Konstantin Bühler

Statt einer Biographie die Laudatio zum Rosenthal-Nachwuchspreis von Eva-Maria Fischer:

"Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein, und bei meiner Ehre! Ich will sie geltend machen. ­ Warum  bin ich nicht der erste aus dem Mutterleib gekrochen? Warum nicht der einzige?", fragt Franz Moor in Friedrich Schillers Schauspiel "Die Räuber". Eine biblische, eine zutiefst existentielle Frage ist es, die ihn quält. Ihn, der in seiner Verachtung das Leben, selbst das eigene, und alle Sinnlichkeit als "morastischen Zirkel menschlicher Bestimmung" abtut. "Nein! nein!", setzt er nach, "Ich tu ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungsgeist mitÉ" Die scheinbar vergebliche Sinnsuche lässt Franz zum Intriganten werden, einem heimtückischen Verleumder, der tatsächlich über Leichen geht. Seinem Darsteller auf der Luisenburg-Bühne  hat die Natur wohl besser mitgespielt. Sie hat ihm etwas Großartiges mitgegeben: Talent. Die Kraft, sich die Haltung, die Sprache, die Gefühle anderer anzueignen, um sie dem Publikum begreiflich werden zu lassen. Auch das Niedrige, das Böse, das zutiefst Unsympathische.

Schlüpft er hier schon in die Rolle eines bigotten Widerlings, nicht genug damit, in Michael Lerchenbergs Inszenierung von "Zwölfeläuten" zeigt er einen zackigen, höchst gefährlichen Hauptsturmführer der Waffen-SS. Einen Vertreter der Macht, der jeden Widerstand gleich im Keim ersticken will. Persönliche Schicksale gibt es für SS-Kroll nicht. Die Teile des Systems haben zu funktionieren. Wie kann dies ein Vertreter der heutigen Generation  so glaubwürdig vermitteln, wie wir es alle hier erleben? Zum einen hatte er buchstäblich "Schützenhilfe" von seinen älteren Kollegen bekommen, zuvorderst Adolf Adam, der die Zeit der Nationalsozialisten selbst  als Soldat miterlebt hat und mit ihm das damals korrekte Exerzieren geübt hat. Dazu kommt seine zweifellos große Sensibilität für seine Figuren und  die  Beherrschung seines Handwerks. Denn der gebürtige Düsseldorfer hat nie eine Kaserne von innen gesehen. Nach dem Abitur leistete er alternativ den Zivildienst ab und absolvierte danach den Schauspielstudiengang an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Nach Engagements am Theater Heidelberg und am Landestheater Linz, kam er auf Vorschlag von seinem Regisseur Wolfgang Maria Bauer zu den Luisenburg-Festspielen nach Wunsiedel. Michael Lerchenberg sah ihn in einem Projekt in der Münchner Muffathalle agieren, und war sogleich von seinem Können so überzeugt, dass er ihm auf Anhieb diese beiden großen Rollen zutraute.   

Und er schaffte es, den für manche Zuschauer sprachlich sperrigen Klassiker lebendig und heutig werden zu lassen. Das Publikum wurde nicht satt, ihm dafür mit Szenenapplaus zu danken. Und er schaffte es, das Gefühl einer Epoche zu verdeutlichen, für die wir man sich in der Bundesrepublik Deutschland heute mehr oder minder vage schämt, die uns aber wegen der immer weniger werdenden Zeitzeugen allmählich zu entgleiten droht. Seine starke Bühnenpräsenz half mit, all die Facetten von Betroffenheit, Komik und Groteske aufzubauen, von der dieser tiefgründige Schwank zehrt, der in dieser finsteren Zeit kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in der Steiermark verortet ist.  Er schaffte es auch, neugierig zu werden, wie er in noch viele andere Rollen schlüpfen würde, auch in brave, sympathische und komische:

Der Rosenthal-Nachwuchspreis wird in diesem Jahr dem 29-jährigen Konstantin Bühler verliehen. Wir gratulieren von Herzen.