen geregnet hat und der Fels der Luisenburg-Bühne noch klitschnass in der Abendsonne glänzt, hält Barbara Romaner als „Geierwally” nicht von dieser Klettertour ab. Sie zieht das durch, wie gefährlich es auch immer ist, sich in pauschigen Röcken abzuseilen. Nur Steppenadler Hansl hat Bedenken. Statt als wütende „Greifvogelmutter” auf die im Seil hängende Wally loszugehen, zieht er es vor, in dieser Szene unterhalb des Felsen Position zu beziehen.
Den Schnitzer des geflügelten Gastschauspielers bemerkt kaum einer, denn Barbara Romaner hat das Publikum schon fest im Griff. Und sie behält zweieinhalb Stunden lang die Oberhand. Als selbstbewußte, störrische, mal erotische, dann wieder männerfeindliche, ihrem Vater gegenüber jedoch stets anerzogen-demütige „Geierwally” herrscht die junge Schauspielerin über sämtliche Ebenen der Luisenburg, als wäre diese (Bühnen-)Welt alleine ihr Reich.
Um dieser Geierwally gerecht zu werden, müssen sich Vater Höchstbauer Stromminger (Gerhart Lippert), ihr vom Vater anbefohlener Bräutigam Vinzenz Gellner (Christoph Baumann) und der bärenstarke „Bärenjosef” (Toni Schatz) mächtig ins Zeug legen. Nur Christoph Baumann schafft es, ihr wirklich Paroli zu bieten! Die „Mann-Frau” zeigt sich aber auch einsam, liebestrunken und krank vor Gram - sie will nur einen, den Bärenjosef, der sie nicht erhört. Doch nur in den schroffen Gletschern - wohin sie der Vater verbannt hat, weil sie den Gellner nicht heiraten will - wird das Frau-Sein in ihr wach. Eisig-blau leuchten die Luisenburgfelsen (geniale Technik), wo die Geierwally hoch oben mit sich alleine ringt, ob sie weiter um den Bärenjosef kämpfen oder sich den kalten „Saligen-Fräulein” den Nebelfeen - ergeben soll. Diese buhlen mit echoverzerrten Stimmen um die Wally - sie solle eine von ihnen werden, dann sei sie endlich frei von Gefühlen und schmerzvollem Liebeskummer. Aber die Wally ist keine, die aufgibt. Sie steigt hinab zum Vater, auf dem Buckel die sterbende Magd Luckard (Zita Kobler), die vom Hof gejagt wurde. Nur noch tot bringt sie die Magd zurück. Sie schlägt den Gellner-Vinzenz, der sich als Verwalter beim Vater eingeschlichen hat dafür halbtot, zündet gar den elterlichen Hof an.Aus der geliebten Tochter wird eine Verhaßte, auf die der Vater ein Kopfgeld aussetzt und die bei der Flucht in die Berge beinahe draufgeht... Der Vater stirbt, Wally ist ganz Tochter: Als Höchstbäuerin auf dem geerbten Hof fühlt sie in seinem Sinne ein strenges Regime. Und sie spielt mit den Männern im Dorf. Barbara Romaner eignet sich auch diesen Charakterzug der charismatischen Romanfigur an, als sei sie nicht Schauspielerin, sondern die Geierwally und Höchstbäuerin wer sonst? „Nur, wer es schafft, mich zu küssen, den werde ich heiraten”, gibt sie hochmütig bekannt. Reihenweise legt sie die Bewerber aufs Kreuz, bis sich keiner mehr in ihre Nähe wagt. Nur der Bärenjosef war noch nicht hier. Dabei hat die Wally gerade auf ihn gehofft, daß er die Herausforderung annimmt.
Vinzenz Gellner läßt nicht locker. Von ihr als Verwalter entlassen, kriecht er trotzdem vor ihren Füllen - weil er sie liebt. Christoph Baumann hat’s drauf, das Menschliche: Brust raus als eitler Verwalter des Höchstbauern, benimmt er sich schleimig-intrigant, so gar nicht der Ehrenmann, den er vorgibt. Dieser Liebestolle tut alles für Wally auch töten! Das Verhängnis nimmt seinen Lauf! Vinzenz erschießt den Bärenjosef just als dieser oben in den Gletschern der Wally seine Liebe gestehen will...
Gebannt bis zum Schluß bleibt also der Blick des Publikums in der Felsenkulisse hängen. Denn wenn sich auch etwa die Hälfte des Dramas um die wortkargen Bewohner des Ötztals und ihrer Beziehung zur Geierwally unten auf den zwei weißen Bühnenplattformen mit überdimensionalem weißen Stuhl als „Höchstbauern-Thron” abspielt, ist die einsame Geierwally oben im Fels die beliebtere. Dieser leidenden „Tiroler Julia”, die zuletzt nur noch tot bekommt, was sie schier erzwingen wollte den Bärenjosef - gilt die Sympathie der Zuschauer. Der langanhaltende Applaus freilich ist dem gesamten hervorragenden Ensemble gewidmet, einschließlich dem handzahmen Adler Hansl, wohl ohne - sein Wissen ebenfalls ein schauspielerisches Naturtalent.